Digitale, patientennahe Anwendungen sind in der onkologischen Routineversorgung angekommen und als Teil der evidenzbasierten Medizin etabliert. Dieser Beitrag gibt einen Überblick zur Evidenz digitaler Konzepte in der Therapieunterstützung.
Das Mammakarzinom bleibt mit jährlich über 70 000 Neuerkrankungen die häufigste Krebserkrankung der Frau in Deutschland. Die onkologische Versorgung hat in den vergangenen Jahren beeindruckende Fortschritte erzielt. Dank innovativer und zunehmend personalisierter Therapien konnten die Überlebenschancen gesteigert werden. Aktuelle Daten weisen für Frauen eine relative 5-Jahres-Überlebensrate von 88 % auf [1]. Die intensiven therapeutischen Regime sind jedoch häufig mit kurz- und langfristigen Nebenwirkungen assoziiert, die das Management zunehmend komplexer gestalten [2].
Patientinnen fordern hierbei verstärkt Unterstützung beim Nebenwirkungsmanagement sowie bei der Bewältigung psychosozialer Belastungen ein [3]. Über die reine Wissensvermittlung hinaus besteht der Wunsch, den Genesungsprozess aktiv mitzugestalten. Untersuchungen bestätigen ein Interesse der Patientinnen, selbstwirksam Einfluss auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität zu nehmen [4].
An dieser Stelle bieten E-Health-Angebote, insbesondere digitale, patientennahe Anwendungen, Lösungsansätze für den Alltag. Als skalierbare sowie orts- und zeitunabhängige Werkzeuge unterstützen sie Patientinnen durch Edukation und Lebensstilinterventionen, bieten psychoonkologische Begleitung und ermöglichen ein kontinuierliches Monitoring mittels Patient-Reported Outcome Measures (PROMs). Über den direkten Nutzen für die Patientinnen hinaus gibt es Hinweise darauf, dass mobile Anwendungen das klinische Management unterstützen und zu Effizienzgewinnen im Versorgungsalltag beitragen können [5].
Die Relevanz dieser Anwendungen zur Optimierung der Versorgung spiegelt sich sowohl in der AGO Leitlinie „Supportive Therapie und Nebenwirkungsmanagement” als auch in der im Dezember 2025 aktualisierten S3-Leitlinie „Mammakarzinom“ wider. Beide Leitlinien sprechen sich für den Einsatz von E-Health-Angeboten aus, wobei digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) besondere Erwähnung finden [6,7].
Wissenschaftliche Evidenz
Die wissenschaftliche Datenbasis für digitale Anwendungen bei Brustkrebs ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Zahlreiche systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen haben die Wirksamkeit dieser Tools untersucht, wobei der Fokus der Publikationen hinsichtlich der technischen Ausgestaltung der Anwendungen oder der untersuchten Endpunkte variiert.
Ein zentrales Ergebnis fast aller Studien ist die positive Auswirkung auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Singleton et al. (2022) zeigen in einer Metaanalyse, dass E-Health-Interventionen (webbasierte Angebote und Apps) nicht nur die Lebensqualität und die Selbstwirksamkeit im Umgang mit der Erkrankung verbessern, sondern auch Fatigue und Distress reduzieren können [8]. Dieses Ergebnis bestätigen auch Coombs und Kim (2024) in ihrer Arbeit über ausschließlich webbasierte Anwendungen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass diese die Lebensqualität steigern und dabei insbesondere die physische, kognitive und emotionale Funktionsfähigkeit von Patientinnen mit Brustkrebs stärken können [9].
Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung liegt auf dem Selbstmanagement von Nebenwirkungen. Wanchai et al. (2022) identifizieren in ihrem Review Smartphone-Apps als das am häufigsten untersuchte und effektivste Werkzeug, um sowohl körperliche als auch psychische Nebenwirkungen der Brustkrebstherapie besser zu bewältigen [10]. Speziell für den Bereich der psychosozialen Belastung untersuchten Ma et al. (2023) telemedizinische Ansätze. Ihre Ergebnisse zeigen, dass digitale psychosoziale Interventionen, hierunter Apps und webbasierte Angebote, der Standardversorgung überlegen sind, insbesondere in Bezug auf die Lebensqualität sowie bei der Reduktion von Angstzuständen und Distress [11].
