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Medikation

Blutdrucktherapie bei Hochbetagten

12.10.2026

Muss Bluthochdruck auch bei hochbetagten, gebrechlichen Menschen konsequent behandelt werden – oder kann gerade im hohen Alter eine Reduktion der Medikamente in bestimmten Situationen sinnvoll sein? Diese Frage beschäftigt die Geriatrie seit Jahren. Antworten liefert jetzt der Geriater und Kardiologe Prof. Dr. med. Athanase Benetos: „Bluthochdruck ist bei älteren Menschen etwas anderes als bei jüngeren“, sagt er. Mit zunehmendem Alter verändern sich nicht nur die Ursachen eines erhöhten Blutdrucks, sondern auch Nutzen und Risiken einer Behandlung.

Prof. Dr. med. Athanase Benetos beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen im hohen Alter von denen jüngerer Menschen unterscheiden. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen hochbetagte, gebrechliche Menschen – eine Patientengruppe, die in klinischen Studien lange nur unzureichend berücksichtigt wurde. Genau auf diese Versorgungslücke zielt die multizentrische französische RETREAT-FRAIL-Studie

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Weniger Medikamente unter klaren Bedingungen

An der Studie beteiligten sich 1.048 Bewohnerinnen und Bewohner von 108 Pflegeeinrichtungen in Frankreich. Eingeschlossen wurden Menschen ab 80 Jahren mit Frailty, einem systolischen Blutdruck unter 130 mmHg und einer Behandlung mit mehr als einem Antihypertensivum. Das mittlere Alter lag bei 90,1 Jahren, der systolische Ausgangsblutdruck bei rund 114 mmHg.

Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip zwei Behandlungsstrategien zugeteilt: Während eine Gruppe ihre bisherige Blutdrucktherapie im Rahmen der üblichen Versorgung fortführte, wurde die Medikation in der anderen Gruppe nach einem festgelegten Protokoll schrittweise reduziert.

Über eine mediane potenzielle Nachbeobachtungszeit von 38,4 Monaten zeigte sich beim primären Endpunkt kein Unterschied: Die Gesamtsterblichkeit lag in der Step-down-Gruppe bei 61,7 % und in der Vergleichsgruppe bei 60,2 % (HR 1,02; 95%-KI 0,86–1,21). Damit bestätigte sich die Annahme nicht, dass eine Reduktion der antihypertensiven Therapie die Sterblichkeit senkt. Zugleich nahm die Zahl der verordneten Antihypertensiva in der Reduktionsgruppe deutlicher ab; der systolische Blutdruck lag dort im Verlauf im Mittel um 4,1 mmHg höher. Auch bei schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zeigten sich keine offensichtlichen Unterschiede.

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Deprescribing braucht klare Regeln

Für Benetos sind die Ergebnisse kein Freibrief zum pauschalen Absetzen blutdrucksenkender Medikamente. Vielmehr gehe es darum, Nutzen und Risiken einer Behandlung regelmäßig neu abzuwägen und Therapien konsequent an die individuelle Situation älterer Menschen anzupassen. Ein hoher Grad an Gebrechlichkeit kann dabei ein wichtiger Hinweis sein, weil frühere Beobachtungsstudien darauf hindeuten, dass gerade diese Patientengruppe besonders anfällig für Nebenwirkungen einer antihypertensiven Therapie sein könnte.

Zugleich war die in RETREAT-FRAIL untersuchte Population klar definiert: eingeschlossen wurden hochbetagte Pflegeheimbewohner mit niedrigem systolischem Blutdruck unter 130 mmHg und mehr als einem Antihypertensivum. Reduziert wurden nur Medikamente, für die keine andere zwingende medizinische Indikation bestand. Vor der Randomisierung wurde die Medikation entsprechend in absetzbare und medizinisch notwendige Präparate eingeteilt.

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Im Mittelpunkt sollte die individuelle Lebenssituation stehen

Auch das Vorgehen selbst war streng strukturiert: Pro Visite durfte höchstens ein Medikament abgesetzt werden. Weitere Reduktionsschritte erfolgten nach 3 und 6 Monaten und anschließend halbjährlich, solange der systolische Blutdruck unter 130 mmHg blieb. Bei einem Anstieg auf mindestens 160 mmHg wurde das zuletzt abgesetzte Medikament wieder eingeführt. „Die gleichen Regeln, die für das Verordnen von Medikamenten gelten, müssen auch für deren Absetzen gelten“, betont Benetos.

Gerade darin sieht der Geriater einen Paradigmenwechsel: Nicht starre Zielwerte sollten im Mittelpunkt stehen, sondern die individuelle Lebenssituation, die funktionelle Gesundheit und die persönlichen Therapieziele älterer Menschen. Die Studie zeigt damit vor allem, dass eine kontrollierte schrittweise Reduktion der antihypertensiven Therapie bei sorgfältig ausgewählten hochbetagten Pflegeheimbewohnern mit niedrigem Blutdruck ohne erkennbaren Nachteil bei der Gesamtsterblichkeit durchgeführt werden konnte – einen klinischen Vorteil gegenüber der üblichen Versorgung belegt sie jedoch nicht. rb

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Für die Praxis

  • Deprescribing nur bei klar passender Konstellation erwägen: sehr hohes Alter, Frailty, systolischer Blutdruck unter 130 mmHg, mehr als ein Antihypertensivum.
  • vor Reduktion prüfen, ob für einzelne Präparate andere zwingende medizinische Indikationen bestehen.
  • Therapie nur schrittweise und strukturiert reduzieren und Blutdruck sowie klinischen Verlauf regelmäßig kontrollieren.
  • bei deutlichem Blutdruckanstieg, in der Studie ab 160 mmHg systolisch, erneute Eskalation erwägen.
  • nicht allein an Zielwerten orientieren, sondern auch Frailty, Funktion, Sturzrisiko, Komedikation und individuelle Therapieziele berücksichtigen.

Pressemitteilung: „Blutdrucktherapie bei Hochbetagten neu denken: „Manchmal ist weniger tatsächlich mehr“. Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), Köln, 11.8.2026 (https://www.dggeriatrie.de/presse/pressemeldungen/2603-pm-blutdrucktherapie-bei-hochbetagten-neu-denken-manchmal-ist-weniger-tatsaechlich-mehr).

* Benetos A et al.: Reduction of Antihypertensive Treatment in Nursing Home Residents. N Engl J Med. 2025 Nov 20;393(20):1990-2000 (DOI 10.1056/NEJMoa2508157).

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