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Allgemeinmedizin

SARS-CoV-2-Infektion bei Männern

Testosteronmangel erhöht das Risiko für schwere COVID-19-Verläufe

24.9.2021

Daten aktueller Studien lassen darauf schließen, dass Männer mit einem zu niedrigen Testosteronspiegel ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf aufweisen und auch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit daran versterben. Der Kontext besteht unabhängig von anderen Risikofaktoren wie Alter, BMI oder Komorbiditäten.

Nach wie vor stellt die Corona-Pandemie die größte gesellschaftliche und wissenschaftliche Herausforderung der heutigen Zeit dar. Weltweit versuchen Wissenschaftler, die Eigenschaften des SARS-CoV-2-Virus und die verlaufsbestimmenden Mechanismen der COVID-19-Erkrankung besser zu verstehen. Dabei wird langsam mehr und mehr deutlich, welche Faktoren genau den Verlauf und die Schwere von COVID-19 beeinflussen. Mittlerweile gibt es zumindest für einige Faktoren Daten, die einen relevanten Einfluss auf den Erkrankungsverlauf nahelegen. Ein Beispiel dafür ist das Alter der Patienten. Epidemiologische Studien, die bisher zu COVID-19 durchgeführt worden sind, zeigen, dass ältere Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit einen schweren Krankheitsverlauf haben und häufiger an der SARS-CoV-2-Infektion versterben [1]. Einen relevanten Einfluss auf den Erkrankungsverlauf scheinen darüber hinaus auch Vorerkrankungen wie Adipositas oder Diabetes mellitus Typ 2 sowie die Blutgruppe zu haben [2].

Hypogonadale Männer schwerer betroffen

Eine im Juli 2020 publizierte Studie hat gezeigt, dass das Risiko, an COVID-19 zu versterben, für Männer besonders hoch ist: gegenüber Frauen hatten sie eine um 59 % höhere Sterblichkeit [3]. Dabei scheinen Sexualhormone wie das Testosteron eine wichtige Rolle zu spielen. So wurde beobachtet, dass bei männlichen COVID-19-Patienten mit schwerem Verlauf häufig ein Hypogonadismus vorlag, die Testo­steronspiegel also deutlich vermindert waren [4,5]. Das Vorliegen eines Hypogonadismus korrelierte bei den SARS-CoV-2-infizierten Männern mit deren Mortalität und war zugleich ein prädiktiver Faktor für das Outcome [4]. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine an einem Krankenhaus in Deutschland durchgeführte Untersuchung. Von den in die Studie eingeschlossenen ­COVID-19-Patienten, die im Verlauf ihrer Hospitalisierung intensivpflichtig wurden, wies mit knapp 70 % die Mehrheit aller männlichen Patienten einen verminderten Testosteronspiegel und knapp die Hälfte ein erniedrigtes Dihydrotestosteron auf (im Vergleich zu Frauen, bei denen häufiger ein erhöhtes Testosteron und normales Dihydrotestosteron festgestellt wurde) [5].

Testosteronmangel schwächt Immunsystem

Die Ursache für den beobachteten Zusammenhang liegt vermutlich im Einfluss von Testosteron auf das Immunsystem begründet [6]. Ein Testosterondefizit könnte dazu beitragen, dass die Immunantwort im Falle einer SARS-CoV-2-Infektion schwächer ausfällt und das Virus nicht vollständig eliminiert werden kann [6]. Die Folge ist ein erhöhtes Risiko für einen schwerwiegenden Erkrankungsverlauf [4,7]. Es könnte daher sinnvoll sein, so das Fazit der Autoren, bei Männern, die mit Verdacht auf eine COVID-19-Erkrankung hospitalisiert werden, routinemäßig ein Testosteronscreening durchzuführen [6]. Niedrige Testosteronspiegel gelten aber nicht nur als prädiktiv für ein defizitäres Immunsystem, sondern auch für einen allgemein schlechten Gesundheitszustand. So ist ein Hypogonadismus neben einer reduzierten Immunantwort bekanntlich mit verschiedenen Komorbiditäten und Entzündungsprozessen assoziiert [7,8], die den Verlauf einer Corona-Infektion ebenfalls beeinflussen können. Die Leitlinie der EAU (European Association of Urology) zum männlichen Hypogonadismus zählt als häufig mit einem Testosteronmangel assoziierte Erkrankungen das metabolische Syndrom, Diabetes mellitus Typ 2, Adipositas, COPD, HIV-Infektion mit Sarkopenie, Osteoporose oder Frakturen auf. Auch die Gabe von Kortikosteroiden oder Opiaten kann mit einem Testosterondefizit einhergehen [8]. Umgekehrt kann sich ein Ausgleich des Hormonmangels günstig auf die mit einem Hypogonadismus verbundenen Begleiterkrankungen auswirken [8]. Inwiefern der Testosteronspiegel einen Marker oder einen Mediator bezüglich des COVID-19-Schweregrads darstellt, und ob eine Testosterontherapie auch das Outcome bei COVID-19 verbessert, ist bislang noch unklar. Studiendaten sprechen allerdings dafür, dass Testosteron generell protektiv gegen die immunologische Dysregulation wirkt, wie sie im Kontext einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus auftreten kann [9]. Männer mit zu niedrigen Testosteronwerten könnten einer Übersichtsarbeit zufolge auf das Virus häufiger mit einer gefährlichen und überschießenden Entzündungsantwort reagieren, weshalb ein Blick auf die Hormone und ggf. geeignete Ausgleichsmaßnahmen eine sinnvolle Therapieergänzung ­darstellen könnten [9]. Red.

1 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1104173/umfrage/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht/ (Stand: 09.07.2020)
2 Ellinghaus D et al., N Engl J Med 2020; doi: 10.1056/NEJMoa2020283
3 Williamson EJ et al., Nature 2020; doi: 10.1038/s41586-020-2521-4
4 Rastrelli G et al., Andrology 2020; doi: 10.1111/andr.12821
5 Schroeder M et al., medRxiv 2020; doi: 10.1101/2020.05.07.20073817
6 Rowland SP et al., Crit Care 2020; 24: 367
7 Giagulli VA et al., Andrology 2020; doi: 10.1111/andr.12836
8 Dohle GR et al., J Reproduktionsmed Endokrinol 2020; 17: 66–85
9 Auerbach JM et al., J Sex Med 2021; 18: 843–848

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