Insgesamt zeichnet die aktuelle Studienlage ein positives Bild. Digitale, patientennahe Anwendungen können ein wirksames Instrument sein, indem sie Patientinnen beim eigenständigen Management ihrer Gesundheit unterstützen. Trotz vielversprechender Ergebnisse weist das Autorenteam jedoch darauf hin, dass aufgrund heterogener Studiendesigns und unterschiedlicher technischer Ansätze weiterhin Forschungsbedarf besteht.
Digitale Begleiter im Überblick
Der deutsche Markt für digitale Anwendungen im Indikationsbereich Brustkrebs ist dynamisch und nimmt durch das Digitale-Versorgung-Gesetz (2019) eine internationale Vorreiterrolle ein. Die Zulassung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) fungiert dabei als verlässliches Qualitätssiegel. Der DiGA-Status garantiert ein CE-zertifiziertes Medizinprodukt, das neben Sicherheit, Funktionalität und Datenschutz auch einen Wirksamkeitsnachweis, den positiven Versorgungseffekt (pVE), erbringen muss [12].
Nicht jede Anwendung erfüllt diese spezifischen Anforderungen. Während DiGAs einen pVE nachweisen müssen, ist für viele andere CE-zertifizierte medizinische Apps die Einhaltung regulatorischer Anforderungen ohne vergleichbaren Evidenznachweis ausreichend. Davon abzugrenzen sind allgemeine Medizin- oder Gesundheits-Apps ohne behördliche Kontrolle, denen es zudem meist an wissenschaftlicher Fundierung mangelt. Der vorliegende Beitrag fokussiert sich ausschließlich auf wissenschaftlich untersuchte Anwendungen, die in der Tabelle zusammenfassend dargestellt sind.
Derzeit sind zwei DiGAs für den Anwendungsbereich Brustkrebs dauerhaft im DiGA-Verzeichnis zugelassen. „PINK! Coach“ wurde im November 2023 dauerhaft ins Verzeichnis aufgenommen. Der pVE wurde in einer prospektiven, multizentrischen, randomisierten kontrollierten Studie an 7 großen deutschen Brustzentren nachgewiesen. Die App kombiniert personalisierte Wissensvermittlung in den Bereichen Ernährung, Bewegung und mentale Gesundheit mit verhaltenswissenschaftlichen Konzepten wie der Zielsetzung, die Patientinnen dabei zu unterstützen, Lebensstiländerungen nachhaltig im Alltag zu verankern. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten die Ergebnisse nach 12 Wochen eine signifikante und klinisch relevante Verbesserung der psychischen Belastung [13].
„Untire“ ist seit September 2025 dauerhaft als DiGA gelistet. Die Anwendung adressiert die krebsbedingte Fatigue bei Brustkrebs. Dabei werden edukative Inhalte und verhaltenstherapeutische Werkzeuge zu verschiedenen Themenbereichen bereitgestellt, die in direktem Zusammenhang mit krebsbedingter Fatigue stehen wie etwa Stressmanagement, Schlafhygiene und körperliche Aktivität. Neueste Studiendaten mit 200 Teilnehmenden zeigen, dass die Nutzung der App im Vergleich zur Standardversorgung nach 12 Wochen zu einer signifikanten Verringerung der Fatigue und Verbesserung der Lebensqualität führte [14].
Die Anwendung „CANKADO PRO-React Onco“ ist seit 2024 nicht mehr im DiGA-Verzeichnis gelistet, wird jedoch weiterhin als Medizinprodukt geführt. Das System ermöglicht ein digitales Symptom-Monitoring, bei dem Patientinnen Beschwerden dokumentieren und Empfehlungen zur Dringlichkeit einer ärztlichen Rücksprache erhalten. Neuere Untersuchungen bei fortgeschrittenen oder metastasierten HR+/HER2– Krankheitsverläufen unter systemischer Therapie zeigen signifikante Ergebnisse hinsichtlich der Lebensqualität auf. Daher wird für diese Anwendung eine Wiederaufnahme in das DiGA-Verzeichnis angestrebt [15,16].
