Die Zahl der neu diagnostizierten Fälle schwankte dabei erheblich: Während im KV-Bereich Nordrhein 116 Fälle je 100.000 Versicherte registriert wurden, lag Sachsen mit 361 Fällen an der Spitze. Besonders hohe Inzidenzen sind zudem in Thüringen (342), Bayern (311), Brandenburg (310), Mecklenburg-Vorpommern (310) sowie in Sachsen-Anhalt (284) dokumentiert worden. Auf Kreisebene sind die Höchstwerte im Landkreis Freyung-Grafenau (Bayern) mit 703 sowie im Saale-Holzland-Kreis (Thüringen) mit 639 Fällen erreicht worden. Stark erhöhte Werte mit deutlich über 400 Fällen lagen insbesondere im Osten Niederbayerns, Thüringens und an der Grenze zu Tschechien in Sachsen. Niedrig-Inzidenz-Cluster, das heißt räumlich eingegrenzte Gruppen benachbarter Kreise mit relativ niedrigen Werten, waren mit Ausnahme Bayerns in allen westdeutschen KV-Regionen zu beobachten. Das räumlich größte zusammenhängende Gebiet erstreckte sich über weite Teile von Nordrhein-Westfalen. Bundesweit lag die Inzidenz 2024 bei 221 neu diagnostizierten Fällen pro 100.000 gesetzlich Versicherte. Dies ist ein moderater Anstieg im Vergleich zum Vorjahr (207 Fälle pro 100.000). Schwankungen der Borreliose-Inzidenz von Jahr zu Jahr sind nicht ungewöhnlich: Seit 2018 ist der niedrigste Wert mit 203 Fällen pro 100.000 Personen im Jahr 2022 erreicht worden, während der Höchstwert in der Corona-Pandemie im Jahr 2020 mit 241 Fällen auftrat.
„Die Einflussfaktoren der Lyme-Borreliose-Inzidenz sind vielfältig. Es zeigt sich jedoch, dass klimatische Bedingungen – etwa mildere Winter sowie wärmere und feuchtere Perioden vom Frühjahr bis in den Herbst – in bestimmten Regionen zu einem Anstieg der Infektions- und Erkrankungszahlen beitragen können. Diese Faktoren verlängern die Aktivitätsdauer und erhöhen die Dichte der Zecken. Dadurch kommt es häufiger zu Kontakten zwischen Menschen und Parasiten. Präventive Maßnahmen im Gesundheitsschutz gewinnen daher zunehmend an Bedeutung. Unsere aktuellen Analysen zur Verbreitung der Borreliose liefern eine verlässliche und räumlich detaillierte Basis, um gezielte Präventionsstrategien zur Senkung des Infektionsrisikos zu entwickeln“, erklärte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Dominik von Stillfried.
Hintergrund: Die Lyme-Borreliose stellt die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit in Europa dar. Ausgelöst wird sie durch Bakterien der Gattung Borrelia, deren Hauptreservoir Mäuse und Vögel sind. In Europa erfolgt die Übertragung überwiegend durch den Stich der Zeckenart Ixodes ricinus. Die Erkrankung kann verschiedene Organsysteme betreffen, insbesondere die Haut, das Nervensystem und die Gelenke. Die klinischen Ausprägungen reichen von milden Formen wie dem Erythema migrans (auch als Wanderröte bekannt) bis hin zu schweren Verläufen, etwa einer Hirnhautentzündung (Meningitis). Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Eine zugelassene Schutzimpfung steht in Deutschland bislang nicht zur Verfügung.
Schizophrenien gehören zu den besonders schweren psychischen Erkrankungen. Sie gehen meist mit erheblichem persönlichem Leid und einem hohen Risiko für soziale und berufliche Beeinträchtigungen einher. Ohne eine Behandlung steigt nicht nur das Risiko für einen schweren Verlauf, sondern auch das Risiko, dass Betroffene sich selbst gefährden. Auch die Wahrscheinlichkeit für Gewalttaten ist erhöht. Der konsequenten fachgerechten Behandlung der Schizophrenie kommt deshalb ein besonderer Stellenwert zu. Die jetzt aktualisierte S3-Leitlinie soll die Qualität der Behandlung sicherstellen.
„Goldstandard der Versorgung von Menschen, die an einer Schizophrenie erkrankt sind, ist ein ganzheitlicher Behandlungsansatz“, erläutert Prof. Dr. med. Alkomiet Hasan, der Koordinator der DGPPN-Leitlinie. „Mit einer Kombination aus medikamentöser Behandlung mit Antipsychotika, kognitiver Verhaltenstherapie, psychosozialen Verfahren und gegebenenfalls nicht-invasiven Hirnstimulationsverfahren können wir den ganzen Menschen in seiner Genesung und Recovery unterstützen. Wann immer möglich, sollten dabei auch Angehörige und nahe Vertrauenspersonen einbezogen werden. Mit der richtigen Behandlung können viele Menschen auch mit einer Schizophrenie mit nur wenigen Beeinträchtigungen am Leben teilhaben.“
Für die jährliche Aktualisierung der Living Guideline wurde die Evidenz zur Behandlung von Menschen mit Schizophrenie neu gesichtet und eingeordnet. Anschließend wurden alle Empfehlungen der Leitlinie geprüft und neu zur Abstimmung gestellt. An diesem Prozess waren insgesamt 41 Fachgesellschaften, Verbände sowie Angehörigen- und Betroffenen-Organisationen beteiligt. Angepasst wurden insbesondere die Empfehlungen zu digitalen Therapien, zur repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) und zur medikamentösen Akutbehandlung.
