Antioxidantien, Anthocyanen, Flavonoiden, Polyphenolen und Vitaminen werden gesundheitsfördernde, gar lebensverlängernde Eigenschaften zugeschrieben. Kann sich orales Bicarbonat (NaHCO3) hier einreihen? Studien zufolge könnte das zumindest bei chronisch Nierenerkrankten gelten.
Gestatten Sie mir zu Beginn einen kleinen Exkurs in eine Problematik unserer Zeit. Die maximale Lebensspanne für Menschen (Zeit von der Geburt bis zum Tod) liegt derzeit bei etwas mehr als einem Jahrhundert. Der bislang älteste Mensch, eine Frau, starb nachweislich im Alter von 122 Jahren.
Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen erfasst die meistens zum Geburtszeitpunkt geschätzte durchschnittliche Lebensdauer in einer bestimmten Population. Die Lebensspanne kann unterteilt werden in Phasen der Gesundheit (Gesundheitsspanne) und der Krankheit (Krankheitsspanne). Derzeit erfolgt die Verlängerung der Lebensspanne in Ländern wie Deutschland hauptsächlich durch eine längere Krankheitsphase am Ende des Lebens. Ein wachsender Bevölkerungsanteil hat zwar eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung als noch vor 100 Jahren, aber mit immer längerem Krankenstand und damit verbundenen wachsenden Kosten.
Hoffnungsträger sekundäre Pflanzenstoffe
Sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide und Phytosterole nehmen wir naturgemäß über pflanzliche Lebensmittel auf. Als Nahrungsergänzungsmittel sind sie aber inzwischen auch sehr beliebt. Sie sollen etwa vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen und das Immunsystem stärken. In welchem Maß der menschliche Körper diese Stoffe positiv nutzen kann, hängt aber von vielen Faktoren ab. Langfristige Wirkungen hoher Dosierungen sind nicht absehbar, Kontrollparameter gibt es hierbei nicht [1].
Folgen eines Nierenschadens
Zu den in der Krankheitsspanne häufigsten Erkrankungen gehören Adipositas, Hypertonie, Typ-2-Diabetes-mellitus (T2DM), Arteriosklerose mit nachfolgenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall, Krebserkrankungen und Demenz.
Hypertonie und T2DM führen bei Älteren oft zur chronischen Nierenfunktionseinschränkung (Chronic Kidney Disease, CKD). Im Vordergrund der Behandlung steht die auslösende Krankheit. Ein Nierenschaden ist dennoch oft nicht mehr heilbar und bringt Folgekomplikationen mit sich. Besonders bedrohlich ist die metabolische Azidose im akuten Nierenversagen. Bei einem Blut-pH-Wert von unter 7,2 ist der Einsatz von Bicarbonat zur Lebenserhaltung zwingend [2]. Bicarbonat wirkt bekanntlich als physiologischer Puffer zur Korrektur einer metabolischen Azidose. Entsteht bei CKD eine latente bis manifeste chronisch-metabolische Azidose (cmA), gilt es, deren längerfristig wirkende lebensbeschränkende Folgen zu vermeiden. Denn eine unbehandelte cmA bei CKD hat negative Auswirkungen auf viele Körperfunktionen. Diese betreffen die Hormonsekretion und -wirkung und damit den Protein-, Glucose-, Fett- und Knochenstoffwechsel sowie immunologische Abläufe.
Eine metabolische Azidose hat viele negative Stoffwechselauswirkungen.
In Anbetracht dieser vielfach negativen Effekte einer cmA hat man einem Zuviel an H+-Ionen – dem zentralen Akteur im Säure-Basen-Haushalt – den Namen „urämisches Toxin“ gegeben [3].
Gefahr durch Herzerkrankungen
Patienten und Patientinnen mit CKD haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Extraossäre Weichteil- und Gefäßkalzifizierungen verlaufen häufig rasch progredient. Das betrifft die Koronarien und die Herzklappen. Eine erhöhte Gefäßsteife steigert das Risiko für plötzlichen Herztod [4].
Die cmA bei CKD führt auch zu Schwankungen der Blut-Kalium-Konzentration. Oft entsteht eine manifeste Hyperkaliämie. Steigt diese über 6,0 mmol/l, sind Arrhythmien wie Vorhof- oder Kammerflimmern die Folge. Vorhofflimmern gehört zu den häufigsten Herzrhythmusstörungen bei CKD-Patientinnen und -Patienten und bedingt eine hohe Mortalität [5].
Gefahr durch Schlaganfall
Das Risiko für Schlaganfälle steigt mit Abnahme der glomerulären Filtrationsrate (GFR) [6]. In einer prospektiven japanischen Follow-up-Studie über einen Zeitraum von 17 Jahren mit 12 222 Personen im Alter von 40 bis 69 Jahren (GFR unter 60 ml/min/1,73 m2) erlitten 566 (4,6 %) einen Schlaganfall [7]. Ischämische Schlaganfälle überwogen, was für den bei CKD gestörten Flüssigkeitshaushalt als Auslöser spricht. In einer Studie aus Deutschland lag die Schlaganfallprävalenz bei 40- bis 79-Jährigen insgesamt immerhin bei 2,9 % [8]. Wie groß der Anteil von Personen mit CKD war, ging aus dieser Untersuchung allerdings nicht hervor.
Orales Bicarbonat – Ansatz mit Kontrolloption
Eine weitere japanische Studie ergab, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit älterer Personen mit CKD insbesondere von der Serum-Bicarbonat-Konzentration abhing [9]. Und: Im Vergleich zur Standardtherapie war in einer Studie bei Nierenkranken mit oraler Bicarbonat-Supplementation eine Verlangsamung der Progression ins finale Stadium der CKD, das oft die Lebensspanne kappt, zu erkennen [10].
Zu beachten ist: Für die orale Bicarbonat-Supplementierung ist ein magensaftresistentes Präparat nötig, weil es sonst inaktiviert wird. Eine Überkorrektur in Richtung Alkalose ist zu vermeiden. Im Gegensatz zur fehlenden Kontrolloption bezüglich einer Überdosierung sekundärer Pflanzenstoffe kann der Säure-Basen-Haushalt auch durch venöse Blutgasanalysen (BGA) überwacht werden.
Der Autor
Dr. med. Dr. PH Herbert Stradtmann
Arzt für Innere Medizin/Nephrologie,
Hypertensiologe-DHL® und Rehabilitationswesen
Im Wölftegrund 27
34537 Bad Wildungen