In der multizentrischen Studie wurden 92 MINOCA-Patientinnen und -Patienten entweder einer stratifizierten Behandlung oder der Standardtherapie zugeteilt. Die Interventionsgruppe erhielt eine detaillierte Ursachenabklärung mit intravaskulärer Bildgebung (optische Kohärenztomographie, OCT), Vasomotorik-Testung mittels Acetylcholin und ergänzender Bildgebung, um den Infarktmechanismus präzise zu bestimmen. Anschließend erfolgte eine darauf abgestimmte Therapie. Die Kontrollgruppe wurde leitliniengerecht nach Standard für den Myokardinfarkt behandelt, ohne gezielte MINOCA-spezifische Diagnostik. Nach zwölf Monaten zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Die stratifiziert behandelten Patientinnen und Patienten berichteten eine signifikant bessere Angina-bezogene Lebensqualität, gemessen am Seattle Angina Questionnaire. Der Unterschied betrug fast zehn Punkte – ein klinisch relevanter Effekt. Auch die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse war numerisch niedriger, ohne statistische Signifikanz, was bei der geringen Fallzahl nicht überrascht.
Ursachenfindung lohnt sich
Bemerkenswert war die diagnostische Ausbeute. In der Interventionsgruppe konnte bei rund 80 % eine spezifische Ursache identifiziert werden. Häufigster Mechanismus war ein epikardialer oder mikrovaskulärer Spasmus, gefolgt von atherosklerotischer Plaque-Instabilität und spontaner Koronardissektion. In über drei Vierteln der Fälle führte die erweiterte Diagnostik zu einer Änderung oder Präzisierung der anfänglichen Verdachtsdiagnose. Das zeigt, wie unsicher die Erstbeurteilung sein kann – und wie riskant ein pauschales Vorgehen. Denn eine einheitliche Standardtherapie kann je nach Mechanismus sogar ungünstig wirken. Betablocker etwa sind bei vasospastischer Angina problematisch, während eine antithrombozytäre Therapie bei embolischer Genese nicht ausreicht.
Die PROMISE-Studie zeigt damit, dass nicht alle MINOCA-Patientinnen und -Patienten gleich sind. Eine individuelle, ursachenorientierte Diagnostik lohnt sich – trotz des Aufwands. Zwar war die Studie klein und nicht auf harte Endpunkte ausgelegt, doch sie weist den Weg zu einer personalisierten Behandlung und dürfte künftige Leitlinien beeinflussen. Ein Schritt weg vom Einheitsprotokoll, hin zu einer präziseren, klinisch durchdachten Versorgung einer oft übersehenen Patientengruppe.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den klassischen Beratungsanlässen in der hausärztlichen Praxis – und sind immer noch die häufigste Todesursache. Umso wichtiger, hier präventiv anzusetzen. Vor diesem Hintergrund hat die DEGAM vor fast zehn Jahren die erste S3-Leitlinie zur hausärztlichen Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention erstellt. Nun wurde die Leitlinie aktualisiert und mit neuen mehrsprachigen Patienteninformationen veröffentlicht. Im Mittelpunkt der Leitlinien-Empfehlungen zur Risikoberatung steht nach wie vor ein gesunder Lebensstil. Die Arbeit wurde vom Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gefördert.
„Die gemeinsame Entscheidungsfindung ist eine der wichtigsten Grundlagen in der hausärztlichen Praxis. Dafür braucht es Wissen zur aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz. Mit unseren Leitlinien ermöglichen wir es, auf Grundlage dieser Evidenz eine gut informierte Entscheidung zu fällen“, kommentiert Prof. Dr. med. Eva Hummers, Präsidentin der DEGAM. „Gleichzeitig nehmen wir mit der Leitlinienarbeit unsere gesellschaftliche Verantwortung wahr, indem wir abwägen, ob Interventionen zielführend und effizient sind.“
Beratung in der hausärztlichen Praxis
Die S3-Leitlinie richtet sich an Hausärztinnen und Hausärzte, die Patienten ohne manifeste kardiovaskuläre Vorerkrankung zu präventiven Optionen informieren. „Es war uns als Autorinnen und Autoren wichtig, den beratenden Aspekt ins Zentrum zu rücken. Das Ziel ist es, dass die Betroffenen selbstbestimmt entscheiden, welche Art der Prävention für sie am besten passt“, kommentiert Prof. Dr. med. Erika Baum, Past-Präsidentin der DEGAM und Autorin der Leitlinie.
Ihr Kollege, Dr. Jörg Haasenritter, Pflegewissenschaftler und Methodikexperte, ergänzt als koordinierender Autor der Leitlinie: „Eine Beratung zum individuellen kardiovaskulären Risiko ist dann erfolgreich, wenn die Patientinnen und Patienten die Optionen verstehen und einordnen können. Also zum Beispiel, dass Medikamente wie Statine eine wichtige Option sind – ebenso wie Lebensstilfaktoren“.
Neue und übernommene Botschaften der Leitlinie
Die aktualisierte Leitlinie beinhaltet 28 Empfehlungen und vier Statements.
