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Kongress-Ticker

Virtuell – Juni 2021

German Society of Anti-Aging Medicine e.V.

Dr. Reinhard Merz

28.6.2021 16:37

Nachdem die Jahrestagung der German Society of Anti-Aging Medicine e.V. (GSAAM) 2020 Pandemiebedingt komplett ausgefallen war, fand in diesem Jahr der 20./21. Kongress unter der Schirmherrschaft vom Präsidenten Prof. Dr. med. Bernd Kleine-Gunk, Nürnberg, und dem Tagungspräsidenten Dr. Jan-Dirk Fauteck, Kalletal, als Doppelnummer statt.
In diesem Jahr schrieb die GSAAM im Zuge der Konferenz erstmals den Young Research Award aus. Er bietet Wissenschaftlern unter 40 Jahren die Möglichkeit, ihre Forschungsarbeiten im Bereich der Präventionsmedizin zu präsentieren. „Mit dem Preis möchten wir jungen Forschern eine Plattform in der Anti-Aging-Medizin geben und gleichzeitig einen Zugang zu den neuesten Tendenzen in Forschung und Entwicklung schaffen”, betonte GSAAM-Präsident Prof. Kleine-Gunk. Den ersten Preis 2021 gewann Dr. Maria Heinrich von der Charité in Berlin.

Epigenetik – der universelle Genschalter

Im Festvortrag „Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt!“ entführte Dr. Peter Spork, Hamburg, das Publikum in die Welt der Epigenetik. Was das mit Anti-Aging zu tun hat? Eine Vielzahl an Studien hat in den vergangenen Jahren untersucht, wie unser Lebensstil in der Lage ist, unsere Gene zu steuern. Dr. Spork erklärte den Zusammenhang an vielen Beispielen und ging dabei auch besonders auf den Punkt ein, wie Bewegung Einfluss auf die Expression unserer Gene hat – und damit auch auf unsere Gesundheit.
Laut Statistik werden Menschen, die ihr Leben lang sportlich aktiv waren, im Alter seltener und später krank. Das Risiko für Stoffwechselstörungen wie Adipositas, Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen ist kleiner und es gibt Hinweise, dass regelmäßiger Sport ein Stück weit sogar vor Demenz schützen kann. Der Verdacht liegt nahe: Bewegung hält uns länger jung. Nicht umsonst empfiehlt jedes Präventionsprogramm neben einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Schlaf vor allem viel Bewegung.
Dieser Zusammenhang wurde in vielen Studien bestätigt, aber die molekularen Grundlagen befanden sich lange im Dunkeln. Warum? Weil zu wenig geforscht wurde. Studien, die vom Lebensstil ausgelöste Veränderungen unserer Physiologie ergründen, sind teuer, weil extrem viele Parameter über einen langen Zeitraum erfasst werden müssen. Folglich sind die Teilnehmerzahlen fast immer klein, was wiederum die medizinische Aussagekraft reduziert.
Einem dänischen Wissenschaftsteam gelang es 2019 die epigenetischen Spuren, die Sport in Muskeln hinterlässt, zu identifizieren. Zusammen mit der Universität Stanford untersuchten sie Muskelzellen von 16 Männern im Alter zwischen 60 und 65 Jahren. Die Personen waren ähnlich schwer und groß, aber die eine Hälfte war immer schon Bewegungsmuffel, während die andere zeitlebens Sport getrieben hatte [1].
An 714 Promotor-Sequenzen entdeckten sie epigenetische Abweichungen: Bei den Unsportlichen waren diese Promotoren signifikant stärker methyliert, die aktive Lebensweise der anderen Studienteilnehmer hat die Zellen offensichtlich zu einer Demethylierung veranlasst. Unter den Genen, die durch diese epigenetische Anpassung freigeschaltet wurden, waren u.a. Enzyme, die die Empfindlichkeit für Insulin erhöhen oder in den Zuckerstoffwechsel eingreifen. Beides dürfte in gewissem Umfang vor Diabetes schützen. Andere aktivierte Gene helfen Zellen gegen oxidativen Stress oder fördern den Muskelaufbau.
Der Umweltfaktor Bewegung programmiert den Zellstoffwechsel offensichtlich so, dass er auf ähnliche Umweltreize zukünftig besser reagieren kann. Und er tut das schnell. Schon nach einem 20-minütigen Training auf dem Ergometer werden gezielt Methylgruppen von der DNA der beteiligten Muskelzellen entfernt, und vorher stumm geschaltete Gene wie PPAR-δ oder PGC-1α wurden dadurch exprimiert. Dieser Effekt war umso stärker, je intensiver geradelt wurde. Die Methylierung anderer Gene blieb dagegen unverändert [2]. Kurzfristige Einflüsse wie Sport oder auch Stress programmieren unsere Zellen vermutlich nicht dauerhaft um. Halten die Reize aber an und kehren häufig zurück, scheinen die Zellen die epigenetischen Veränderungen sehr wohl dauerhaft zu realisieren – quasi einzufrieren.
In einer schwedischen Studie hatte ein 6-monatiges Trainingsprogramm dazu geführt, dass in Fettzellen, die vor und nach dem Zeitraum entnommen worden waren, mehr als 7.500 Gene anders exprimiert wurden als vor dem Training. Darunter waren 18 Gene, deren Aktivität das Gewicht beeinflusst und 21 Gene, die mit Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht werden [3].
Computeranalysen legen nahe, dass diese Gene ganze Netzwerke steuern und ihre Aktivität durch Lebensstilfaktoren wie Bewegung getriggert wird. In einer kleinen Pilot-Studie, die im April 2021 veröffentlicht wurde, konnte ein 8-Wochen-Programm mit mindestens sieben Stunden Schlaf am Tag, Entspannungsübungen, 30 Minuten täglich Sport und einer Diät das epigenetische Alter um knapp zwei Jahre „verjüngen“ [4]. Zweifelsohne sind größere Studien in diese Richtung nötig, dennoch ist ein weites Feld für die Präventionsmedizin des 21. Jahrhunderts absehbar, wie Spork ausführte: „Wir müssen lernen, in Netzwerken zu denken. Die Systembiologie wird die Medizin der Zukunft prägen.“


