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Gynäkologie

FIGO 2021

Adipositas im Fokus

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

17.5.2022

Am heutigen Donnerstag (21.10.2021) startet der XXIII FIGO World Congress of Gynecology and Obstetrics – der weltweit größte und umfassendste Kongress zum Thema Frauengesundheit. Eines der Hauptthemen in diesem Jahr ist Adipositas – nach Ansicht vieler Experten die größte Bedrohung für die Frauengesundheit überhaupt.

Einer der Kongresspräsidenten des FIGO 2021 ist Prof. Dr. med. Frank Louwen, Chefarzt am Universitätsklinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit den Schwerpunkten Geburtshilfe und Pränatalmedizin. Prof. Louwen engagiert sich seit Jahren aktiv dafür, dass Frauenärzte bei der Bekämpfung der Adipositas eine führende Rolle übernehmen, und im Zuge einer Pressekonferenz zur Eröffnung des FIGO erklärte er warum: „Die WHO ist in der Zwischenzeit davon überzeugt, dass Adipositas die größte Bedrohung für die Weltbevölkerung sei. In Mexiko haben 60% der Kinder vor dem zwölften Lebensjahr Adipositas, die Hälfte davon schon mit einem metabolischen Syndrom. Typ-2-Diabetiker im Kinder- oder Jugendalter sind längst keine Seltenheit mehr. Das haben wir alle in unserer Ausbildung nicht gelernt.“
Prof. Louwen betonte, dass bereits vor 20 Jahren ein Zusammenhang zwischen maternaler Adipositas und schweren fetomaternalen Schwangerschaftskomplikationen hergestellt werden konnte. Das individuelle Risiko steige dabei mit der jeweiligen Zunahme des maternalen Body-Mass-Index (BMI) an. Eine frühzeitige Erfassung dieser Komorbiditäten und entsprechende Adaptierung des geburtshilflichen Managements sei nach seiner Ansicht daher obligat.

In der Frauenarztpraxis kumulieren die Probleme adipöser Frauen rund um die Familienplanung. Schon schwanger werden ist für sie oft ein Problem. Adipöse Patientinnen haben häufig eine eingeschränkte Fertilität und das Abortrisiko von adipösen Schwangeren ist um bis zu 50% gegenüber Normgewichtigen erhöht. Dazukommen mehr Probleme bei der Schwangerschaftsüberwachung und der Entbindung.
In der Behandlung adipöser Frauen mit Kinderwunsch steht an erster Stelle daher die Gewichtsreduktion. Frauenärzte sollten das Thema mit Patientinnen im fertilen Alter aktiv ansprechen und auch mögliche Lösungsansätze anbieten, fordert Louwen. Die vorliegenden Studien lassen den Rückschluss zu, dass ein Lebensstil mit vermehrter Bewegung und adäquater Ernährung präkonzeptionell positive Auswirkungen sowohl auf die Schwangerschaft als auch auf die Entbindung und die Zeit danach haben kann.

Dass man dennoch keine Wunderdinge von Lebensstilveränderungen erwarten darf, führte Prof. Arya Sharma, Edmonton, Kanada, aus. Adipositas ist mehr als ein Bilanzunterschied zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch. Der Körper versucht, ein einmal erreichtes Gewicht zu verteidigen. Dazu reguliert das Gehirn unseren Stoffwechsel über ein fein abgestimmtes System aus Hormonen und Kontrollsignalen. In der Folge muss man Anstrengungen zur Gewichtskontrolle nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar intensivieren – sonst kommt das Gewicht wieder. Oberstes Ziel jeder Adipositas-Intervention ist für Sharma die Verbesserung der Lebensqualität und des Allgemeinzustands der Patienten. Er wertet einen Gewichtsstillstand und das Aufhalten der Progression schon als echten Behandlungserfolg.
Abschließend wagten die Professoren Louwen und Sharma in der Diskussion einen Blick in die Zukunft. Louwen fokussierte noch einmal auf die Rolle der Frauenarztpraxis: „Wir sind in Deutschland in der glücklichen Situation, dass es sehr viele niedergelassene Frauenärzte gibt, die gesunde, junge Frauen regelmäßig sehen. Damit haben wir einen guten Zugang zu diesen Frauen – das ist in anderen Ländern nicht der Fall. Der Berufsverband der Frauenärzte und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe haben zu diesem Thema in den letzten Jahren auch viele Fortbildungen angeboten.“

