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Onkologie

Sport- und Bewegungstherapie

Patientenindividuelles Aktivitätsprogramm

Dr. phil. nat. Miriam Neuenfeldt

30.8.2021

Die Vorteile von körperlicher Aktivität bei Krebspatienten sind gut belegt. Zur Motivation und Verbesserung der Adhärenz ist ein patientenindividuelles Bewegungsprogramm essenziell. Als onkologische Pflegekraft sind Sie ganz nah an den Patienten und können diese dabei unterstützen.

Regelmäßige körperliche Aktivität steht im Zusammenhang mit einem reduzierten Risiko für viele Krebsarten und auch mit einer Linderung der erkrankungs- und behandlungsbedingten Symptome bei Krebspatienten.[1] Beobachtungsstudien zeigen einheitlich, dass körperliche Aktivität die Mortalität bei Patienten mit frühen Stadien von Brust-, Darm- oder Prostatakrebs verringert.[2]

Ein sportlich aktiver Lebensstil könnte Antitumor-Effekte haben, u. a. aufgrund der Stärkung des Blutkreislaufs und der Ausschüttung von Myokinen. So weist eine Beobachtungsstudie darauf hin, dass die regelmäßige Teilnahme an Sport zu einer geringeren Krebshäufigkeit bei Männern mittleren und höheren Alters führt. Ähnlich zeigt sich für Frauen, die ihr Leben lang sportlich aktiv waren, eine geringere Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs (Risikoreduktion über 50 %) im Vergleich zu altersgleichen nicht aktiven Frauen. Dieser Effekt wird umso deutlicher, je eher die Frauen Sport mit hoher Intensität betrieben haben.[1]

Bei intensiver Aktivität wurde eine Verstärkung der Immunsuppression befürchtet (Tab. 1A).[3] Dies konnte allerdings in einer Übersichtsarbeit widerlegt werden. Tatsächlich stärkt intensiver Sport die Immunabwehr. Erste Studien zeigen vorteilhafte Effekte von Sportarten wie Fußball, Triathlon, Klettern oder Drachenbootfahren bei Krebspatienten – insbesondere bei Prostata- und Brustkrebs.[1]


Inaktivität vermeiden

Inaktivität bei Krebspatienten sollte vermieden werden, denn es gibt ausreichend Evidenz, dass Ausdauertraining, Krafttraining oder die Kombination von beidem häufige Symptome onkologischer Erkrankungen verbessern können (Tab. 1B).[2] In der aktuellen S3-Leitlinie für das Mammakarzinom wird daher empfohlen, Patientinnen zu körperlicher Aktivität und bei erhöhtem BMI zur Normalisierung des Körpergewichts zu motivieren. Die Patientinnen sollen so früh wie möglich nach der Diagnosestellung zu normaler Alltagsaktivität zurückkehren und auf weitere regelmäßige körperliche Tätigkeit hingewiesen werden.[4]

Positive Auswirkungen auf verschiedene Symptome onkologischer Erkrankungen haben die folgenden Empfehlungen2:

• Ausdauertraining von moderater Intensität mindestens dreimal pro Woche für jeweils mindestens 30 Minuten über mindestens acht bis zwölf Wochen.

• Zusätzlich zum Ausdauer- auch Krafttraining: mindestens zweimal pro Woche mit mindestens zwei Einheiten sowie 8–15 Wiederholungen mit mindestens 60 % des Wiederholungsmaximums.


Wünsche und Fähigkeiten
der Patienten berücksichtigen

Das Bewegungsprogramm soll dem Patienten und seinem Zustand individuell angepasst sein, um die Adhärenz aufrechtzuerhalten. So wird die Empfehlung für bisher sportlich aktive Krebspatienten anders ausfallen als für Patienten, die ihren Lebensstil aufgrund ihrer Erkrankung aktiver gestalten möchten.[3]

Wichtig ist, dass sich die Patienten nicht überlasten.[3] Zur Einschätzung der richtigen Trainingsbelastung kann u. a. die Herzfrequenz oder der Blutdruck gemessen werden. Achten Sie bei Ihren Patienten auf typische Belastungssymptome wie schnelle Atmung, Schwitzen oder Gesichtsrötungen. Mit z. B. der Borg-Skala kann das individuelle Anstrengungsempfinden eingeschätzt werden. Ihre Skalierung beginnt bei 6 („überhaupt nicht anstrengend“) und endet bei 20 („maximale Anstrengung“).[5]

Der Experte

PD Dr. Joachim Wiskemann
Leiter AG Onkologische Sport- und Bewegungs­therapie
Nationales Centrum für Tumor­erkrankungen (NCT) Heidelberg

www.netzwerk-onkoaktiv.de


Von der Theorie zur Praxis

„Trotz der umfangreichen wissenschaftlichen Belege zur positiven Wirkung von Bewegungstherapie bei onkologischen Patienten ist die Umsetzung in der Praxis häufig unzureichend, insbesondere bezüglich der patientenindividuellen Umsetzung. Motivation seitens des Pflegepersonals ist wichtig, zumal dieses sehr nahe am Patienten ist. Im Pfleger-Patienten-Gespräch kann zur Bewegungs­therapie beraten und auf ein zertifiziertes Bewegungsangebot verwiesen werden.“

Fazit

Langfristiges Ziel sollte es für die Krebspatienten sein, körperlicher Aktivität und Sport einen festen Stellenwert im Alltag einzuräumen. Dabei ist es wichtig, die Patienten von den Vorteilen körperlicher Aktivität zu überzeugen und sie so zu motivieren.[3]

[1] Luo H et al., Integr Cancer Ther 2019; 18: 1–14
[2] Campbell K et al., Med Sci Sports Exerci 2019; 51(11): 2375–2390
[3] Krebsinformationsdienst Körperliche Aktivität, 13.03.2018, https://www.krebsinformationsdienst.de/leben/alltag/sport-nach-krebs.php (zuletzt aufgerufen
am 22.07.2020)
[4] Interdisziplinäre S3-Leitline für die Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, AWMF-Registernr.: 032-045OL, Stand: Februar 2020
[5] Jensen W et al., Onkopedia-Leitlinie „Bewegung und Sport“, Stand: September 2018

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