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Allgemeinmedizin

Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen: Oft nicht als Erkrankung gesehen

PD Dr. med. Gudrun Gossrau

4.11.2021

Kopfschmerzen sind bei Kindern und Jugendlichen im Schulalter die häufigsten Schmerzen. Wiederkehrende Kopfschmerzen führen im Kindes- und Jugendalter oft zu erheblichen Einschränkungen der Alltagsfähigkeit. Für die Behandlung stehen differenzierte medikamentöse und nicht medikamentöse Maßnahmen zur Verfügung.

Die Prävalenz von Kopfschmerzen im Jugendalter hat zugenommen. Langzeitdaten aus Finnland zeigen diese Entwicklung im Verlauf von 30 Jahren [1]. In einer Querschnittsstudie an Dresdner Schulen mit über 2 700 Schülern beklagten 68 % an mindestens einem Tag pro Monat Kopfschmerzen. Mehr als zwei Drittel der Schüler mit regelmäßigen Kopfschmerzen hatte keine spezifische Kopfschmerzdiagnose [2]. Eine österreichische Studie erhob die Prävalenz von Kopfschmerzen bei Schülern: Migräne 24,2 %, Kopfschmerz vom Spannungstyp 21,6 %, chronische Kopfschmerzen (≥ 15 Kopfschmerztage pro Monat) 3,0 % und undifferenzierte Kopfschmerzen 26,1 %. Von den Schülern mit Kopfschmerzen zeigten 42 % Einschränkungen im täglichen Leben, und die gesundheitsbezogene Lebensqualität war bei fast allen vermindert.

Diagnostik und Klassifikation von Kopfschmerz

Häufig werden Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen unterschätzt und demzufolge verzögert als Erkrankung erkannt und behandelt. Die Unterscheidung zwischen den häufigsten primären Kopfschmerzformen, dem Kopfschmerz vom Spannungstyp und der Migräne kann schwierig sein. Eine ausführliche Kopfschmerzanamnese ist in jedem Fall essenziell. Tabelle 1 stellt Diagnosekriterien für juvenilen Kopfschmerz vom Spannungstyp und Migräne gegenüber, basierend auf der Klassifikation von primären Kopfschmerzerkrankungen (International Classification of Headache Disorders, ICHD; [3]) der International Headache Society (IHS). Migräne ist die häufigste neurologische Erkrankung. Im Kindes- wie im Erwachsenenalter unterscheidet man Migräne ohne Aura von Migräne mit Aura. Aura ist ein meist vor der Kopfschmerzattacke beginnender Zustand mit sukzessive auftretenden neurologischen Defiziten, der bis zu 60 Minuten anhalten kann. Neben visuellen Aurasymptomen, z. B. Flimmerskotomen, werden sensorische Symptome, z. B.  Taubheitsgefühle, oder auch Sprachstörungen und im Fall der hemiplegischen Migräne Hemiparesen unterschieden. Bei einer Hirnstammaura treten Dysarthrie, Schwindel, Tinnitus, Ataxie oder Doppelbilder auf. Die retinale Migräne geht mit verschiedenen visuellen Symptomen bis hin zu vorübergehender Blindheit einher. Chronische Migräne liegt vor, wenn Kopfschmerzen an ≥ 15 Tagen pro Monat auftreten und davon ≥ 8 Tage migränetypisch sind (Tab. 1).

Sekundäre Kopfschmerzen werden mithilfe der „Red Flags“ erkannt. Dazu zählen Fieber, Trauma, okzipitale Kopfschmerzen, plötzlicher Kopfschmerzbeginn oder neurologische Defizite. Erkrankungen wie Meningitis, Sinusthrombose, intrazerebrale/subarachnoidale/epi- oder subdurale Blutung, Hirntumor, Schlaganfall, Pseudotumor cerebri, Hydrocephalus oder Liquorleck können zu sekundären Kopfschmerzen führen und müssen durch geeignete diagnostische Untersuchungen ausgeschlossen werden [4]. Häufigere sekundäre Kopfschmerzen bei Kindern treten bei akuter Otitis media, Rhinosinusitis oder Zahnerkrankungen auf [4]. Nehmen Kopfschmerzen bei häufigem Gebrauch von Analgetika zu, ist ein Analgetika-Übergebrauchskopfschmerz zu prüfen [5].

Behandlungsoptionen

Nach der Diagnosestellung kommt der Edukation des Patienten eine wichtige Rolle in der Kopfschmerztherapie zu. Die Aufklärung über biologische Ursachen der Kopfschmerzen und psychosozialer Mechanismen der Schmerzverstärkung basiert auf dem biopsycho-sozialen ModelL. Die Patienten werden zur besseren Selbstwahrnehmung, zur Differenzierung von Migräne und Spannungskopfschmerzen sowie zum Erkennen der Triggerfaktoren motiviert. Zum Einsatz kommen verschiedene akute und prophylaktische Therapiestrategien.

