Diabetes hat einen anderen Einfluss auf Frauen als auf Männer. Das ist schon lange bekannt, wird aber weiter geflissentlich ignoriert. Auf einer Online-Pressekonferenz wurde diskutiert, warum das so ist und was diabetologische und gynäkologische Praxen dagegen tun können.
Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre oder das seit Mai 2026 sogenannte polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS, früher PCOS für polyzystisches Ovarsyndrom), von dem jede achte Frau betroffen ist, können das Risiko für einen Diabetes erhöhen. Umso wichtiger ist daher eine geschlechtersensible Versorgung und Beratung.
Estrogene und Progesteron beeinflussen die Wirkung von Insulin, betonte Prof. Dr. med. Susanne Reger-Tan, Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW, Ruhr-Universität Bochum. So könne in der zweiten Zyklushälfte der Insulinbedarf um bis zu 15 % steigen – doch moderne Pumpensysteme erfassen diese Schwankungen bislang kaum. „Viele Frauen leisten hier jeden Monat Feinarbeit an ihrer Therapie, indem sie manuell nachsteuern“, sagte Reger-Tan. Dafür brauchten sie aber eine Beratung, die die hormonellen Veränderungen ernst nimmt.
Auch der neue Name PMOS zeige, wie eng Hormone, Gewicht und Blutzucker sowie Herzgesundheit zusammenhängen [1]. Es geht bei diesem Krankheitsbild nicht nur um die Ovarien, sondern um eine Multisystemerkrankung mit starken Stoffwechselveränderungen. Für Betroffene könne eine Diagnose jedoch entlastend sein: Die Beschwerden haben endlich einen Namen und die Patientinnen können gezielter beraten werden, auch in Bezug auf mögliche gesundheitliche Risiken.
In den Wechseljahren wird jedoch Diabetes für viele Frauen noch unberechenbarer. Ursachen sind: geringere Estrogenspiegel, veränderte Insulinwirkung, schwankende Werte. In einer niederländischen Studie von 2025 gaben zwei Drittel der Frauen an, dass ihre Glucosewerte instabiler wurden [2]. Schwitzen, Zittern und Herzklopfen fühlen sich an wie eine Hitzewallung – oder wie eine Unterzuckerung. „Im Zweifel sollte zuerst der Glucosewert geprüft werden“, riet Reger-Tan. „Eine Unterzuckerung sollte nicht übersehen werden.“
Frauen sind in der Forschung und in klinischen Studien bis heute unterrepräsentiert.
Frauen mit Diabetes erfahren das Gesundheitssystem noch immer anders und häufig schlechter als Männer. Darauf wies Theresia Schoppe, Diabetes Zentrum Bad Mergentheim, hin. Frauen werden bei Symptomen psychologisiert oder bagatellisiert. Frauen sind in der Forschung und klinischen Studien bis heute unterrepräsentiert. Solche strukturellen Probleme werden meist mit den Begriffen „Medical Gaslighting“ und Gender Health Gap zusammengefasst. Die Folgen sind in Schoppes Einschätzung verheerend:
Hinzu kommt, dass Diabetes bei Frauen oft komplexere psychosoziale Auswirkungen hat. Sie leiden häufiger unter Diabetes-Burnout, Depressionen und psychischen Belastungen. Daten des Robert Koch-Instituts und des Weltwirtschaftsforums [3] deuten darauf hin, dass Frauen zwar länger leben, aber mehr Jahre in schlechter Gesundheit verbringen.
Online-Pressekonferenz des VDBD e. V., Berlin, Juni 2026