1 Reza Sailani M et al.; Scient Rep 2019; 9: 3272
2 Barres R et al.,  Cell Metabolism 2012; 15: 405–411
3 Rönn T et al., PLOS Genetics 2013; 9: e1003572
4 Fitzgerald KN et al., Aging 2021; 13: 9419‒9432
Festvortrag Dr. Peter Spork

Biologisches Alter und epigenetische Uhr

Die Anti-Aging-Medizin hat die Begriffe des chronologischen Alters sowie des biologischen Alters geprägt. Das chronologische Alter eines Menschen bemisst die Zeit, die seit der Geburt des jeweiligen Individuums vergangen ist in Jahren, Monaten und Tagen. Das biologische Alter charakterisiert dagegen den körperlichen Zustand einer Person. Das biologische Alter kann mit dem chronologischen Alter übereinstimmen, kann aber auch weniger oder weiter fortgeschritten sein.
Das biologische Alter basiert auf Veränderungen im Laufe des Lebens. Solche alterstypischen Veränderungen des Körpers werden von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu gehören unter anderem unsere Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, aber auch unsere genetische Ausstattung. Während sich das chronologische Alter anhand des Kalenders errechnen lässt, kann das biologische Alter anhand von Biomarkern abgeschätzt werden. Dabei werden die epigenetischen Veränderungen gemessen.
Etablierte Testverfahren prüfen dazu anhand von Blutproben den Methylierungsgrad des Genoms in bestimmten Regionen der DNA. Sie untersuchen dabei spezielle DNA-Methylierungsmuster. Das individuell ermittelte DNA-Methylierungsprofil kann dann mit den üblichen Ergebnissen bei Personen der gleichen chronologischen Altersgruppe verglichen werden und zeigt, ob das biologische Alter der jeweiligen Person damit korreliert oder ob diese aus biologischer Sicht jünger oder älter einzuordnen ist. Zusätzlich kann die Testung Hinweise auf das Risiko für die Entwicklung altersassoziierter Erkrankungen geben.


Workshop PD Dr. Axel Polack: Epigenetischer Test zur Bestimmung des biologischen Alters. Lifestyle-Medizin oder mehr? (Veranstalter: neotes GmbH)

Macht uns Corona älter?

