Morgens Fango, abends Tango – wer kennt diese Phrase im Zusammenhang mit der Kurmedizin nicht. Beides hat zweifellos positive Effekte. In der Prävention und Therapie geht das Potenzial eines Kuraufenthalts aber weit darüber hinaus, wie sich für viele Erkrankungen darstellen lässt. Im Folgenden finden Sie einige Beispiele.
In der Kurmedizin werden natürliche Heilmittel – oft ortsgebunden wie Heilwässer oder mineralischer Schlamm – kombiniert etwa mit physikalischen und psychologischen Therapieverfahren eingesetzt, um vor allem Primär-, aber auch Sekundärprävention zu betreiben und Symptome zu lindern. „Die Kurmedizin ist kein Relikt des vergangenen Jahrhunderts und keine Akutmedizin, sondern angewandte Physiologie und Modulation“, erklärte Dr. med. August Baumgartner (Bad Birnbach). So nutzen etwa Methoden der Hydrotherapie oder der Balneotherapie physikalische Prinzipien aus, um hämodynamische und neuroendokrine Veränderungen im Körper zu bewirken. Im Zentrum der Behandlung mit und im (Thermal-)Wasser stehen laut Baumgartner der hydrostatische Druck, die Auftriebs- und die Reibungskraft. Der hydrostatische Druck im Wasser bewirkt einen erhöhten Rückfluss von Blut und Lymphe in Richtung Herz. Die Auftriebskraft entlastet den Bewegungsapparat und die Reibungskraft ermöglicht ein gelenkschonendes isokinetisches Ausdauertraining. Diese 3 Prinzipien wirkten sich auf viele verschiedene Krankheitsbilder positiv aus, was der Internist an Beispielen erläuterte.
Essenzielle Hypertonie und Herzinsuffizienz
„Der Bluthochdruck ist ein Paradebeispiel für die Akut- und Langzeiteffekte der Kurmedizin“, sagte Baumgartner. Durch den Rückfluss von etwa einem halben Liter Flüssigkeit zum Herzen werde vor allem dort die Freisetzung des atrialen natriuretischen Peptids (ANP) getriggert (Gauer-Henry-Reflex). Zudem erfolge eine Sympathikolyse über die Stimulation der Barorezeptoren an Karotissinus und Aortenbogen. Die resultierende Diurese und periphere Vasodilatation senke den Blutdruck. Durch die repetitive Anwendung von Heilbädern könne über 3 bis 4 Wochen Kur eine langanhaltende signifikante Blutdrucksenkung von 5 –10 mmHg erzielt werden. Dazu trügen auch veränderte Scherkräfte im Blutfluss mit vermehrter Stickstoffmonoxid-Synthese und verminderter endothelialer Dysfunktion bei. „Es ist möglich, dass während der Kur die antihypertensive Medikation angepasst werden muss“, betonte er.
Durch die ANP-Freisetzung komme es am Herzen zu einer Nachlastsenkung. Bei vorsichtigem Dosieren der Badetherapie überwiege sie gegenüber dem Vorlast-Effekt durch die Volumenrückführung. Von der gesteigerten Ejektionsfraktion profitierten die Patientinnen und Patienten mit stabiler Herzinsuffizienz durch eine erhöhte Belastungstoleranz und vermehrte renale Perfusion. Allerdings sei eine Herzinsuffizienz NYHA-Grad III und IV als absolute Kontraindikation für eine Balneotherapie zu werten. Hier könne es zur akuten kardialen Dekompensation mit Lungenödem kommen.
Koronare Herzkrankheit (KHK) und Vorhofflimmern (VHF)
„Bei der KHK zielt die Kurmedizin vor allem auf eine Ökonomisierung der Herzarbeit ab.“ Die Nachlastsenkung reduziere den myokardialen Sauerstoffbedarf. Bei moderatem Bewegungstraining im Wasser fördere die Reibungskraft die Mikrozirkulation und die Kollateralenbildung. Vorsicht sei mit Kältereizen geboten. Diese könnten zu Koronarspasmen und somit Angina-pectoris-Anfällen führen.
