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Gynäkologie

Verhaltenstherapie als Basis der Gewichtsreduktion

Prävention der Adipositas

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

7.4.2021 9:37

Die Prävention der Adipositas ist eine besondere Herausforderung, doch auch der zu erreichende Vorteil für die Patientinnen ist besonders. Denn positive Änderungen der Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten sind auch dann als Erfolg zu werten, wenn sie keine unmittelbare Wirkung auf das Körpergewicht haben.

Während die gesundheitliche Relevanz von ein­fachem Übergewicht (BMI 25–30 kg/m2) wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt ist, sind die ungünstigen Effekte von Adipositas (BMI ≥ 30 kg /m2) auf Morbidität und Mortalität eindeutig [1]. Ab einem BMI von 30 kg/m2 nimmt das Mortalitätsrisiko, ebenso wie das Risiko für zahlreiche Krankheiten, deutlich zu. Primäres Präventionsziel bei Patientinnen mit ­Gewichtsproblemen ist eine Gewichtsstabilisierung. Ist das Ausgangsgewicht zu hoch, sollte diesem Schritt eine Gewichtsreduktion vorausgehen.

Multifaktorielles Geschehen

An der Entstehung einer Adipositas sind viele ­Faktoren beteiligt. Als relevante Einflussgrößen ­gelten wenig beeinflussbare genetische und endo­krine ­Faktoren auf der einen Seite, durchaus modifizierbare Verhaltensfaktoren auf der anderen Seite. Da alle Faktoren in einer komplexen Wechselwirkung zueinander stehen, ist eine direkte Ableitung von einzelnen Ursachen in der Regel nicht möglich. Die multifaktorielle Bedingtheit der Adipositas (Abb.) spiegelt sich in der Komplexität der Präventions­konzepte. Für die Präventionsansätze ist v. a. die Erkenntnis wichtig, dass sich das übermäßige Gewicht und Fett der Patientinnen als „Nebenprodukt“ entwickeln kann. Kommen zu einer hohen genetischen Vulnerabilität ungünstige Einflüsse während der Fetalphase und in der frühen Kindheit dazu, kann die Adipositas schon im Kinder- oder Jugendalter manifest sein. Beginnen die Gewichtsprobleme erst in späteren Jahren, ist es vermutlich eher auf ein ungünstiges Ernährungs- und Bewegungsverhalten zurückzuführen. Der Zeitrahmen, innerhalb derer sich die Adipositas entwickelt, kann dabei unterschiedlich lang sein. Dieser schleichende Prozess, bei Frauen zusätzlich von der hormonellen Umstellung in der Menopause befördert, wird von den ­Betroffenen oft erst dann als Problem registriert, wenn die Grenze zum Übergewicht bereits deutlich überschritten ist [2]. Hat sich die Adipositas oder das Übergewicht erst einmal manifestiert, dann ist eine Gewichtsreduktion sehr schwierig, da physiologische Prozesse einsetzen, die zur Stabilisierung oder gar Erhöhung des momentanen Gewichtsstatus beitragen (Hunger- und Sättigungsregulation, höhere Anzahl von Fettzellen). Die Adipositasprävalenz unter Erwachsenen ist in den unteren Einkommensschichten rund doppelt so hoch wie in den oberen [3]. Nicht unerwartet finden sich ähnliche soziale Gradienten auch beim Ernährungsverhalten und der körper­lichen Aktivität [4]. Maßnahmen der Adipositasprävention haben daher auch das ­Potenzial, zum Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten im ­Gesundheitsstatus beizutragen [5]. Ein wichtiger Aspekt des Gewichtsmanagements ist die regelmäßige Gewichtskontrolle. Daten der National Weight Control Registry zeigen, dass ­Patienten nach einer Gewichtsreduktion mehr Gewicht zunehmen (4,0 kg), wenn die Wiegefrequenz niedrig ist. Die neuerliche Gewichtszunahme ist ­geringer, wenn die Wiegehäufigkeit erhöht (1,1 kg) oder beibehalten (1,8 kg) wird [6].

Standbeine der Verhaltensmodifikation

Die beiden zentralen Standbeine der Verhaltens­prävention der Adipositas sind eine mengenmäßig angemessene, gesunde Ernährung und ausreichend körperliche Bewegung [1]. Beide haben auch unabhängig von ihrer Relevanz für das Körpergewicht positive Effekte auf die Lebensqualität [7]. Maßnahmen zur Stressreduktion, Schlafhygiene und Alltagsstruktur können dabei supportiv wirken, ­besonders bei Patientinnen mit psychischen Komorbiditäten. Diese Zusammenhänge gilt es, auch ­Patientinnen zu vermitteln. Dabei sind positive ­Änderungen der Bewegungs- und Ernährungs­gewohnheiten auch dann als Erfolg zu werten, wenn sie keine unmittelbar feststellbare Wirkung auf das Körpergewicht haben. Die 5-A-Methode eignet sich bei vielen Arten von Lebensstilmodifikation, so auch beim Gewichtsmanagement:

Das Erheben (Asses) als Bestandsaufnahme der ­Ist-Situation bildet die Grundlage des weiteren Vor­gehens. Die individuelle Beratung der Patientin ­(Advise) soll ihr Selbstvertrauen in die eigenen ­Fähigkeiten stärken. Dabei werden gemeinsame ­Ziele (Agree) festgesetzt, die an die individuelle ­Veränderungsbereitschaft der Patientin angepasst sind. Individuelle Hilfestellungen (Assist) sollen es ihr erleichtern, die zuvor vereinbarten Ziele zu erreichen. Dazu gehören regelmäßige Nachfrage, das Erkennen von Rückfällen und positive Verstärkung. In der letzten Phase werden Folgevereinbarungen getroffen, die eine kontinuierliche Langzeitbetreuung ermöglichen (Arrange). Ist mit diesen Maßnahmen das Ziel nicht zu erreichen, sollten weitere mögliche Maßnahmen wie medikamentöse oder chirurgische Interventionen mit der Patientin besprochen werden.

Der Autor

Dr. rer nat. Reinhard Merz

1 AWMF, Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur ­Prävention und Therapie der Adipositas 2014, ­Registernummer 050/001
2 Warschburger P, Petermann F, Adipositas, Hogrefe 2008
3 Hoebel J et al., Obes Facts 2019; 12: 344–356
4 Kuntz R et al., J Health Monit 2018; 3: 45–63
5 v Philipsborn P et al., Psychotherapeut 2021; 66: 35–41
6 Butryn ML et al., Obesity 2007; 15: 3091–3096
7 Firth J et al., BMJ 2020; 369: m2382

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