Stresshormone fördern chronische Entzündungen im Körper und somit die Zellalterung. Gerade in Pandemiezeiten erhöht sich der Stresslevel vieler Menschen, da bestehende Strukturen schwinden und Ängste den Alltag prägen. Im Zuge der virtuellen GSAAM-Tagung beschäftigte sich der letzte Themenblock mit der Frage, wie sich Corona-bedingte Gesundheitsrisiken frühzeitig erkennen und behandeln lassen.
Prof. Dr. med. Wilhelm Bloch, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln, referierte zu den Mechanismen des SARS-Cov-2-Virus auf der molekularen und zellulären Ebene und lieferte beängstigende Zahlen. Demnach haben bis zu 40% der COVID-19-Erkrankten auch noch drei bis sechs Monate nach der Erkrankung mit einem oder mehreren Symptomen zu tun. Der Begriff „Long COVID“ steht für dieses Phänomen, von dem auch viele Leistungssportler betroffen sind.
Selbst nach milden Verläufen werden Kurzatmigkeit, Fatigue, eine verminderte Leistung und neurologische Ausfälle bei Sportlern beobachtet, dazu kardiologische und Gedächtnisprobleme sowie der Verlust der Fähigkeit, normale Bewegungsabläufe zu koordinieren. Einzelne Athleten verlieren bis zu 15 kg in sehr kurzer Zeit. Eine Herzbeteiligung sieht man häufig erst nach zwei bis drei Wochen. Aktuellen Untersuchungen zufolge könnten eine endotheliale Dysfunktion und zirkulierende Endothelzellen (CEC) dabei eine Rolle spielen.
Ein Zurück in den Leistungssport ist dann nicht abzusehen. „Einige werden sich nicht so erholen, dass sie wieder ihr altes Leistungsniveau erreichen. Das kann eine Welt sein, die da zusammenbricht“, sagte Prof. Bloch. Wichtig sei, dass die Sportler nicht ihren allgemeinen Gesundheitsstatus verlieren, aber auch das sei nicht bei allen auszuschließen. Die Ergebnisse werden erst in einem oder mehreren Jahren zu sehen sein.
Prof. Dr. med. Jörg Spitz, Mainz, beleuchtete den Zusammenhang von COVID-Erkrankung und Immunsystem. In diesem Zusammenhang beklagte er u.a. die selektive Berichterstattung in den Medien. Vor allem ist es ihm ein Dorn im Auge, dass eindrucksvolle Studien in Bezug auf die schützende Wirkung von Vitamin D kaum zur Sprache kommen. Eine US-amerikanische Publikation hatte die zahlreichen Einzelstudien mit geringeren Fallzahlen eindrucksvoll in einer eigenen Auswertung mit nahezu 200.000 Teilnehmern zusammengefasst. Die SARS-CoV-2-Positivenrate aller Probanden betrug 9,3% und war bei Patienten mit mangelhaften Vitamin-D-Werten (<20ng/ml) mit 12,5% um das Doppelte höher als bei den Patienten mit Werten ≥55ng/ml. In der Gruppe der Personen mit Vitamin-D-Spiegeln von mehr als 55ng/ml wurden nur 5,9% positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Und eine deutsche Studie zeigt, wie schlecht die Versorgung mit Vitamin D auch hierzulande ist (Abb.).
Prof. Wilhelm Schmid, Berlin, warf mit seinem Vortrag „Was lehrt uns Corona?“ einen philosophischen Blick auf die derzeitige Situation. Die grundsätzlichen Fragen, die im Zuge der Corona-Krise auftauchten, könnten sich für jeden Menschen als wertvoll erweisen, sagte er: „Eine positive Folge der Pandemie wäre es, wenn mit ihr eine Phase der Nachdenklichkeit und Selbstreflexion einhergeht.“
Wie setzt man das Recht auf Freiheit ins Verhältnis zum Recht auf Leben? Eine Diskussion, die das politische Leben in Deutschland seit mittlerweile anderthalb Jahren prägt und die auch ein zentraler Punkt im Vortrag von Prof. Schmid war. Mit einer klaren Meinung: „Wir müssen über die Prioritäten nachdenken. Und das Grundrecht auf Leben scheint mir erstmal vordringlich. Da müssen andere Dinge etwas nachrangig behandelt werden.“
Viele Menschen, meinte Schmid, erkennen das Positive erst, wenn ihnen Negatives erfährt. Die Bewegungsfreiheit aus den normalen Tagen etwa werden viele Menschen seit der Corona-Krise weit höher schätzen als davor, so Schmid. Auch auf den allgemeinen Digitalisierungsschub ging er ein. „Das zeigt, was Kommunikation im Kern ausmacht.“ Dank digitaler Angebote konnten wir mit Freunden, Nachbarn und Bekannten auch auf Distanz ständig in Kontakt sein. Viele im Berufsleben nutzen jetzt Videokonferenzen und merken, dass flexibles Arbeiten möglich wird, wo es vorher unmöglich schien.
Bei zukünftigen Pandemien, so sein Wunsch zum Abschluss, müsse die durchaus segensreiche Digitalisierung unbedingt um eine Analogisierung ergänzt werden. „Wir haben jetzt im praktischen Experiment gelernt, wie wichtig Analoges ist. Ich spreche von den drei großen Bs, auf die uns die Pandemie aufmerksam gemacht hat: Bewegung, Berührungen und Beziehungen. Was uns Bewegung wert ist im Leben, die beliebige Bewegung jederzeit irgendwo hin, das haben jetzt alle Menschen erfahren. Und das werden wir – hoffe ich jedenfalls – eine Weile lang nicht vergessen. Die Beziehungen, Menschen, die wir umarmen, sind analog, Berührungen sind analog. Wir können nicht auf analoges Leben verzichten.“

Session „Corona-Pandemie – Folgen für die Präventions- und Anti-Aging-Medizin

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