VHF verlangt Baumgartner zufolge im kurmedizinischen Setting ein engmaschiges Monitoring. Der hydrostatische Druck beim Eintauchen ins Wasser könne VHF-Episoden triggern. Dies betreffe vor allem die meist jüngeren Personen mit vagalem VHF. Bei tachykardem sympathikotonem Krankheitsbild wirke die Therapie frequenzstabilisierend. Positive Effekte auf das VHF seien im Verlauf der Kur auch durch Stress-, Gewichts- und Blutdruckreduktion zu erwarten. Eine gemäß CHA2DS2-VAS-Score indizierte Antikoagulation müsse natürlich fortgeführt werden.
Nach Schlaganfall und in der Geriatrie
Nach einem Schlaganfall entfalte die Kurmedizin ihre Wirkung über die motorische und vaskuläre Plastizität. Die Auftriebskraft im Wasser mache Bewegung oft erst wieder möglich, die Reibungskraft fördere die Neuroplastizität über den konstanten propriozeptiven Input, so der Internist. Spastiken würden durch die Muskel-Detonisierung im warmen Wasser von 35 –38 °C gelöst. Vaskulär profitierten die Betroffenen von einer Stabilisierung des Blutdrucks.
„Geriatrische Patientinnen und Patienten sind eine wichtige Zielgruppe im Kurbereich.“ Es könne degenerativen Gelenkveränderungen, Sarkopenie, Sturzangst/-gefahr sowie Schmerzen und Frailty durch Entlastung und Bewegung im Wasser begegnet werden. Dies und der psychosoziale Kontext im Kurbetrieb könne bei dieser Klientel auch zu einer messbar verbesserten Stimmungslage und kognitiven Vigilanz führen. Bei beginnender Demenz könne der Wiedererkennungseffekt eines wiederholten Kuraufenthalts ebenfalls förderlich sein.
Diabetes mellitus und Gicht
Bei Diabetes mellitus wirke die Kurmedizin als potenter metabolischer Modulator, so Baumgartner. Die Bewegung im Wasser verbessere die periphere Insulinsensitivität und die Glucoseaufnahme in die Skelettmuskulatur. Im Verlauf einer 3-wöchigen Kur könne kombiniert mit einer Ernährungsumstellung das HbA1c um 0,5 – 0,8 %-Punkte gesenkt werden. Balneologische Reiztherapie fördere die Durchblutung und wirke einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit sowie einer diabetischen Neuropathie mit resultierender Ulkusbildung entgegen.
„Die Gicht ist eine klassische Indikation für die Trink- und Badekur“, erinnerte der Internist. Über die gesteigerte Perfusion und glomeruläre Filtrationsrate werde die renale Harnsäuresekretion direkt erhöht. Die Zufuhr von alkalischen Heilwässern alkalisiere den Urin-pH, was der Ausfällung von Harnsäure vorbeugt. Allerdings müsste konsequent auf eine hohe Trinkmenge geachtet werden.
Insgesamt biete die Kurmedizin durch das Zusammenspiel vieler Faktoren die Möglichkeit, eine Reihe von neuroendokrinen sowie hämodynamischen Regelkreisen zu beeinflussen, die medikamentös oft nur isoliert adressiert werden könnten, schloss Baumgartner.

Kuren wirken etwas aus der Zeit gefallen. Sie haben aber in verschiedenen Indikationen durchaus ihre Berechtigung. So können sie dazu beitragen, Blutdruck, Körpergewicht, Muskelschwund im Alter oder den Blutzucker im Griff zu behalten und auch für die Psyche ist zum Beispiel durch Stressreduktion ein Nutzen zu erwarten. Informationen zu Kurformen und Kurorten sowie zur Verordnungspraxis liefert der Deutsche Heilbäderverband:
https://www.deutscher-heilbaederverband.de.

Fachkongress „Gesundes Bayern – Stress im Fokus”, (Veranstalter: Gesundes Bayern Marketing GmbH), Bad Birnbach, Juli 2026