Alkoholvergiftungen ohne Alkoholkonsum? Das gibt es beim Eigenbrauer-Syndrom. Bakterien und Pilze, die die normale Darmflora überwuchern, stellen dabei aus aufgenommenen Nährstoffen große Mengen Ethanol her, was betroffene Menschen persönlich, beruflich und rechtlich in große Schwierigkeiten bringen kann.
Daten zum Eigenbrauer-Syndrom (auto-brewery syndrome, ABS) entstammen nur Einzelfallberichten oder kleineren Fallserien. Die seltene und wohl auch oft verkannte Erkrankung macht aber sporadisch Schlagzeilen. Wie im Falle eines 40-Jährigen, der in Belgien wiederholt wegen Trunkenheit am Steuer mit bis über 2 ‰ Alkohol im Blut verurteilt wurde, nach eigenen Angaben aber gar nicht getrunken hatte [1]. Auch einer 50-jährigen Kanadierin, die sich über 2 Jahre mehr als 7-mal mit extremer Tagesmüdigkeit, verwaschener Sprache und sehr hohen Blutalkoholwerten in der Notaufnahme vorstellte, nahmen die Behandelnden den angeblich fehlenden Alkoholkonsum lange Zeit nicht ab [2]. Die Wahrheit war: Beide litten an ABS. Dabei wird der Alkohol nicht von außen zugeführt, sondern entsteht endogen, wenn bestimmte Darmbakterien und Pilze Nahrungsbestandteile verstoffwechseln.
In geringem Maße geschieht das auch bei Gesunden. Verändert sich jedoch das Mikrobiom, etwa infolge der Einnahme von Breitbandantibiotika oder Protonenpumpenhemmern [3], können Erreger die Oberhand bekommen, die Kohlenhydrate in Alkohol umwandeln. Vor allem bei eingeschränkter Leberfunktion kann dieser dann in den Kreislauf gelangen und das typische Bild einer Alkoholintoxikation hervorrufen, manchmal aber auch nur neurologische Symptome, Koordinationsstörungen und Stimmungsschwankungen [4]. Begünstigt wird ein ABS außer durch kohlenhydratreiche Ernährung etwa durch Diabetes mellitus oder Darm- und Leberkrankheiten, wie Kurzdarmsyndrom oder metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (Abb.). Auch genetische Faktoren wie ein Mangel an Aldehyd-Dehydrogenase tragen zur Manifestation bei [2].
Diagnose mit Glucose-Belastungstest
Mögliche Einflussfaktoren sind bei ABS-Verdacht abzuklären. Neben Labortests und einer ausführlichen Eigen- und Fremdanamnese – auch um einen verdeckten Alkoholkonsum auszuschließen – gehört zur Diagnosesicherung unbedingt ein standardisierter, beaufsichtigter Belastungstest: Nach Bestimmung des Nüchtern-Ethanolspiegels nimmt der Proband 100–200 g Glucose zu sich, und die Werte werden nach 1, 2, 4, 8, 16 und 24 Stunden kontrolliert. Ist bei initial unauffälligen Werten im Verlauf Alkohol nachweisbar, ist das ABS gesichert. Dann sollten endoskopisch gewonnene gastrointestinale Sekrete auf verdächtige Pilze und Bakterien kultiviert werden [2].
Während Medizinerinnen und Mediziner die Erkrankung lange auf eine Überwucherung durch Hefepilze wie Saccharomyces cerevisiae und Candida-Spezies zurückführten [2], bestätigt eine aktuelle Arbeit auf Basis von Stuhlkulturen mit metabolomischen und metagenomischen Analysen [5], dass mehr noch Bakterien von Bedeutung sind, speziell Proteobakterien wie Escherichia coli oder Klebsiella pneumoniae. In der Studie verglichen die Forschenden Stuhlproben von 22 Personen mit gesichertem ABS und 21 gesunden Haushaltspartnern. Demnach produzierte die Flora ABS-Betroffener im Schub deutlich vermehrt Ethanol. Nicht nur waren die genannten Bakterienstämme vermehrt, sondern auch Gene aus mit der Ethanolproduktion zusammenhängenden Stoffwechselwegen. Zudem fielen bei ABS in den Kulturen erhöhte Acetatspiegel auf, die mit den Blutalkoholkonzentrationen korrelierten.

Stuhltransplantation als Therapieoption
Ein Patient erhielt entsprechend früheren positiven Berichten [6] eine fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT), wonach er eine deutliche Symptombesserung verspürte, und 3 Monate lang kein Alkohol in seinem Blut nachweisbar war [5].
Während die Stuhltransplantation bei therapierefraktär Erkrankten eine Lösung sein kann, wird bei ABS primär eine Umstellung auf kohlenhydratarme Kost empfohlen. Ferner kommen, je nach den individuell nachgewiesenen Erregern, gezielte antimykotische und antibiotische Behandlungen mit möglichst engem Zielspektrum infrage. Für eine empirische antimykotische Behandlung eignet sich vor allem Fluconazol. Auch Probiotika wie Lactobacillus acidophilus oder Bifidobakterien können hilfreich sein [2,7].
Perspektivisch sind auch gezielte Eingriffe in Stoffwechselwege einzelner Bakterienspezies denkbar. So ergab die Vergleichsstudie Hinweise darauf, dass ein verstärkter Ethanolabbau durch Acetat produzierende Bakterien zum spontanen Rückgang der Symptome führen könnte [5].
ABS begünstigende Grunderkrankungen sind interdisziplinär anzugehen. Im Blick zu behalten ist ferner, dass endogene Alkoholbelastungen ebenso Gesundheitsschäden hervorrufen können wie schädlicher Alkoholgebrauch. Bei anhaltend erhöhten Blutalkoholspiegeln können die Menschen auch abhängig werden und dann später doch zur Flasche greifen [2,4].