Die Autoren und Autorinnen sehen darin eine Verlängerung der in eingeschränkter Gesundheit verbrachten Lebensphase: Längeres Leben geht bislang nicht mit einem entsprechenden Gewinn an gesunden Lebensjahren einher.
Deutschland lag 2023 mit 11,9 Jahren im internationalen Vergleich auf Rang 34. Im Jahr 1990 betrug der Morbiditätsabstand 10,1 Jahre; damit erhöhte er sich um 1,8 Jahre oder 18,1 %. Die Daten sprechen somit nicht für eine Kompression von Morbidität, bei der Erkrankungen und funktionelle Einschränkungen in eine kürzere Lebensphase am Ende des Lebens verschoben würden. Allerdings handelt es sich um modellierte bevölkerungsbezogene Schätzungen; die Unsicherheitsintervalle einzelner Länderwerte überlappen teilweise.
Mehr als die Hälfte der weltweit in eingeschränkter Gesundheit verbrachten Jahre entfiel 2023 auf fünf überwiegend nicht tödliche Krankheitsgruppen: muskuloskelettale Erkrankungen, insbesondere Kreuzschmerz, psychische Erkrankungen, Erkrankungen der Sinnesorgane wie altersbedingter Hörverlust, unbeabsichtigte Verletzungen, vor allem Stürze, sowie weitere nicht übertragbare Erkrankungen. Frauen lebten in allen Entwicklungsstufen länger, verbrachten jedoch zugleich mehr Jahre bei eingeschränkter Gesundheit als Männer: global 12,1 gegenüber 9,3 Jahren.
Bedeutung einer frühzeitigen und langfristigen Prävention
Für die hausärztliche Prävention unterstreicht die Studie die Bedeutung einer frühzeitigen und langfristigen Prävention chronischer Erkrankungen. Als wesentliche, prinzipiell beeinflussbare Risikofaktoren identifiziert die Analyse erhöhte Nüchternglukose, hohen Body-Mass-Index und Tabakkonsum. In Ländern mit hohem soziodemografischem Entwicklungsindex spielen insbesondere metabolische und verhaltensbezogene Risiken eine große Rolle. Aus den führenden Ursachen der Morbiditätslast lassen sich zudem Konsequenzen für die Praxis ableiten: psychische Erkrankungen früh erkennen und behandeln, Stürze vermeiden sowie Mobilität und Sinnesfunktionen möglichst lange erhalten.
Die Autoreninnen und Autoren plädieren deshalb dafür, den Erfolg von Gesundheitssystemen nicht nur an sinkender Sterblichkeit und steigender Lebenserwartung zu messen. Entscheidend sei ebenso, ob es gelingt, die Zahl der in schlechter Gesundheit verbrachten Jahre zu verringern. Fortschritte beim gesunden Altern erfordern danach mehr Prävention, Rehabilitation, Versorgung psychischer und chronischer Erkrankungen sowie eine konsequente Reduktion modifizierbarer Risiken.
Die Aussagekraft der Studienergebnisse bleibt jedoch durch GBD-typische Modellannahmen begrenzt: Die Schätzungen beruhen unter anderem auf Daten zur Krankheitslast, Behinderungsgewichten und statistischer Modellierung. Verbesserte Diagnostik, erweitertes Screening und veränderte Krankheitsklassifikationen können zeitliche Trends zusätzlich beeinflussen. Zudem bilden nationale Mittelwerte weder individuelle Verläufe noch regionale und soziale Unterschiede vollständig ab. rb
Für einen erstmaligen Therapieversuch schreibt die neue Regelung einen sechsmonatigen Vorrang cannabishaltiger Fertigarzneimittel vor. Nach anfänglicher gemeinsamer Auffassung von KBV und GKV-Spitzenverband sollte dieser Vorrang nur gelten, wenn ein Fertigarzneimittel für die jeweilige Indikation zugelassen ist.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) vertritt nach erneuter rechtlicher Prüfung inzwischen eine weitergehende Position: Bei jeder Erstverordnung müsse zunächst ein cannabishaltiges Fertigarzneimittel eingesetzt werden – auch außerhalb des zugelassenen Anwendungsgebietes. Erst bei erfolglosem Therapieversuch oder Unverträglichkeit könne zu anderen Cannabisarzneimitteln, etwa standardisierten Extrakten oder Rezepturen, gewechselt werden. Der Therapieversuch kann dabei auch vor Ablauf der sechs Monate abgebrochen werden. Ein zweites Fertigarzneimittel muss nach KBV-Auslegung nicht erprobt werden.
Umstellung auf anderes Cannabisarzneimittel
Der GKV-Spitzenverband hält laut KBV weiterhin an der früheren, indikationsbezogenen Lesart fest. Damit ist die Rechtsauslegung für neue Cannabistherapien außerhalb zugelassener Anwendungsgebiete derzeit strittig; die KBV erwartet eine Klarstellung durch das Bundesgesundheitsministerium.
Bestehende Behandlungen mit Cannabisextrakten oder Rezepturen können nach Angaben der KBV fortgeführt werden; der sechsmonatige Therapieversuch betrifft diese Patientinnen und Patienten nicht. Wer bisher Cannabisblüten erhielt, kann ohne vorherigen Fertigarzneimittelversuch auf ein anderes Cannabisarzneimittel umgestellt werden. Dafür ist grundsätzlich eine erneute Genehmigung der Krankenkasse erforderlich, sofern die verordnende Ärztin oder der Arzt nicht vom Genehmigungsvorbehalt befreit ist.
Hinweis: Die Themenseite „Cannabisarzneimittel“ der KBV fasst aktuell die für die Verordnung zulasten der GKV relevanten Regelungen zusammen (https://www.kbv.de/praxis/verordnungen/arzneimittel/cannabis). rb
Für die hausärztliche Beratung heißt das: Bei persistierenden Ein- oder Durchschlafstörungen, ausgeprägter Tagesmüdigkeit, Schnarchen mit Atempausen oder relevantem Leidensdruck sollte nicht auf App-Daten vertraut, sondern eine strukturierte Anamnese und gegebenenfalls schlafmedizinische Diagnostik veranlasst werden. Die meisten Validierungsstudien wurden zudem mit gesunden Personen durchgeführt. In einer Vergleichsstudie mit sechs verbreiteten Wearables war zwar die Unterscheidung zwischen Schlaf und Wachzustand relativ zuverlässig, die Erfassung einzelner Schlafstadien wich jedoch deutlich stärker von der Polysomnographie ab (DOI 10.3390/s22166317).
Zum Problem kann zudem die sogenannte Orthosomnie werden: Das wiederholte Kontrollieren und Optimieren vermeintlicher Schlafparameter kann den Fokus auf den Schlaf verstärken, Verunsicherung fördern und Schlafprobleme aufrechterhalten. Eine Querschnittsstudie mit 523 Erwachsenen schätzte die Prävalenz – abhängig von der gewählten Definition – auf 3,0 bis 14,0 Prozent. Die obere Schätzung sollte daher nicht als gesicherte Häufigkeit bei allen Tracker-Nutzenden verstanden werden (DOI 10.3390/brainsci14111123).
Digitale Anwendungen können dennoch sinnvoll sein, wenn sie wissenschaftlich evaluiert und in ein diagnostisches beziehungsweise therapeutisches Konzept eingebettet sind. Wearables können dabei orientierende Informationen zum Schlaf liefern; sie ersetzen aber weder die klinische Beurteilung noch validierte schlafmedizinische Verfahren (DOI 10.1093/sleepadvances/zpaf021).