Die Sichtung der Evidenz hat gezeigt, dass die wichtigsten Botschaften im Vergleich zur Vorgängerversion gleich geblieben sind. Neu aufgenommen wurden folgende Empfehlungen: viel Bewegung (und wenig Sitzen!), möglichst geringer Alkoholkonsum und eine ausgewogene, möglichst pflanzlich basierte Ernährung. Neu ist zudem eine Empfehlung zum Absetzen von Statinen. Laut der Arbeitsgruppe berücksichtigt die neue Version jetzt auch die besonderen Belange von Menschen mit Diabetes, zwei oder mehr chronischen Erkrankungen, von Menschen mit einer Migrationsgeschichte sowie unterschiedliche Altersgruppen. Neu ist auch, dass die Arbeit an der Leitlinie von einem Patientenbeirat begleitet wurde.
Die S3-Leitlinie „Hausärztliche Risikoberatung zur kardiovaskulären Prävention“ steht online zur Verfügung unter https://www.degam.de/leitlinie-s3-053-024
Krebsbedingte Fatigue bei Kindern und Jugendlichen ist ein bislang wenig erforschtes Thema, trotz ihrer weitreichenden Bedeutung für den Alltag von Betroffenen und Familien. Ein Team um Roman Crazzolara von der Universitätsklinik für Pädiatrie I hat auf Basis der Innsbrucker ePROtect-Studie Daten aus einer Zeitspanne von vier Jahren systematisch ausgewertet. „Wir konnten erstmals detailliert beschreiben, wie sich körperliche Fatigue im Verlauf der Krebserkrankung und unter Chemo- bzw. Immuntherapie verändert. Unsere Ergebnisse sollen helfen, krankheits- und therapiebedingte Belastungsspitzen besser zu erkennen und gezielt zu behandeln“, so Crazzolara.
Forschung inkludiert Patient:innenperspektive
Im Zeitraum von Mai 2020 bis Dezember 2024 wurden im Zuge der ePROtect-Studie regelmäßig Symptome erhoben, die direkt von an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre – je nach Alter auch von deren Eltern – über die ePROtect-App übermittelt wurden. „Insgesamt lagen uns damit über 11.000 persönliche Einschätzungen, sog. Assessments, des gesundheitlichen und körperlichen Befindens vor, die auf einer Skala von 0 für sehr starke Fatigue bis 100 für keine Fatigue eingeordnet wurden. So konnten wir die Symptome im Behandlungsalltag engmaschig dokumentieren und die Befunde krankheits- wie auch therapiebezogen zuordnen“, berichtet Studienerstautor Alexander Tilg. Dieser einzigartige Forschungsansatz spiegelt den Schwerpunkt der Innsbrucker Kinderonkologie wider, nämlich, die Perspektive der jungen Patientinnen und Patienten mittels Patient-Reportet Outcome Measures unmittelbar in den Behandlungsprozess einzubeziehen.
Gamechanger Immuntherapie
Die zentrale Erkenntnis aus der Innsbrucker Studie: Fatigue verläuft wellenförmig und unterscheidet sich je nach Erkrankung und Therapieabschnitt. Besonders ausgeprägt ist die körperliche Erschöpfung bei Non Hodgkin-Lymphomen und akuter myeloischer Leukämie. Am Beispiel der häufigen akuten lymphatischen Leukämie (ALL, Nicht Hochrisiko) zeigte sich, dass zu Beginn der Erkrankung eine relevante Fatigue besteht, gefolgt von einer Erholung in der Konsolidierungsphase, ehe es nach einer Glukokortikoid-Gabe (Immunsuppressiva) zu einem deutlichen Einbruch kommt. „Unsere Analyse zeigt sehr deutlich, dass Glukokortikoide die Fatigue messbar verschlechtern, während sich die körperliche Verfassung unter Immuntherapie, wie etwa der Antikörpertherapie mit Blinatumomab, erheblich verbessert“, beschreibt Tilg die weitreichenden Ergebnisse.
Gezieltes Körper-Training
Auf Basis der gewonnenen Daten wurden an der Kinderklinik Innsbruck in einem Pilotprojekt bereits konkrete Schritte abgeleitet: In Zusammenarbeit mit dem Institut für Sportwissenschaft der Leopold-Franzens Universität Innsbruck wurden Kinder in Phasen, in denen Fatigue nachweisbar ansteigt, durch gezieltes körperliches Training wie Kraftübungen physisch wie psychisch gestärkt. Dem abgeschlossenen Pilot-Projekt soll schon bald eine klinische Interventionsstudie folgen, um strukturierte Bewegungs- und Kraftprogramme wissenschaftlich zu überprüfen. „Parallel wird auch die telemedizinische Begleitung ausgebaut, um die Eigenverantwortung (Self Empowerment) und das Selbstmanagement der Patientinnen und Patienten zu stärken. Geplant ist eine technisch breitere Umsetzung sowie die Kooperation mit weiteren kinderonkologischen Zentren“, so Crazzolara.
Das Konzept, die Fatigue nicht nur besser zu verstehen, sondern im klinischen Alltag wirksam zu reduzieren und damit die Lebensqualität junger Patientinnen und Patienten spürbar zu verbessern, könnte längerfristig auch als Modell für erwachsene Patientengruppen dienen.