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Allgemeinmedizin

Diabetes mellitus

Mit neuer Klassifizierung Therapien optimieren

Oana-Patricia Zaharia

29.7.2021

Studien aus Skandinavien zufolge erweist sich die herkömmliche Einteilung des Diabetes in die Typen 1–4 als ungenügend. Denn gerade die von Diabetes Typ 2 Betroffenen – das sind mehr als 90 % der Menschen mit Diabetes – stellen eine sehr heterogene Gruppe dar.

Nach aktuellen Schätzungen beläuft sich der Anteil der mit Diabetes mellitus in Deutschland lebenden Menschen zwischen 7,2 % und 9,9 %, Tendenz steigend.[1] Die meisten davon leiden an Diabetes Typ 2, der mit vielerlei Folgekomplikationen wie Niereninsuffizienz, Herzinfarkt oder Polyneuropathien verknüpft ist, was nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen deutlich mindert, sondern auch eine erhöhte Sterblichkeit bedeutet. Aber nicht alle Menschen mit Typ-2-Diabetes entwickeln die gleichen Komplikationen. Maßgeschneiderte, individuelle Behandlungsstrategien wären daher wünschenswert. Die dafür nötige Betrachtung der Erkrankung ist bei der derzeitigen Klassifizierung allerdings kaum möglich. Eine neue Einteilung, wie die in den Studien aus Skandinavien beschriebene, könnte helfen, erfolgreiche Diabetestherapieoptionen zu entwickeln, die sich an stratifizierten Risiken orientieren.[2,3]

Phänotypisierung nach Cluster-Analyse

Vor diesem Hintergrund analysierten Forscher des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) sowie der schwedischen Universität Lund Daten der prospektiven, multizentrischen deutschen Diabetes-Studie (GDS), die Menschen mit neu diagnostiziertem Diabetes seit mehr als zehn Jahren begleitet. Sie unterzogen sie wie in Skandinavien einer Cluster-Analyse, was letztlich zu einer Phänotypisierung in Subtypen des Diabetes führte. Zudem verglichen sie die Cluster dahingehend, ob sich diabetesassoziierte Komplikationen bzw. Komorbiditäten über einen Zeitraum von fünf Jahren unterscheiden lassen. Hierbei fokussierten sie sich insbesondere auf die nichtalkoholische Fettleberkrankheit (NAFLD), die Leberfibrose und die diabetische Neuropathie.[4]

Dazu überprüften die Wissenschaftler 1.105 Teilnehmer auf Insulinsensitivität und Insulinsekre­tion anhand folgender Variablen:

• GADA (Glutamat-Decarboxylase-Antikörper)

• Alter bei Diagnose

• Body-Mass-Index (BMI)

• HbA1c-Spiegel

• HOMA-Indizes (Homöostasemodellbewertung)

Basierend auf dem Cluster-Algorithmus konnten fünf verschiedene Subtypen mit unterschiedlichen Risiken für Folgeerkankungen identifiziert werden:

• milder altersbedingter Diabetes (MARD, 35 % der Kohorte)

• milder adipositasbedingter Diabetes (MOD, 29 %)

• schwerer autoimmuner Diabetes (SAID, 22 %)

• schwerer insulinresistenter Diabetes (SIRD, 11 %)

• schwerer insulindefizitärer Diabetes (SIDD, 3 %)

Es zeigte sich, dass insbesondere zwei Subtypen ein hohes Risiko für Komplikationen aufweisen. So betrifft das höchste Risiko, eine nicht alkoholische Fettleber zu entwickeln, Patienten mit dem Cluster-Merkmal „schwerer insulinresistenter Diabetes“; für eine diabetische Neuropathie lag das höchste Risiko beim Subtyp „schwerer insulindefizitärer Diabetes“. Außerdem stellte sich heraus, dass sich die Risiken für bestimmte diabetesbedingte Komplikationen bereits in den ersten fünf Jahren nach Diagnosestellung manifestierten.

Deutsche Diabetes-Studie

Die GDS (www.deutsche-diabetes-studie.de) läuft bundesweit unter Leitung des DDZ, einem Partner  des DZD, an acht Standorten des DZD. Sie zielt auf ein besseres Verständnis der Diabeteserkrankung ab – insbesondere der Faktoren für das Auftreten von Folgeerkrankungen. Gesucht werden Marker für die unterschiedlichen Verlaufsformen des Diabetes, um neue, spezifische Konzepte für Therapie und Prävention bestimmter Folgeerkrankungen entwickeln zu können. Werden frühzeitig auftretende Warnzeichen für Diabeteskomplikationen entdeckt, können zugelassene Therapieverfahren parallel miteinander verglichen werden. Bestandteil der GDS ist auch, den Einfluss der Gene auf den Verlauf des Diabetes zu untersuchen.

Die Studie ist noch offen. Interessierte, bei denen in den vergangenen zwölf Monaten Diabetes festgestellt wurde, können sich unter der Rufnummer 0211/ 3382 209 des DDZ informieren oder eine E-Mail senden an studienzentrum@ddz.de.

Fazit

Die zurzeit diskutierte Diabetesklassifikation in fünf Cluster ermöglicht es, Betroffene mit Typ-2-Diabetes spezifischen Subtypen zuzuordnen, die deutliche Unterschiede in den Stoffwechselveränderungen sowie verschiedene Risiken für das Auftreten diabetesbedingter Komplikationen aufweisen. Das kommt einem großen Schritt in Richtung Präzisionsmedizin bei Diabetes gleich und eröffnet Möglichkeiten für die Entwicklung frühzeitig greifender, risikoadaptierter Behandlungsstrategien, mit deren Hilfe sich Folgeerkrankungen in Zukunft hoffentlich verzögern oder gar vermeiden lassen.

Die Autorin

Oana-Patricia Zaharia
ist Ärztin im Klinischen Studienzentrum am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf. Mit Prof. Michael Roden gehört sie dem Team an, das die Aufteilung des Diabetes in Subtypen untersucht.

oana-patricia.zaharia@ddz.de

[1] Tönnies T et al., Diab Med 2019; doi.org/10.1111/dme.13902
[2] Groop L et al., Lancet D&E 2018; doi.org/101016/S2213-8587(18)30051-2
[3] Beck-Nielsen H et al., Diabetes Metab Res Rev 2018; DOI: 10.1002/dmrr.3005
[4] Zaharia OP et al., Lancet D&E 2019; doi.org/10.1016/S2213-8587(19)30187-1
[5] www.ddz.de

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