Ein weiteres unter RCT-Bedingungen klinisch geprüftes Medizinprodukt ist „PINK! Leben“, ein webbasierter psychoonkologischer Kurs basierend auf Prinzipien der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Kerninhalte sind Achtsamkeit, Werteorientierung und Akzeptanz. Der Kurs ist multimodal konzipiert und vermittelt therapeutische Inhalte über Texte, Videos, Audios sowie praktische Übungen für Achtsamkeit und Reflexion. Aktuelle Forschungsberichte zeigen signifikante Effekte bei der Reduktion von Angst sowie Progredienzangst [17].
Zusätzliche Impulse für die onkologische Versorgung liefern Projekte des vom Gemeinsamen Bundesausschuss geförderten Innovationsfonds, die innovative Versorgungsformen für eine mögliche Überführung in die Regelversorgung evaluieren. Charakteristisch für die aktuellen onkologischen Vorhaben ist dabei die enge Verzahnung von App-Nutzung und klinischer Reaktion. Ein Beispiel ist das Projekt PRO B zum Monitoring von Patient Reported Outcomes (PRO) bei metastasiertem Brustkrebs. Durch regelmäßige digitale PRO-Abfragen wird das Behandlungsteam bei klinisch relevanten Verschlechterungen informiert, um eine ärztliche Intervention zu ermöglichen. Erste Daten deuten hierbei neben einer verbesserten Lebensqualität auch auf einen potenziellen Überlebensvorteil hin [18].
Das Projekt PRISMA setzt ebenfalls auf dieses Zusammenspiel und nutzt eine App zum PRO-Monitoring von Adhärenz, Nebenwirkungen und Distress. Bei Auffälligkeiten wird das Brustzentrum automatisch benachrichtigt, woraufhin onkologische Pflegekräfte die Patientin kontaktieren und intervenieren [19]. Da die abschließenden Evaluationen und Transferentscheidungen für beide Projekte noch ausstehen, bleibt abzuwarten, inwieweit diese Ansätze künftige Versorgungsstandards definieren. In diesem Bereich zeichnen sich jedoch dynamische Entwicklungen ab, die das digitale Angebot perspektivisch um neue Optionen ergänzen könnten.
Integration in den Praxisalltag
Obwohl DiGAs über das SGB V für gesetzlich Versicherte reguliert werden, kann das DiGA-Verzeichnis aufgrund der Evidenzprüfung auch in der privatärztlichen Versorgung als wertvolle Orientierungsgrundlage dienen. Die Versorgung mit einer gelisteten DiGA folgt klar definierten Pfaden. Für Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ist der Zugang budgetneutral geregelt. Die Patientin erhält einen Freischaltcode entweder per ärztlicher Verordnung oder durch direkte Anforderung bei der Krankenkasse unter Vorlage eines Diagnosenachweises.
Der Prozess für Privatpatientinnen und Beihilfeberechtigte verläuft über ein Privatrezept (s. Beitrag S. 40). Die Übernahme der Kosten durch die privaten Versicherer erfolgt meist problemlos analog zu klassischen Hilfsmitteln, wenngleich sie, anders als im gesetzlichen System, nicht gesetzlich garantiert ist.

Digitale, patientennahe Anwendungen sind in der onkologischen Routineversorgung angekommen und als Teil der evidenzbasierten Medizin etabliert. Dabei bieten sie vielfältige Einsatzmöglichkeiten von der strukturierten Patientenedukation über ein proaktives Nebenwirkungsmanagement bis hin zu psychoonkologischen Interventionen. Sie unterstützen Patientinnen dabei, ihre Gesundheit selbstwirksam mitzugestalten und schließen eine wesentliche Lücke in der kontinuierlichen Betreuung. Neben dem klinischen Benefit bieten digitale Anwendungen das Potenzial für eine Zeitersparnis im Praxisalltag.
Durch ihr regulatorisches Prüfverfahren und dem verpflichtenden pVE-Nachweis bieten insbesondere DiGAs eine verlässliche Basis für die Verordnung.

Die Autorin
Prof. Dr. med. Pia Wülfing
PINK gegen Brustkrebs GmbH
20251 Hamburg