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Allgemeinmedizin

Allergologie

Anaphylaktische Notfälle schnell erkennen

Dr. med. Gerd-Marko Ostendorf

27.12.2021

Anaphylaktische Reaktionen gehören zu den schwersten und potenziell lebensbedrohlichen Ereignissen in der Allergologie. Daher ist das Update 2021 der „Leitlinie zu Akuttherapie und Management der Anaphylaxie“ nicht nur für Allergologen, sondern für alle in der Akutbehandlung tätigen Ärzte von besonderer Bedeutung.

Auch wenn die Anaphylaxie in ihrer Symptomatik hoch akut abläuft, basiert sie auf einer chronischen Erkrankung. Somit kann es durch die zugrunde liegende Fehlsteuerung des Immunsystems jederzeit erneut zu schweren Reaktionen kommen, was gravierende Auswirkungen psychischer und organisatorischer Art auf den Alltag Betroffener haben kann.

Ursache einer Anaphylaxie ist meist eine immunologische Reaktion, am häufigsten eine Immun­globulin-E-vermittelte Allergie. Zahlen aus dem deutschsprachigen Anaphylaxie-Register zeigen, dass Nahrungsmittel die häufigsten Auslöser einer Anaphylaxie im Kindesalter sind; bei Erwachsenen stehen in Deutschland dagegen Insektengifte sowie Arzneimittel an erster Stelle. Die Allergenzufuhr ­erfolgt oftmals oral oder parenteral/hämatogen.

Die anaphylaktische Reaktionen manifestieren sich im Wesentlichen an der Haut, in den Atemwegen, im Magen-Darm-Trakt und im Herz-Kreislauf-System:

  • Die Haut (inklusive Schleimhaut) ist am häufigsten betroffen mit Juckreiz, Erythemen sowie Urtikaria und Angio-(Quincke-)Ödemen auch an Hautarealen, die keinen direkten Kontakt mit dem Auslöser hatten.
  • In den oberen Atemwegen tritt oft als Frühzeichen ein Brennen, Kribbeln oder Juckreiz der Zunge oder am Gaumen auf. Klinische Zeichen sind eine ­„kloßige“ Sprache, Schluckbeschwerden mit verstärktem Speichelfluss oder ein inspiratorischer Stridor. Durch ein Larynxödem kann innerhalb kürzester Zeit eine lebensbedrohliche Verlegung der oberen Atemwege eintreten.
  • Die Lunge ist vor allem bei bestehendem Asthma gefährdet; hier kann es zur Bronchokonstriktion mit Dyspnoe kommen. Eine bronchiale Obstruktion ist insbesondere bei Kindern und Jugendlichen das führende Symptom einer lebensbedrohlichen ­Reaktion.
  • Die gastrointestinalen Symptome umfassen teils krampfartige Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, aber auch eine verstärkte Darmmotorik bis hin zur unwillkürlichen Defäkation.
  • Durch Vasodilatation und Permeabilitätsstörung kommt es zu Flüssigkeitsverlust ins Gewebe, gefolgt von arterieller Hypotension und Tachykardie.
  • Möglich sind auch direkte kardiale Symptome wie Arrhythmie oder Bradykardie.
  • Eine Vasokonstriktion kann mit teils extremer ­Erhöhung des pulmonalen vaskulären Widerstands bis hin zum Atemstillstand mit Reanimationspflicht eintreten.
  • Gelegentlich kommt es auch zu zentralnervösen Symptomen wie Unruhe, Kopfschmerzen, zerebralen Krämpfen oder Bewusstseinseinschränkung oder gar Bewusstlosigkeit. Bei Kindern wird häufig eine Verhaltensveränderung beobachtet, mit Ängstlichkeit oder teilweise auch Aggressivität.

Die Symptomatik setzt meist akut ein – innerhalb von Minuten können sich die Symptome verstärken und zum Schock oder sogar zum Tod führen. Die Reaktionen können jedoch auch auf jeder Stufe spontan zum Stillstand kommen und sich zurückbilden.

Neben einer akut einsetzenden Symptomatik nach dem Allergenkontakt ist auch eine primär verzögert einsetzende anaphylaktische Reaktion möglich. So beträgt bei der – bei Kindern besonders häufigen – Erdnussallergie die Zeit vom Konsum bis zum Auftreten von Symptomen im Median 55 Minuten. Zu beachten ist weiter, dass es in 5–20 % der Fälle nach primär erfolgreicher Therapie zu protrahierten oder biphasischen Verläufen mit erneuter Symptomatik, meist nach 6–24 Stunden, kommt.

Update der Leitlinie zur Diagnostik

Als neu beschrieb Prof. Dr. med. Margitta Worm ­(Berlin) bei der „5-Sekunden-Runde“ die Anamnese nach dem „AMPLE-Schema“:

  • Allergien (bzw. mögliche Auslöser der akuten Reaktion) sowie Risikofaktoren wie Asthma
  • Medikation
  • Patientenvorgeschichte
  • letzte Mahlzeit
  • Ereignisse

Das wichtigste – und am schnellsten wirksame – Medikament in der Akuttherapie der Anaphylaxie ist Adrenalin. Bei nicht reanimationspflichtigen Patienten ist die sofortige intramuskuläre Injektion in die Außenseite des Oberschenkels die medikamentöse Therapie der ersten Wahl. Bei nicht ausreichender Wirkung kann die Injektion alle 5–10 Minuten, je nach klinischer Symptomatik, wiederholt werden.

Bestandteile eines Notfallsets zur Soforthilfe bei Anaphylaxie


Hier habe sich besonders die Anwendung von Adrenalin-Autoinjektoren bewährt, berichtete Worm, da die Wirkung schneller einträte als bei einer Verabreichung mittels Injektionsspritze. Die Applikation sei schnell, wirke auch bei dickem subkutanem Fettgewebe und sei sicher für Ärzte und Patienten (in der Selbsttherapie); Nebenwirkungen träten selten auf und verliefen eher mild. Aktuelle Daten zeigen allerdings, dass Adrenalin immer noch zu selten eingesetzt wird – nicht nur von Patienten selbst, sondern auch von Ärzten. Hier muss der Einsatz in der klinischen Praxis verbessert werden, forderte Worm.

Indikationen für die Verordnung eines Adrenalin-Autoinjektors sind v. a. systemische Allergien mit extrakutanen Symptomen, eine progredient schwere Symptomatik der systemisch allergischen Reaktion, ein hoher Sensibilisierungsgrad mit erhöhtem Anaphylaxierisiko sowie Reaktionen bereits auf kleinste Allergendosen.

1) Ring J et al., Allergo J Int 2021; 30: 1–25

Kongress „Allergologie im Kloster“, Symposium „Update Anaphylaxie“ (Veranstalter: Mylan Germany GmbH), September 2021

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