Gerade der Einstieg ist für Prof. Louwen entscheidend und Frauenärzte müssen nach seiner Meinung lernen, dieses Thema empathisch an die Frau zu bringen: „Wenn Sie einer 30-Jährigen mit BMI 35 sagen, sie müsste jetzt mal abnehmen, kann das hoch kontraproduktiv sein. Sie wird vielleicht anfangen zu weinen, aber nicht wiederkommen – denn sie hat dieses Problem seit Jahren erkannt und ist immer wieder gescheitert. Wir müssen das trotzdem ansprechen und den Frauen dann den Weg zu einer interdisziplinären Therapie weisen.“ Darüber hinaus müssten alle Hausärzte in die Adipositas-Therapie eingebunden werden.
Gibt es einen „Point of no return“ beim BMI, ab dem Lebensstilveränderungen nicht mehr greifen? Nein, so Prof. Sharma, das sei bei jedem Menschen anders. „Wer mit einem BMI von 27 auf 25 zurückkommen will, hat das gleiche Problem wie jemand, der von 42 auf 40 runter möchte. Deshalb ist es wichtig, dass man in der Adipositas-Behandlung früh einsteigt und nicht wartet, bis der BMI bei 40 ist.“

Zum Schluss wurden noch die Auswirkungen der Pandemie auf Adipositas diskutiert. „Wir haben einen Anstieg weltweit gesehen“, merkte Prof. Louwen an, „und weil der Körper ja immer auf das höchste Gewichtsniveau zurück möchte, schafft das zusätzliche Probleme für die Zukunft. Wir haben zu lange an der Therapiepyramide festgehalten, die mit kleinen Interventionen in Form eines Ernährungsprogramms anfängt und über eine Verhaltens- und Pharmakotherapie dann irgendwann bei der bariatrischen Chirurgie landet. Aber die Adipositas hat während dieser Zeit immer weiter fortbestanden und sie ist das Hauptproblem. Und deshalb freue ich mich, dass Adipositas auf dem FIGO 2021 so einen prominenten Stellenwert hat.“

Prof. Sharma betonte abschließend die Bedeutung des Disease Management Programms Adipositas, das spätestens 2024 kommen soll, und neuer Medikamente: „Ich denke in ein paar Jahren wird man auf 2021 als das Jahr zurückblicken, in dem Semaglutid eingeführt wurde.“* Er erwartet von Semaglutid langfristig deutlich bessere Ergebnisse, als durch das bereits zugelassene Liraglutid. „Aber dazu müssen die Rahmenbedingungen auch so sein, dass Patienten diese Behandlung ohne großen Aufwand bekommen können. Wir müssen lernen, dass die chronische Krankheit Adipositas auch dauerhaft therapiert werden muss – wie Diabetes oder Bluthochdruck. Und davon sind wir noch weit entfernt.“

Ein Highlight zum Start

Die opening ceremony des FIGO mit anschließender President’s Session beginnt am Donnerstag, 21.10.2021 um 17:00 Uhr deutscher Zeit. Dort werden FIGO Präsident Prof. Carlos Fuchtner und President elect Prof. Jeanne Conry mit den beiden Trägerinnen des Alternativen Nobelpreises Dr. Sima Samar und Dr. Monika Hauser diskutieren, wie die Lage in Afghanistan für women’s health und rights aussieht und was Medizin, Wissenschaft und Politik jetzt tun können und tun müssen. Dr. Samar und Dr. Hauser waren bis September 2021 vor Ort. Die President’s Session wird im Internet gestreamt:
https://fb.me/e/2Uk34rtnD

* Anmerkung der Redaktion: Semaglutid ist ein GLP-1-Agonist zur Behandlung des Typ-2-Diabetes. In einer randomisierten kontrollierten Studie bei übergewichtigen und adipösen Nichtdiabetikern wurde das Körpergewicht deutlich gesenkt (N Engl J Med 2021; DOI: 10.1056/NEJMoa2032183). Daraufhin hat die FDA das Medikament zur Adipositas-Therapie in den USA zugelassen. Die Zulassung in Deutschland für diese Indikation steht noch aus.

Pressekonferenz „Gesundheitsproblem Adipositas: Weltkongress für Gynäkologie und Geburtshilfe zeigt Handlungsbedarf für Frauengesundheit auf“, (Veranstalter: Novo Nordisk Pharma GmbH), online, 20.10.2021
Kongresswebsite: https://figo2021.org/

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