Der Herbst stellt Hausarztpraxen jedes Jahr vor dieselbe Herausforderung: Viele ältere und chronisch kranke Patienten und Patientinnen benötigen mehrere Impfungen. Doch führt die gleichzeitige Gabe von Influenza-, COVID-19- und Pneumokokken-Impfstoffen zu einer schlechteren Immunantwort oder mehr Nebenwirkungen?
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für schwere Atemwegsinfektionen. Gleichzeitig kommen bei älteren Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen häufig mehrere Impfindikationen zusammen. In der hausärztlichen Praxis stellt sich deshalb die Frage, ob Impfungen gegen Pneumokokken, Influenza und COVID-19 gleichzeitig vorgenommen werden können. Die Antwort lautet: ja. Zwischen diesen Impfungen ist nach Angaben des Robert Koch Instituts (RKI) kein zeitlicher Abstand erforderlich [1,2]. Eine Koadministration kann helfen, verpasste Impfgelegenheiten zu vermeiden und den organisatorischen Aufwand für die Impflinge zu reduzieren.
Pneumokokken besonders im Blick
Pneumokokken können unter anderem Pneumonien, Bakteriämien und Meningitiden verursachen. Das Risiko schwerer Verläufe steigt mit dem Alter und bei bestimmten Grunderkrankungen. Für Erwachsene empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Pneumokokken-Impfung als Standardimpfung ab 60 Jahren; für Personen mit bestimmten Risikofaktoren besteht eine Indikationsimpfempfehlung [1]. Zur Influenza-Impfung wird ebenfalls insbesondere Menschen ab 60 Jahren und Personen mit chronischen Erkrankungen geraten [1]. Da Influenza eine bakterielle Superinfektion mit Pneumokokken begünstigen kann, sollten Personen, die für beide Erkrankungen eine Impfempfehlung haben, auch beide erhalten [3]. Auch der COVID-19-Impfschutz sollte regelmäßig überprüft werden. Eine jährliche Auffrischimpfung ist laut STIKO bei Personen ab 75 Jahren und ab 6 Monaten mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung für einen schweren COVID-19-Verlauf infolge einer Grunderkrankung sinnvoll [4].
Immunologisch bedeutet die gleichzeitige Gabe mehrerer Impfstoffe keine generelle Überforderung des Immunsystems. Die verschiedenen Antigene werden von jeweils spezifischen B- sowie T-Zell-Klonen erkannt. Dadurch können mehrere adaptive Immunantworten parallel entstehen. Eine relevante Immuninterferenz ist bei bestimmten Impfstoffkombinationen zwar grundsätzlich möglich, stellt aber kein allgemeines Phänomen der Koadministration dar. Neben den Antigenen enthalten Impfstoffe weitere Bestandteile, die das angeborene Immunsystem aktivieren können. Diese frühe Immunantwort unterstützt die nachfolgende adaptive Immunreaktion. Je nach Impfstoff und individueller Reaktogenität können dabei vorübergehend lokale oder systemische Impfreaktionen auftreten. Bei einer gleichzeitigen Gabe mehrerer Impfstoffe können diese Reaktionen etwas häufiger oder intensiver ausfallen [2,5]. Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung zwischen Immunogenität und Reaktogenität. Eine stärkere Impfreaktion bedeutet nicht automatisch eine bessere Immunantwort – und eine etwas stärkere Reaktogenität ist nicht mit einer verminderten Wirksamkeit gleichzusetzen.
Aktuelle Daten zur Koadministration
Wie gut die Koadministration von Pneumokokken- und anderen Impfstoffen funktioniert, wurde in einer im Jahr 2025 publizierten Metaanalyse untersucht. Die systematische Übersichtsarbeit bezog 17 Studien ein, darunter 14 randomisierte kontrollierte Studien. Betrachtet wurde die gleichzeitige Gabe von Pneumokokken-Impfstoffen mit Influenza- oder SARS-CoV-2-Impfstoffen bei Erwachsenen [5]. Für die Immunogenität zeigte sich insgesamt keine relevante Unterlegenheit gegenüber der getrennten Verimpfung. Zwar waren bei einigen Pneumokokken-Serotypen die Antikörpertiter nach Koadministration mit Influenza etwas niedriger. Die Autorengruppe bewertete die Immunantwort insgesamt jedoch als nicht unterlegen. Für die Kombination eines Pneumokokken-Konjugatimpfstoffs mit einem SARS-CoV-2-Impfstoff lagen ebenfalls Daten vor, die eine sichere und immunogene Koadministration stützen [5]. Bei der Verträglichkeit zeigte sich dagegen ein kleiner Unterschied: Bei gleichzeitiger Gabe traten Myalgien bzw. Arthralgien etwa 15 % häufiger auf; für Kopfschmerzen wurde ein um 34 % erhöhtes relatives Risiko berechnet. Die Reaktionen waren überwiegend mild bis moderat. Einschränkend ist die noch begrenzte Datenlage, insbesondere bei immunsupprimierten Erwachsenen.
Für die hausärztliche Praxis relevant ist zudem die Frage, ob Pneumokokken-, Influenza- und COVID-19-Impfung an einem Termin verabreicht werden können. Nach den aktuellen STIKO-Empfehlungen ist dies grundsätzlich möglich, wenn für alle 3 Impfungen eine Indikation besteht. Zwischen Pneumokokken- und anderen Totimpfstoffen muss kein Abstand eingehalten werden; auch COVID-19-Impfstoffe können simultan mit anderen Totimpfstoffen verabreicht werden [1,2]. Die Vakzinen werden dabei einzeln und an unterschiedlichen Injektionsstellen appliziert. Werden mehrere Impfstoffe in dieselbe Extremität injiziert, empfiehlt beispielsweise die US-amerikanische Behörde für Krankheitskontrolle und Prävention „Centers for Disease Control and Prevention“ (CDC) einen Abstand von mindestens 2,5 cm zwischen den Einstichstellen (Tab.) [6].
Die simultane Impfung kann also sinnvoll sein, wenn mehrere Impfungen fällig sind und ein weiterer Termin die Umsetzung erschweren würde. Wichtig dabei: Patientinnen und Patienten sollten wissen, dass vorübergehende lokale oder systemische Reaktionen etwas häufiger auftreten können. Gleichzeitig sollte vermittelt werden, dass das parallele Verabreichen die gewünschten Immunantworten nicht grundsätzlich beeinträchtigt [2,5]. Bestehen also gleichzeitig Indikationen für Pneumokokken-, Influenza- und COVID-19-Impfung, kann eine Koadministration den Impfschutz effizient aktualisieren.