Die akute Kopfschmerztherapie ist für Migräneattacken vor allem medikamentös. Insbesondere jüngere Patienten mit kurzen Attacken profitieren jedoch auch vom Ruhen in reizarmer Umgebung. Kopfschmerz vom Spannungstyp wird oft effektiv durch nicht medikamentöse Maßnahmen wie leichte Bewegung im Freien oder Applizieren von Pfefferminzöl im Schläfenbereich behandelt. Aspirin sollte unter dem 12. Lebensjahr aufgrund der Nebenwirkung eines Reye-Syndroms nicht eingenommen werden [6]. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die häufigsten Analgetika zur Kopfschmerzreduktion im Kindes- und Jugendalter [7].

Wichtig ist es, Kinder und Eltern über den differenzierten Umgang mit Analgetika aufzuklären. Die Medikation sollte in der Migräneattacke so früh wie möglich eingenommen werden, trotzdem gilt: Analgetika maximal zwei- bis dreimal pro Woche einnehmen, um einen analgetikainduzierten Kopfschmerz zu vermeiden [5]. Bei ausgeprägter Übelkeit kann Domperidon oder Dimenhydrinat eingesetzt werden. Einen Überblick über die Therapie von Kopfschmerzen im Kindes- und Jugendalter gibt Tabelle 3.

Nicht medikamentöse Therapie und Prophylaxe

Zu den nicht medikamentösen prophylaktischen Therapieverfahren zählen z. B. Schmerzdistanzierungs-, Entspannungs- und Atemtechniken, Bio- und Neurofeedback sowie Ausdauersport und verhaltenstherapeutische Interventionen [8]. Diese Verfahren können unimodal oder deutlich effektiver in interdisziplinären multimodalen Gruppenprogrammen umgesetzt werden. Das Dresdner Kinderkopfschmerzprogramm (DreKiP) verknüpft beispielsweise die verschiedenen Module Edukation, Stressmanagement, Entspannungstechniken, körperliche Aktivierung sowie Defokussierung und Ressourcenstärkung miteinander in einer ambulanten Gruppentherapie [9]. Ziel solcher Programme ist die Verbesserung des selbstständigen Kopfschmerzmanagements, der Selbstwirksamkeit, Defokussierung vom Schmerz und die Verbesserung der Alltagsfunktion. Die Einschätzung komorbider psychischer Erkrankungen als Risikofaktor einer Kopfschmerzchronifizierung wird auch im Kindes- und Jugendalter empfohlen.

Insgesamt besteht häufig die Notwendigkeit einer interdisziplinären Behandlung junger Patienten mit kopfschmerzbedingten Einschränkungen der Alltagsfähigkeit. Medikamentöse Kopfschmerzprophylaxen, insbesondere für Migräne im Kindes- und Jugendalter, sind vielfach untersucht, konnten in placebokontrollierten Studien jedoch oft aufgrund der hohen Placeborate bei jugendlichen Patienten keine deutlichen Effekte nachweisen. Für den Betablocker Propranolol konnte bei episodischer Migräne eine Senkung der Attackenfrequenz von 50 % aufgezeigt werden, bei chronischer Migräne ergab sich kein Vorteil [10]. Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium stellen eine weitere Säule in der Migräne- und Kopfschmerzprophylaxe dar. Hier sollten mindestens 300 mg/Tag Magnesium eingesetzt werden.

FAZIT:

Die Kopfschmerzklassifikation ist Voraussetzung einer erfolgreichen Therapie. Neben der differenzierten Akuttherapie ist eine nicht medikamentöse Prophylaxe die Basis eines langfristig guten Managements der Kopfschmerzen. Für Patienten mit Migräne und hoher Alltagseinschränkung stehen bei nicht ausreichendem Ansprechen auf nicht medikamentöse Maßnahmen prophylaktische Medikamente mit limitierter Evidenz zur Verfügung. Diese Off-Label-Therapieversuche müssen von einer umfangreichen Aufklärung von Patienten und Eltern begleitet sein sowie regelmäßigen Therapiekontrollen.

Die Autorin

PD Dr. med. Gudrun Gossrau
Fachärztin für Neurologie – Spezielle Schmerztherapie
Universitäts SchmerzCentrum
Technische Universität Dresden

gudrun.gossrau2@
uniklinikum-dresden.de

1 Anttila P et al., Pediatrics 2006; 117:  e1197–1201
2 Nieswand V et al., Cephalalgia 2019; 39: 1030–1040
3 Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS) The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition, Cephalalgia 2018; 38: 1–211, doi:10.1177/0333102417738202
4 Blankenburg M et al., Klin Padiatr 2019; 231: 14–20
5 Diener HC et al., Nat Rev Neurol 2016; 12:  575–583
6 Kropp P, Ebinger F, Evers S, Wenn Kindern der Kopf weh tut: Rat und Hilfe bei Kopfschmerzen und Migräne. Stuttgart: Urania, 2007
7 Evers S, Curr Pain Headache Rep 2013; 17: 342
8 Dresler T et al., MMW Fortschr Med 2017; doi:10.1007/s15006-017-9709-z
9 Richter M et al., Schmerz 2018; 32: 17–29
10 Jackson JL et al., PLoS One 2015; 10: e0130733

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