Internationale Studien legen nahe, dass 33 bis 38 % der Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittenen Erkrankungen in den letzten sechs Lebensmonaten Therapien erhalten, deren potentieller Schaden den erwartbaren Nutzen übersteigt. Grundlage sind Auswertungen von Studien mit insgesamt rund 1,2 Millionen Betroffenen.
Unter Übertherapie wird das Verfolgen von Therapiezielen verstanden, die nicht mehr realisierbar sind, meist unter Anwendung medizinischer Maßnahmen, deren potentieller Schaden den erwartbaren Nutzen übersteigt. Die Ursachen liegen auf mehreren Ebenen. Auf Seiten der Betroffenen fehlen häufig Gesundheitskompetenz und eine vorausschauende Behandlungsplanung, sodass in Krisensituationen oft maximal lebensverlängernde Maßnahmen eingefordert werden. Auf Seiten der Behandelnden tragen personeller Ressourcenmangel, zunehmende Komplexität therapeutischer Entscheidungen, forensische Ängste und unzureichende kommunikative Kompetenzen zur Entstehung von Übertherapie bei. Strukturell begünstigen Versorgungslücken an der Schnittstelle von Palliativ- und Notfallmedizin, eine Orientierung an technischer Machbarkeit statt medizinischer Sinnhaftigkeit sowie ökonomische Fehlanreize das Problem. Besonders relevant ist Übertherapie in der Notfallmedizin, Intensivmedizin und Onkologie, wo komplexe Krankheitsverläufe und Zeitdruck angemessene Therapieentscheidungen erschweren. In der Notfallmedizin betreffen bereits 10 bis 25 % der Einsätze palliativmedizinische Situationen. In der Intensivmedizin versterben mehr als 70 % der invasiv beatmeten Patientinnen und Patienten über 80 Jahre noch während des Krankenhausaufenthalts.
Der Handlungsbedarf ist groß
Die frühzeitige Integration der Palliativmedizin hat einen präventiven Charakter. Sie unterstützt dabei, realistische Therapieziele festzulegen, den Patientenwillen zu ermitteln und gemeinsam tragfähige Behandlungsentscheidungen zu treffen. Multiprofessionelle Palliativteams aus Ärztinnen und Ärzten, Pflegefachpersonen sowie psychosozialen und therapeutischen Mitarbeitenden erfassen Belastungen auf körperlicher, psychischer, sozialer und existenzieller Ebene und begleiten die Therapiezielfindung. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören flächendeckende palliativmedizinische Screeninginstrumente wie das palliative care and rapid emergency screening (p-CaRES) in der Notfallversorgung, zeitlich begrenzte Therapieversuche bei prognostischer Unsicherheit in der Intensivmedizin sowie eine kritischere Indikationsprüfung vor diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen in der Onkologie. Politisch fordern die Autorinnen und Autoren eine auskömmliche Finanzierung von Palliativdiensten im Krankenhaus, die Verankerung palliativmedizinischer Strukturen in der Notfallreform und eine stärkere Aus-, Fort- und Weiterbildung in herausfordernder Kommunikation.
Hinzu kommen eine Finanzierung von Advance Care Planning auch außerhalb von Pflegeheimen, deutschlandweit einheitliche Notfallausweise und eine Stärkung der hausärztlichen Versorgung. Der Handlungsbedarf ist groß: 41 % der Hausärztinnen und Hausärzte sind älter als 60 Jahre und betreuen im Durchschnitt mehr als 1.250 Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig entfallen 11 % der Gesundheitsausgaben auf das letzte Lebensjahr und 21,4 % auf die letzten drei Lebensjahre. Übertherapie verschärft darüber hinaus den personellen Ressourcenmangel und trägt zu moralischem Stress in den Behandlungsteams bei.
Originalpublikation: Übertherapie am Lebensende - Handlungsempfehlungen für die Bereiche Notfallmedizin, Intensivmedizin und Onkologie (https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/uebertherapie-am-lebensende)
Pressemitteilung: „Konrad Adenauer-Stiftung zur Herausforderung Übertherapie am Lebensende: ‚Frühzeitige Integration der Palliativmedizin kann präventiv wirken‘“. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e. V. (DGP), Berlin, 6.7.2026 (https://idw-online.de/de/news873938).