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Allgemeinmedizin

Adipositas

Medikamentöse Therapie bei Kindern und Jugendlichen

Agata Kwapisz

21.7.2021 13:35

Adipositas ist mit einem gesellschaftlichen Stigma belegt: sie steht für faul, unattraktiv und willensschwach. Jedoch spielen bei der chronischen Erkrankung komplexe Faktoren eine Rolle, z. B. die Genetik. Nun kann die medikamentöse Therapie mit Liraglutid auch Kinder und Jugendliche beim Gewichtsverlust unterstützen.


In den letzten 20 Jahren hat sich die weltweite Prävalenz von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen verdoppelt, jeder fünfte ist bereits betroffen. Somit leben aktuell weltweit über 124 Millionen Heranwachsende mit Adipositas, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und von anderen Gesundheitsorganisationen als chronische Erkrankung anerkannt wird. Aufgrund zahlreicher Begleiterkrankungen (z. B. Typ 2 Diabetes, Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte) stellt sie weltweit die fünfthäufigste Todesursache dar.
Bereits in jüngerem Alter haben Adipöse ein höheres Risiko, gewichtsbedingte Komplikationen wie Diabetes und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zu entwickeln, daher ist es umso wichtiger, dass sie Unterstützung bei der Gewichtsregulierung erhalten. Nun hat die Europäische Kommission den GLP-1-Rezeptor-Agonist Liraglutid als erste medikamentöse Behandlung von Adipositas bei Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren in der EU zugelassen. Indiziert ist er bei einem Ausgangs-Body-Mass-Index (BMI) von ≥ 30 kg/m2, analog zu Erwachsenen, und einem Körpergewicht über 60 kg, in Kombination mit gesunder Ernährung und erhöhter körperlicher Aktivität. Liraglutid beeinflusst Neuronen des Hypothalamus, die an der Regulation des Appetits beteiligt sind.
Grundlage für die Zulassung war eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte, multinationale Phase-III-Studie. Eingeschlossen waren 251 Jugendliche mit Adipositas, die in Verbindung mit einer energiereduzierten Diät eine Beratung hinsichtlich körperlicher Aktivitäten erhielten. Die Untersuchung umfasste eine 12-wöchige Einführungsphase in Form einer Lebensstilintervention, eine 56-wöchige Behandlung mit Liraglutid und eine 26-wöchige Nachbeobachtungszeit ohne Arzneimittel/Placebo.
Es zeigte sich, dass der Einsatz von Liraglutid zu einer signifikant größeren Reduktion des BMI-Standardabweichungs-Scores (SDS) führte als Placebo plus Lebensstilintervention. In Woche 56 erreichten 43,3 % der Jugendlichen in der Liraglutid-Gruppe vs. 18,7 % in der Placebo-Gruppe eine BMI-Reduktion von ≥ 5 % und 26,1 % in der Liraglutid-Gruppe vs. 8,1 % in der Placebo-Gruppe eine BMI-Reduktion von ≥ 10 %.

3 Fragen, 3 Antworten mit
Prof. Dr. med Thomas Danne


Zentrum für Kinder und Jugendliche
Kinder- und Jugendkrankenhaus
30173 Hannover

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, adipöse Jugendliche medikamentös zu unterstützen?

Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, wie ernst man Adipositas nehmen muss – auch bei den Jüngsten. Denn die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn man möglichst früh mit der Behandlung anfängt. Bislang gab es keine medikamentösen Therapiemöglichkeiten für Heranwachsende, daher begrüßen wir, dass mit Liraglutid für Kinder ab 12 Jahren eine Behandlungsoption hinzugekommen ist. Diese wird momentan noch nicht von den Krankenkassen übernommen und kommt deshalb nur für Selbstzahler in Frage.

Wann reicht eine Verhaltenstherapie?

Zuerst müssen Lebensstilinterventionen durchgeführt werden, da diese eine Voraussetzung für den Beginn einer medikamentösen Therapie sind. Bei Kindern und Jugendlichen sollte die Therapie die ganze Familie miteinschließen. Wir führen im Kinder- und Jugendkrankenhaus auf der Bult das sogenannte Kick-Programm durch. Das ist ein Jahresprogramm, welches multidisziplinär aufgebaut ist: neben einer ärztlichen Betreuung gibt es auch ein gutes Bewegungsprogramm, eine psychologische Betreuung und eine entsprechende Ernährungsberatung – nicht nur für Kinder, sondern für die ganze Familie. Bei adipösen Heranwachsenden, bei denen die Verhaltenstherapie nicht ausreicht, um in einen Gewichtsbereich zu kommen, der eine langfristige Gesundheit ermöglicht, bietet die medikamentöse Behandlung eine zusätzliche unterstützende Maßnahme.

Wie schätzen Sie die Langzeitprognose für betroffene Jugendliche ein, als Erwachsene ein „normal schlankes“ Leben zu führen?

Das wichtigste Ziel von Adipositasprogrammen ist, die psychologische Gesundheit der Übergewichtigen zu unterstützen. Das wird auch bei der Mehrzahl der Jugendlichen erreicht und ist für ein selbstbestimmtes Leben besonders wichtig. Langzeituntersuchungen von Kindern bis ins Erwachsenenalter gibt es nicht direkt. Jedoch werden die Daten in dem Qualitätssicherungsprogramm APV verarbeitet. Dort zeigt es sich, dass es vielen Kindern gelingt, das Gewicht zu stabilisieren und eine weitere Gewichtszunahme zu vermeiden. Somit gehen wir davon aus, dass Folgeerkrankungen wie Diabetes Mellitus Typ 2 verzögert werden oder gar nicht erst auftreten. Das ist für die Gesundheitsprognose der Menschen entscheidend.
Im kommenden Jahr 2022 wird das „Disease Management Programm (DMP) – Adipositas“ eingeführt. Ich hoffe, dass darin auch die medikamentöse Behandlungsmöglichkeit für Kinder und Jugendliche berücksichtigt wird, denn die Behandlungserfolge sind natürlich in jüngeren Jahren besser. Die jetzigen zertifizierten Schulungsprogramme für Jüngere sind nicht ausfinanziert, weshalb sie hierzulande eher weniger werden. Da wird ganz klar an der falschen Stelle gespart.

Digitale-Pressekonferenz „Adipositastherapie – Next Generation. Neue Perspektive für Jugendliche mit Adipositas“ (Veranstalter: Novo Nordisk Pharma GmbH), Juni 2021

Pressemitteilung, Novo Nordisk Pharma GmbH, Juni 2021

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