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Allgemeinmedizin

Allergologie

Mehr Pollen durch Stadtbeleuchtung

Angelika Bauer-Delto

10.6.2026

Forschende beschäftigen sich zunehmend mit dem Einfluss von Umweltfaktoren auf die Belastung durch Pflanzenpollen. Dabei ergab sich: Faktoren der modernen Welt wie das intensive Düngen von Grasflächen oder die nächtliche Lichtverschmutzung in Städten können die Menge und das allergene Potenzial von Pollen erhöhen.

Messungen der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID; www.pollenstiftung.de) geben einen guten Überblick über die Entwicklung der Pollenmenge in Deutschland, berichtete Prof. Dr. med. Karl-Christian Bergmann, Institut für Allergieforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Für Haselnusspollen ist in den vergangenen 8 Jahren eine stetige Zunahme zu verzeichnen und die in früheren Jahren beobachtete geringere Pollenbelastung alle 2 Jahre bleibt inzwischen aus. Die Zahl an Birken nimmt deutlich ab, dennoch steigt die Menge der Birkenpollen. Eine Steigerung ist auch bei der Menge der Eschenpollen zu beobachten. Erlenpollen nehmen ebenfalls zu, wobei es in einzelnen Jahren wie 2019 und 2021 zu drastisch erhöhten Mengen kam. Seit 2020 wird auch ein deutlicher Anstieg der Gräserpollenmenge festgestellt (Abb.). Ein Einflussfaktor sei, laut Bergmann, dass die Pflanzen unter Stress vermehrt Pollen freisetzen, um ihre Art zu erhalten.

Luftfeuchtigkeit beeinflusst Pollenbelastung

Gräserpollen zählen zu den Allergenen, die am häufigsten medizinische Probleme verursachen, insbesondere eine saisonale allergische Rhinitis. Immer wieder gibt es auch Berichte über ein sogenanntes „Gewitterasthma“, das durch Gräserpollen verursacht wird. Dabei treten Asthma-Episoden bei Gewitter auf – auch bei Personen mit allergischer Rhinitis, die bislang kein Asthma bronchiale hatten. Eine Erklärung ist Bergmann zufolge, dass bei hoher Luftfeuchtigkeit Pollen in der Luft platzen. Untersuchungen in einem In-vitro-Modell humaner Bronchialzellen haben ergeben, dass beispielsweise unter Hydratation geplatzte Weidelgräserpollen vermehrt Partikel freisetzen, die besonders tief inhaliert werden können [1]. Diese induzieren signifikante Mengen reaktiver Sauerstoff-Radikale (ROS), die zu einer bronchialen Hyperreaktivität und Asthma-Symptomen führen können. Personen mit Pollenallergie sollten bei Gewitter in Innenräumen mit geschlossenen Fenstern bleiben, so Bergmann.

Mehr Gräserpollen durch Düngen

Ein möglicher Einflussfaktor auf die Zunahme von Gräserpollen in den vergangenen Jahren könnte eine Stickstoffanreicherung im Boden durch Düngung sein. Stickstoffdioxid verändere die Pollenmorphologie, reduziere die Membranstabilität und trage so zu einer schnelleren Allergenfreisetzung bei, sagte Bergmann.

In einer aktuellen Untersuchung konnte demons­triert werden, dass auf gedüngten im Vergleich zu ungedüngten Grasflächen der Stickstoffgehalt im Boden, die Grasdichte und die Biomasse höher waren, während die Biodiversität verarmte [2]. Stickstoffangereicherte Grasflächen produzierten mehr als das 6-Fache an Pollen, die in Basophilen-Aktivierungstests darüber hinaus ein deutlich erhöhtes allergenes Potenzial aufwiesen. Bei Personen mit Gräserpollen­allergie, die gedüngten Grasflächen ausgesetzt waren, lagen die Spiegel an spezifischem IgE um das 1,3-Fache höher. Diese Ergebnisse belegen die Bedeutung von Maßnahmen zur Reduzierung der Stickstoffbelastung von Böden für die öffentliche Gesundheit. Bergmanns Rat: Menschen mit Pollenallergie sollten möglichst darauf verzichten, ihren Rasen im eigenen Garten zu düngen.

Nächtliche Lichtverschmutzung fördert Baumpollenallergie

In Städten können unterschiedliche Faktoren Allergien der Atemwege fördern. Dazu zählt Feinstaub durch die Luftverschmutzung. Darüber hinaus sind Pflanzen vermehrt künstlichem Licht in der Nacht ausgesetzt (Artificial Light at Night, ALAN). Dadurch unterlägen sie nicht mehr dem natürlichen Licht-Dunkelheit-Zyklus, wie Bergmann erläuterte. In einer aktuellen Studie wurden die Auswirkungen einer nächtlichen Beleuchtung auf die Pollenfreisetzung von Bäumen sowie auf die Belastung durch allergische Erkrankungen untersucht [3]. Es zeigte sich, dass eine höhere ALAN-Exposition signifikant mit einer längeren Pollensaison einherging. Dies galt auch nach Berücksichtigung von Faktoren wie Temperatur und Niederschlag. In Regionen mit ALAN-Belastung kam es zu einer höheren Allergenexposition im Vergleich zu Standorten mit geringer oder keiner ALAN-Belastung: Die Allergenexposition wurde an 27 vs. 17 % der Tage als „schwer“ klassifiziert, während Tage mit einer Allergenexposition unterhalb der Symptomschwelle mit 33 vs. 50 % viel seltener waren.

Somit habe die nächtliche Lichtverschmutzung deutliche Auswirkungen auf die Pollenphänologie, so Bergmann, und somit auf die Beschwerdestärke bei Allergien. Die Phänologie befasst sich mit den im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen der Pflanzen. Aspekte wie Beleuchtung sollten bei Planungen im öffentlichen Raum berücksichtigt werden.

  1. Pathania D et al., Sci Total Environ 2025; 1002: 180665
  2. Daelemans R et al., Lancet Planet Health 2025; 9(4): e294–e303
  3. Geist B et al., PNAS Nexus 2026; 5(1): pgaf405

16. Allergo Update „Allergene in Außenluft und Innenräumen“, Berlin, März 2026

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