CGRP(Calcitonin Gene-Related Peptide)-basierte Medikamente bieten bei schwerer Migräne Schutz vor chronischen Verläufen. Aktuelle Studienergebnisse unterstreichen die Wirksamkeit und Verträglichkeit von CGRP-basierten Therapien. In der Praxis könnten sie Betroffenen früher als bisher zugutekommen.
Migräne zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland und betrifft schätzungsweise 8 –10 Millionen Menschen, vielfach im erwerbstätigen Alter. Studien belegen, dass der frühzeitige Einsatz effektiver Migräneprophylaktika das Risiko einer Chronifizierung senken kann [1], womit vielfältige körperliche, psychische und soziale Beeinträchtigungen vermieden werden.
Entscheidender Fortschritt bei der Migränetherapie durch spezifische Medikamente
Spezifische Migränemedikamente markieren einen entscheidenden Fortschritt in der Prophylaxe und der Akuttherapie: Dazu zählen die seit 2019 zugelassenen monoklonalen CGRP-Antikörper, die gegen CGRP selbst oder dessen Rezeptor (R) gerichtet sind (z. B. Eptinezumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Erenumab) und die seit Kurzem verfügbaren oralen CGRP-R-Antagonisten (Gepante). Der S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ zufolge werden diese Substanzen für jene Patientinnen und Patienten empfohlen, bei denen unspezifische klassische Prophylaktika nicht ausreichend wirksam, nicht verträglich oder kontraindiziert sind [2]. Untersuchungen wie die APPRAISE-Studie belegen für den CGRP-R-Antikörper Erenumab eine sechsmal häufigere Reduktion der Migränetage innerhalb eines Behandlungsjahres um mindesten 50 %, weniger Nebenwirkungen und eine höhere Therapietreue als mit oralen Migräneprophylaktika [3].
DMKG-Kopfschmerzregister: Antikörper oft erst bei schwer Kranken im Einsatz
Oft werden die neuen Medikamente im Praxisalltag erst bei schwer erkrankten Menschen eingesetzt, wie aktuellen Daten aus dem Kopfschmerzregister der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) e. V. zu entnehmen ist [4]. Verglichen wurden 759 Patientinnen und Patienten, die mit CGRP(R)-Antikörpern behandelt wurden, mit 961 weiteren, die zugelassene unspezifische orale Prophylaktika (Amitriptylin, Betablocker, Flunarizin, Topiramat) erhielten. Erstgenannte hatten mehr ungenügend wirksame bzw. nicht verträgliche Vortherapien durchlaufen, eine längere Erkrankungsdauer, häufiger chronische Migräne, mehr schwere Kopfschmerz- und Akutmedikationstage, eine geringere Lebensqualität sowie mehr Begleiterkrankungen (Abb.) und waren seltener berufstätig. Dies weist darauf hin, dass CGRP-Antikörper Migränebetroffenen erst spät im Krankheitsverlauf verschrieben werden, wenn sie bereits besonders schwer betroffen sind.
Die Daten der DMKG weisen auch auf den Einfluss von kassenärztlichen Vorgaben für die Verordnung und Kostenrestriktionen hin: Nach Änderung der Erstattungsrichtlinien 2022 hat sich die Behandlung mit Erenumab hin zu weniger therapierefraktären Patientinnen und Patienten mit kürzerer Erkrankungsdauer verschoben, die also im Vergleich zu den mit anderen CGRP-Antikörpern Behandelten weniger schwer betroffen waren. Zwar sind die Medikamente kostenintensiv und nicht alle Patienten und Patientinnen benötigen eine CGRP-Therapie. Doch eine verzögerte Behandlung kann zu höherer Krankheitslast und steigenden direkten sowie indirekten Gesundheitskosten führen. Generell müssen Therapieentscheidungen ärztlich-individuell unter Beachtung ökonomischer Effekte getroffen werden.
Langfristig Kostensenkung möglich
Aktuelle Therapieoptionen bieten die Chance, die Krankheitslast für Migränepatientinnen und -patienten entscheidend zu verringern. Moderne Migräneprophylaktika sollten daher indikationsgerecht und patientenorientiert zum Einsatz kommen. Die Therapieentscheidungen sollten nach Meinung der DMKG medizinisch individuell und gesellschaftlich orientiert getroffen werden, um Chronifizierung zu verhindern und langfristig Kosten zu senken.
Versorgungsforschungsprojekt der DMKG
Die DMKG hat aufbauend auf ihrem Kopfschmerzregister mit „MIGRA MD“ das derzeit größte Versorgungsforschungsprojekt zur strukturierten Migränebehandlung initiiert. Gefördert wird es vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Das Ziel ist es, die Therapie von Migränepatienten und -patientinnen bundesweit digitalisiert, multimodal und leitliniengerecht zu gestalten. Erkrankte können voraussichtlich ab März 2026 am MIGRA-MD-Projekt teilnehmen.
Sandra Wilcken, Fachredaktion der DMKG-Initiative Attacke! Gemeinsam gegen Kopfschmerzen
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