Trotz eines normalen pH-Werts im Blut kann eine (kompensierte) Störung des Säure-Basen-Haushalts vorliegen. Chronisch-metabolische Azidosen sind bei Menschen mit Nierenerkrankungen häufig zunächst unbemerkt. Es lohnt sich, dies im Hinterkopf zu behalten, denn man kann mit einfachen Mitteln Schlimmeres verhindern.
Täglich fließen 1 800 Liter Blut durch die beiden Hochleistungsorgane Nieren. Verlieren aber die Nieren die Möglichkeit zur renalen Regulation (Rückresorption) von Bicarbonat und zur Regulation der H-Ionen-Ausscheidung, entwickelt sich eine chronisch-metabolische Azidose (cmA). Oft wird diese zunächst übersehen, kaum beachtet und die Betroffenen werden nicht behandelt. Da die Reduktion der Nierenfunktion bei CKD (Chronic Kidney Disease) meist langsam erfolgt, schleicht sich die cmA also zunächst unbemerkt heran. Zusätzlich sind Symptome einer cmA nicht eindeutig zuzuordnen. Doch das hat Folgen. Für die Nieren heißt das, der Funktionsverlust beschleunigt sich mit wiederum negativen Rückwirkungen auf den Säure-Basen-Haushalt (SBH). Dies wirkt sich ungünstig auf Knochen und Muskeln aus. Bei einem Diabetes mellitus als Grunderkrankung verschlechtern sich bei einer cmA zusätzlich die Stoffwechselsituation und der Kaliumhaushalt mit negativen Folgen auf die Herzfunktion.
Mit einer Blutgasanalyse (BGA) lässt sich die cmA und der Grad deren Ausbildung schnell diagnostizieren. Sie ist gekennzeichnet durch einen pH-Wert < 7,37, eine Bicarbonat-Konzentration < 22 mmol/l und einen Base-Excess von mehr als -2,0 mmol/l im Blut [1].
Eine isolierte Therapie der cmA bei einer CKD ergibt allerdings keinen Sinn. Im Mittelpunkt stehen die auslösenden Grunderkrankungen – in den meisten Fällen Diabetes mellitus und langjährige Hypertonie. Dennoch ist die angepasste Korrektur der cmA wichtig. Das führt bei Menschen mit CKD neben der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse auch zur Verbesserung der muskuloskelettalen Situation, was Frakturen verhindert, die Lebensqualität erhöht und die Allgemeinsterblichkeit senkt [2,3,4].
Die Korrektur einer cmA verbessert zudem bei Diabetes mellitus mit CKD die diabetische Stoffwechsellage [5]. Die konsequente Therapie einer bestehenden cmA kann auch das Fortschreiten eines bereits eingetretenen Nierenfunktionsverlusts verzögern [3,6].
Die Schilddrüsenfunktion reagiert direkt auf die Korrektur einer Azidose
Offenbar besteht auch ein Zusammenhang zwischen einer Azidose und einem Schilddrüsenhormonabfall. Erhielten in einer Studie Patientinnen und Patienten im Vordialysestadium Bicarbonat oral, dann besserten sich gleichermaßen die Schilddrüsenhormonwerte. Die Forschenden konnten belegen, dass die T3- und T4-Spiegel direkt auf die Korrektur der Azidose ansprachen und sich nicht nur indirekt aufgrund der verzögerten Progression der Niereninsuffizienz stabilisierten [7].
Für die orale Therapie der cmA ist die Galenik von Bicarbonat entscheidend. Einfache Bicarbonat-Verbindungen mit der Indikation Sodbrennen reagieren bereits mit der Salzsäure des Magensaftes, bevor sie eine Pufferwirkung im Blut entfalten können. Es entstehen im Magen Kochsalz, Kohlensäure und Wasser unter Aufbrauchen eines Teils der Bicarbonat-Dosis. Bei der meist erforderlichen cmA-Langzeittherapie kann dies auch zur kompensatorischen Magensaft-Hypersekretion führen.
Magensaftresistente Bicarbonat-Präparate jedoch hemmen die Funktion des Magensaftes nicht. Die Freisetzung der gesamten Bicarbonat-Dosis erfolgt erst im Dünndarm und aktiviert dabei die Bauch-speicheldrüsenenzyme, unterstützt so also den Verdauungsvorgang. Ohne Substanzverlust wird das Bicarbonat dann komplett resorbiert und entfaltet seine puffernde Wirkung im Blutkreislauf.
Mit einer Tagesdosis von 2 000 bis 3 000 mg Bicarbonat (Natriumhydrogencarbonat) ist unter Kontrolle mittels BGA ein Ausgleich des SBH möglich. Auf den Kaliumhaushalt ist zu achten, um eine Hypokaliämie zu vermeiden. Zur Verfügung stehen mehrere Produkte magensaftresistenten Bicarbonats. Gemäß der Arzneimittel-Richtlinie (Anlage I: Nr. 4 – Azidosetherapeutika) sind die Präparate auch zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherungen verordnungsfähig.
Den positiven Effekt der oralen Therapie bei einer kompensierten metabolischen Azidose mit Bicarbonat verdeutlichen Werte der BGA einer ambulant betreuten 61-jährigen Diabetespatientin mit CKD im Stadium G3bA2 vor und nach eingeleiteter Behandlung (Tab.).
Der Autor
Dr. med. Dr. PH Herbert Stradtmann
Arzt für Innere Medizin/Nephrologie,
Hypertensiologe-DHL® und Rehabilitationswesen
Im Wölftegrund 27
34537 Bad Wildungen
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