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Dermatologie

Sichtbare Hauterkrankungen

Stigmatisierung bei Psoriasis und Akne

Dipl.-Psych. Dr. Judith A. Bahmer

9.9.2022

Früher wurden Hauterkrankungen oft mit Aussatz und Sünde assoziiert und die Betroffenen ausgegrenzt. Auch heutzutage leiden die Patienten unter der Ansteckungsfurcht der Umwelt. Für die Prävention psychischer Erkrankungen dürfen deshalb die psychosozialen Faktoren sichtbarer Hauterkrankungen nicht vergessen werden.

Ungeachtet aller wissenschaftlichen Erkenntnisse und pharmakologischen Fortschritte stellen sichtbare Hauterkrankungen Betroffene vor massive Herausforderungen im sozialen Miteinander. Schon in der Bibel wurden unter dem Begriff „Zaraath“, der am treffendsten mit „Aussatz“ zu übersetzen ist, verschiedene Hauterkrankungen undifferenziert subsumiert. Darunter fielen neben der Lepra wahrscheinlich auch chronisch-entzündliche Erkrankungen wie die Psoriasis. Aussätzige galten als unrein und sündig und wurden nach der Dia­gnose durch einen Priester aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Betroffenen waren gezeichnet, gebrandmarkt – stigmatisiert. Ohne Zweifel waren Hauterkrankungen in dieser Zeit weniger ein medizinisches, sondern ein religiöses und somit soziales Problem. Aufgrund der Assoziation von Aussatz und Sünde war Hauterkrankten die Teilnahme an rituellen Handlungen verboten und sie mussten sich außerhalb der Stadtgrenzen aufhalten. Außerdem wurden ihnen bürgerliche Rechte entzogen und ein Tragen von Anstaltskleidung und Aussatz-Klapper vorgeschrieben. So sollten Mitbürger vor ihnen und vor einer potenziellen Ansteckung geschützt werden. Dieses Schicksal setzte sich bis weit über das Mittelalter hinaus fort. Lepröse und Aussätzige wurden in Siechenheimen isoliert. Selbst zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich die Situation hautkranker Menschen nicht ­wesentlich verändert: Ihnen wurde der Besuch von Badeanstalten, Friseuren, Schulen und anderen ­öffentlichen Einrichtungen verwehrt.

Minderwertigkeitsgefühle, Ablehnungs- und Bewertungsangst

Basierend auf einer tiefsitzenden Ansteckungsfurcht gilt in gewissem Umfang bis heute die Gleichsetzung von Aussatz mit sichtbaren Hauterkrankungen. ­Patienten berichten von Verboten beim Besuch von Schwimmbad und Sauna, von verwehrten körpernahen Dienstleistungen oder von Ablehnung und Mobbing am Arbeitsplatz.

Soziale Medien setzen einen sozialen Standard für Schönheit und erhöhen den Druck zur Makellosigkeit. Gesunde Haut wird mit allgemeiner Gesundheit assoziiert. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen steigert dies den Wunsch nach positiver Resonanz auf Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Die Reduktion auf Schönheit und ­äußerliche Makellosigkeit führt bei Betroffenen zu Minderwertigkeitsgefühlen, zu Ablehnungs- und ­Bewertungsangst bis hin zu einem zerstörten Selbstbild. Selbst Models, die ihre Hauterkrankung offen kommunizieren (Winnie Harlow – Vitiligo, Cara ­Delevingne – Psoriasis), kehren den allgemeinen Beauty-Trend nicht um. Ein Blick in die Literatur zeigt, dass sich Frauen insgesamt stärker stigmatisiert ­fühlen als Männer – besonders bei der Kleiderwahl, der Partnersuche sowie bei der Sexualität. Dabei ist das Maß des Stigmatisierungsgefühls nicht von der objektiven Krankheitsschwere abhängig.

Komorbide psychische oder psychiatrische Störungen

Für den psychischen Impact hat vor allem die Lokalisation der Effloreszenzen (sichtbare Körperstellen, Genital- oder Analbereich) Relevanz. Scham bei den Betroffenen sowie Irritation, Ekel und Unsicherheit anderer, verhindern eine unbeschwerte Alltagsgestaltung. Vor allem aus Dienstleistungsbereichen oder aus der Lebensmittelverarbeitung werden berufliche Einschränkungen berichtet.

Nach operativer Entfernung von Hautkrebs sowie bei schweren Akneformen ist die (hypertrophe) Narbenbildung von psychischer Relevanz. Das Gefühl fürs Leben gezeichnet zu sein, selbst wenn die Erkrankung Jahre zurückliegt oder ausgeheilt ist, erschwert die Krankheitsverarbeitung. Einen weiteren Bereich bilden die Alopezien, die Betroffene beider Geschlechter in ihrem Attraktivitätserleben und ihrer Identität erschüttern können. Wird das Ausmaß der subjektiven Belastung nicht individuell erfragt, können beispielsweise suizidale Tendenzen übersehen werden.

Bei fast einem Drittel aller hospitalisierten Patienten mit sichtbaren Hauterkrankungen finden sich komorbide psychische oder psychiatrische Störungen – hier vor allem Depressionen und Angst­störungen. Die Furcht vor Ablehnung, Insuffizienz und Einsamkeit kann, im Sinne eines unbewussten ­Teufelskreises, sozialen Rückzug verstärken und das Sozialleben beeinträchtigen, was wiederum dysfunktionale Gedanken und Ängste – bis hin zur Suizidalität – verstärkt.

Eine Sensibilität für psychosoziale Begleitfaktoren sichtbarer, chronischer Hauterkrankungen ist für die Prävention komorbider psychischer Erkrankungen essenziell. Für die Behandlung sozialer Ängste (z. B. sozialer Phobien) hat sich die Verhaltens­therapie bewährt. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit chronischen Hauterkrankungen können frühe psychotherapeutische Begleitung sowie Psychoedukation das Selbstwerterleben stabilisieren und den selbstbewussten Umgang mit der Krankheit in verschiedenen Lebenskontexten fördern.

Dermatologen sollten dafür sensibilisiert sein, dass der individuelle Leidensdruck und die psychische Belastung nicht stringent mit der objektiven Krankheitsschwere korreliert. Bagatellisierung und das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, bedroht die Arzt-Patient-Beziehung. Ein ernsthaftes Interesse für das Erleben der Patienten kann Stigmatisierungsängste und Ablehnungsgefühle reduzieren, die therapeutische Allianz festigen und die Compliance verbessern.

Die sozialen Medien setzen Maßstäbe: Schön ist, wer makellose Haut besitzt. Deshalb leiden fast ein Drittel aller hospitalisierten Patienten mit sichtbaren Hauterkrankungen unter komorbiden psychischen oder psychiatrischen Störungen. Häufig sind das Minderwertigkeitsgefühle, Ablehnungs- und Bewertungsangst bis hin zu einem falschen Selbstbild, Depressionen und Angststörungen. Dabei stehen der individuelle Leidensdruck und die psychische Belastung nicht zwingend in direktem Zusammenhang mit dem objektiven Grad der Erkrankung. Besonders bei Betroffenen im Jugendalter ist eine frühe, psychotherapeutische Begleitung notwendig, um das Selbstwertgefühl zu stärken und einen selbstbewussten Umgang mit der Erkrankung zu ermöglichen.

Die Autorin

Dipl.-Psych. Dr. Judith A. Bahmer
Psychologische Psychotherapeutin
Praxis für Psychotherapie
48653 Coesfeld

psycheundhaut@gmail.com

Literatur bei der Autorin

Bildnachweis: privat

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