Die therapeutischen Möglichkeiten bei Psoriasis haben sich grundlegend erweitert. Beim DERMA-Talk „Psoriasis-Therapie neu gedacht“ auf der Fortbildungswoche 2026 in München diskutierten Prof. Dr. Andreas Pinter und Dr. Nina Magnolo mit Moderator Dr. Peter Weisenseel, welche Entwicklungen praxisrelevant sind.
Nach den im Gespräch zitierten Versorgungsdaten nutzen nur etwa 40 % der Dermatologinnen und Dermatologen Biologika. Zugleich werden weiterhin orale Kortikosteroide eingesetzt, obwohl diese bei Psoriasis laut Leitlinie nicht empfohlen werden. Die Expertengruppe appelliert deshalb, Leitlinien und Checklisten konsequenter in den Praxisalltag zu integrieren.
Entscheidend sei nicht allein die Verfügbarkeit wirksamer Medikamente, sondern ihr tatsächlicher Einsatz bei geeigneten Patienten und Patientinnen. Dazu gehören die frühe Identifikation eines systemischen Therapiebedarfs und die Bereitschaft, bei unzureichendem Ansprechen die Behandlung anzupassen.
PASI 90 als neues Therapieziel
Während früher PASI 75 als wesentliches Ziel galt, sollte heute PASI 90 bzw. eine weitgehende oder vollständige Erscheinungsfreiheit angestrebt werden. PASI 75 ist allenfalls noch in der Induktionsphase als Zwischenziel akzeptabel. Für die Routine kann der absolute PASI hilfreich sein. Im Talk wurden in diesem Zusammenhang Werte von höchstens 2 bis 3, bei ambitionierter Zielsetzung von höchstens 1, genannt.
Die Entscheidung darf jedoch nicht an einem einzelnen Score festgemacht werden. Ein Befall an Kopfhaut, Genitalregion, Händen oder Füßen kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen, obwohl der Gesamt-PASI niedrig ist. Der Therapieerfolg sollte daher regelmäßig reevaluiert werden. Dabei gilt es, weder vorschnell zu wechseln noch eine unzureichend wirksame Behandlung zu lange fortzuführen. Je nach Präparat kommen Dosierungsoptimierung, Kombination oder Wirkstoffwechsel infrage.
Neue orale und topische Optionen
Besonderes Interesse gilt Icotrokinra, einem oral verfügbaren Peptid, das den IL-23-Rezeptor antagonisiert. Nach den diskutierten Studiendaten erreicht die Substanz hohe PASI-90- und PASI-100-Raten und könnte hinsichtlich der Wirksamkeit an etablierte Biologika heranreichen. Der Vorteil liegt in der oralen Anwendung, insbesondere für Menschen, die Injektionen ablehnen. In den USA ist der Wirkstoff bereits zugelassen, für Europa steht die Zulassung noch aus.
Auch bei den Lokaltherapien gibt es Fortschritte. Vorgestellt wurde eine steroidfreie Tacrolimus-Mikroemulsion für die Psoriasis der Kopfhaut. Nach zweimal täglicher Anwendung über 8 Wochen erreichten etwa 30 % der Patientinnen und Patienten eine nahezu vollständige Erscheinungsfreiheit, gegenüber 5–10 % unter Vehikel. Die Galenik soll die Penetration durch psoriatische Schuppen erleichtern und kosmetisch besser akzeptiert sein. Eine direkte Überlegenheit gegenüber topischen Kortikosteroiden ist bislang nicht belegt.
Ein zentrales Zukunftsthema ist die Disease Modification. Dahinter steht die Hypothese, dass ein früher Beginn einer effektiven Systemtherapie den langfristigen Krankheitsverlauf günstig beeinflussen könnte. Erste Daten zu IL-17- und IL-23-Inhibitoren sprechen dafür, dass früh behandelte Betroffene besser und möglicherweise länger anhaltend ansprechen.
Die Mechanismen sind noch nicht vollständig verstanden. Diskutiert werden unter anderem Effekte auf Tissue Resident Memory Cells (TRMs). Klinisch ergibt sich dennoch eine klare Konsequenz: Bei entsprechender Indikation sollte eine hochwirksame Systemtherapie nicht erst nach langem Ausschöpfen konventioneller Therapien oder der Phototherapie erwogen werden.
Adipositas mitbehandeln
Adipositas betrifft nach Angaben des Expertenteams ca. 30 –50 % der Menschen mit Psoriasis und kann mit höherer Krankheitsaktivität sowie einem schlechteren Ansprechen auf Biologika verbunden sein. Diskutiert wurden deshalb neue Daten zur Kombination eines Biologikums mit Tirzepatid. In einer prospektiven randomisierten Studie bei mittelschwerer bis schwerer Psoriasis und Adipositas wurde nach 36 Wochen der kombinierte Endpunkt unter der Kombination häufiger erreicht als unter der Biologikatherapie allein. Auch PASI 100 trat häufiger auf. Neben dem Gewichtsverlust könnten zusätzliche antiinflammatorische Effekte GLP-1-basierter Therapien eine Rolle spielen.
Das Gewichtsmanagement bleibt eine interdisziplinäre Aufgabe. Dermatologische Praxen sollten eng mit hausärztlichen, internistischen und adipositasmedizinischen Strukturen kooperieren. Da nach Absetzen häufig erneut eine Gewichtszunahme eintritt, ersetzt die medikamentöse Therapie keine nachhaltige Lebensstilmodifikation.
Pipeline bleibt dynamisch
Weitere TYK2-Inhibitoren befinden sich in klinischer Prüfung. Zudem werden Zielstrukturen wie IL-17 und IL-23 zunehmend auch für oral verfügbare Wirkstoffe erschlossen. Langwirksame Antikörper könnten perspektivisch Dosierungsintervalle bis hin zu einer Injektion pro Jahr ermöglichen. Ob sich diese Konzepte bewähren, müssen weitere Studien zeigen.
Insgesamt ist die Psoriasis-Therapie 2026 wirksamer und vielfältiger als je zuvor. Der größte Fortschritt entsteht jedoch nicht allein durch neue Präparate, sondern durch ihren leitliniengerechten, frühzeitigen und konsequenten Einsatz. PASI 90 bzw. weitgehende Erscheinungsfreiheit sollten zum Regelfall werden. Gleichzeitig gewinnen Gewichtsmanagement, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die mögliche Krankheitsmodifikation durch frühe Intervention an Bedeutung. Das Ziel bleibt ein langfristig erscheinungsarmes bis erscheinungsfreies Leben bei möglichst geringer Krankheits- und Komorbiditätslast.
PODCAST: cme-welt.de/medizin-talk/psoriasis-therapie-neu-gedacht/
Bildnachweis: stil media gmbh