In der gynäkologischen Praxis gehört der Impfstatus zum präventivmedizinischen Kernauftrag. Eine aktuelle Analyse aus Kanada erweitert die Perspektive: Die Herpes-zoster-Impfung schützt nicht nur vor Gürtelrose und postzosterischer Neuralgie, sondern reduziert auch das Risiko einer späteren Demenzdiagnose.
Die in Lancet Neurology veröffentlichte Studie untersuchte ein „natürliches Experiment“ in Ontario. Dort wurde 2016 ein öffentlich finanziertes Herpes-zoster-Impfprogramm mit einem lebendattenuierten Impfstoff eingeführt. Der Anspruch war nach Geburtsdatum definiert. Dadurch entstanden Vergleichsgruppen, die sich nur um wenige Wochen im Alter unterschieden, aber deutlich unterschiedliche Chancen hatten, eine Impfung zu erhalten. Dieses Regression-Discontinuity-Design ist methodisch besonders interessant, weil es den klassischen „healthy vaccinee bias“ reduziert: Verglichen wurden nicht geimpfte mit ungeimpften Personen nach individueller Impfentscheidung, sondern Menschen knapp vor und knapp nach einem administrativen Stichtag.
Einbezogen wurden mehr als 230 000 Patientinnen und Patienten, 54 % waren Frauen. Primärer Endpunkt war eine neu dokumentierte Demenzdiagnose über 5,5 Jahre Follow-up. Beim zentralen Stichtag
1. Januar 1946 erhöhte die Impfberechtigung die Wahrscheinlichkeit, gegen Herpes zoster geimpft zu werden, um 27,4 Prozentpunkte. Gleichzeitig war die Wahrscheinlichkeit einer neuen Demenzdiagnose um 2,0 Prozentpunkte niedriger (95%-KI 0,4–3,5; p = 0,012). Am zweiten Stichtag, 1. Januar 1945, zeigte sich ein nahezu identischer Effekt: ebenfalls −2,0 Prozentpunkte (95%-KI 0,2–3,8; p = 0,025).
Statistisch stabil und biologisch plausibel
Die Befunde waren in zahlreichen Sensitivitätsanalysen stabil. In anderen kanadischen Provinzen ohne entsprechendes öffentliches Impfprogramm zeigte sich an denselben Geburtsdatumsgrenzen kein vergleichbarer Effekt. Zudem bestätigten Difference-in-Differences-Analysen, dass die Demenzinzidenz nach Einführung des Programms in den impfberechtigten Geburtskohorten Ontarios niedriger lag als in vergleichbaren Kohorten anderer Provinzen.
Der Befund ist biologisch plausibel. Varizella-Zoster-Viren sind neurotrope Herpesviren. Die Reaktivierung neuroinflammatorischer Prozesse und vaskuläre Veränderungen können möglicherweise amyloid- bzw. tauassoziierte Pathomechanismen fördern. Denkbar ist aber auch ein unspezifischer immunmodulatorischer Effekt der Impfung auf die alternde Immunabwehr. Die Studie beweist diesen Mechanismus nicht, liefert aber ein starkes epidemiologisches Signal für einen Zusammenhang zwischen antiviraler Impfprävention und neuroimmuner Gesundheit.
Ob aktuelle Totimpfstoffe den gleichen Effekt zeigen, ist noch ungeklärt. Für die gynäkologische Praxis sollte die pragmatische Botschaft jedenfalls lauten: Impfberatung gehört in jedes präventive Gespräch, gerade bei postmenopausalen Patientinnen.
Pomirchy M et al., Lancet Neurol 2026; 25: 170–80