Avatare bei akustischen Halluzinationen
Die Empfehlungen zum Einsatz digitaler Therapien wurden aufgrund neuer Evidenz grundlegend überarbeitet. Die aktualisierte Leitlinie empfiehlt nun bei anhaltenden akustischen Halluzinationen eine Therapie mit digitalen Avataren, auch wenn diese Behandlung in Deutschland bislang nur im Rahmen von Studien verfügbar ist. Hasan erklärt: „Die Idee hinter dieser Therapieform, die in Elementen bereits in der klassischen Verhaltenstherapie eingesetzt wird, ist es, der Halluzination per Computerprogramm einen Avatar, also ein Gesicht und eine Stimme zu geben. So wird die innere Auseinandersetzung der Betroffenen mit ihrer akustischen Halluzination nach außen verlagert.“
Erweitert wurde zudem die Empfehlung zum Einsatz der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS), einem nicht-invasiven Verfahren, bei dem bestimmte Hirnregionen mithilfe wiederholter Magnetimpulse stimuliert werden, um eine Über- oder Unteraktivierung der Region zu modulieren. Die Leitlinie empfiehlt jetzt, diese Therapieoption anzubieten, wenn die medikamentöse Behandlung keine ausreichende Wirkung erzielt.
Auch die Empfehlungen zur medikamentösen Akutbehandlung wurden aufgrund neuer wissenschaftlicher Evidenz konkretisiert: Aus Sicht der Leitliniengruppe ist die Anwendung von Haloperidol zur Kontrolle akuter Erregungszustände auch zur Off-Label-Anwendung sinnvoll. Hasan erläutert: „Hiermit schafft die Leitliniengruppe Klarheit für eine klinisch herausfordernde Situation, in der die Zulassungssituation von Medikamenten nicht im Einklang mit der evidenzbasierten Medizin steht“.
Insgesamt umfasst die aktualisierte S3-Leitlinie 153 Empfehlungen zu Diagnostik und Behandlung der Schizophrenie. Als Living Guideline wird die Leitlinie jährlich aktualisiert. Die Leitlinie steht u.a. im Leitlinienregister der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) online zur Verfügung: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-009
Hinweis: Die besondere Problematik des Drogen- oder Alkoholkonsums von Menschen mit Schizophrenie wird in der Leitlinie nicht im Detail behandelt. Hierzu wurde kürzlich die DGPPN-S3-Leitlinie Psychosen mit komorbider substanzbezogener Störung veröffentlicht.
Grundlage ist eine aktualisierte Metaanalyse von neun doppelblinden, placebokontrollierten randomisierten Studien mit insgesamt 823 erwachsenen Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung oder laufender Krebstherapie. Gegenüber Placebo verbesserten Psychostimulantien vom Methylphenidat-Typ Fatigue-Scores in mehreren Auswertungen signifikant. Auf der FACIT-F-Skala zur Erfassung der krebsbedingten Fatigue (Functional Assessment of Chronic Illness Therapy – Fatigue) zeigte sich im Gesamteffekt ein mittlerer Unterschied von 2,43 Punkten. Erst nach 5 ± 1 Wochen überschritt die gepoolte Verbesserung mit 3,56 Punkten die Schwelle einer wahrscheinlichen klinischen Relevanz; nach mindestens acht Wochen lag sie bei 3,89 Punkten.
Unter den in die Studien eingeschlossenen Patientinnen und Patienten fanden sich keine statistisch signifikanten Unterschiede gegenüber Placebo, unter anderem nicht für Übelkeit und Erbrechen, Schlaflosigkeit, Angstsymptome oder Tachykardie beziehungsweise Palpitationen. Die Autoren und Autorinnen weisen jedoch darauf hin, dass Patientinnen und Patienten mit relevanten psychiatrischen oder kardiovaskulären Komorbiditäten in den meisten Studien ausgeschlossen waren. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf unselektierte Patientengruppen in der Primärversorgung übertragen.
Für Hausärztinnen und Hausärzte dürfte die Arbeit daher vor allem orientierenden Charakter haben. Bei ausgeprägter krebsbedingter Fatigue kann ein Psychostimulans in ausgewählten Fällen als zeitlich begrenzte Überbrückungsstrategie diskutiert werden, wenn nichtmedikamentöse Maßnahmen noch nicht greifen oder ihre Wirkung erst nach mehreren Wochen zu erwarten ist. Eine solche Entscheidung sollte wegen der komplexen onkologischen Gesamtsituation regelhaft in enger Abstimmung mit den behandelnden Onkologinnen und Onkologen erfolgen.