Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die regelmäßige orale Einnahme von Nicotinamid das Risiko für bestimmte Formen von Hautkrebs senken kann – insbesondere bei Menschen mit bereits bestehender Hautkrebsvorgeschichte oder starker UV-Schädigung der Haut.
Nicotinamid, eine Form von Vitamin B3 wird in der Dermatologie schon länger zur Vorbeugung von hellem Hautkrebs (NMSC) eingesetzt. Primär kann es dabei begleitend in der Chemoprävention eingesetzt werden und den Schutz vor neuen Tumoren bei Personen, die bereits einmal erkrankt waren, stärken. Der Schutz bei melanozytären Hauttumoren ist dabei bislang nicht belegt. Die weltweit häufigsten Formen nicht-melanozytären Hautkrebses (NMSC) sind die aktinische Keratose, das Spinaliom und das Basalzellkarzinom. Wichtigste Ursache für die Entstehung von NMSC ist eine zu starke Sonnenexposition.
Trotz zahlreicher Kampagnen zum adäquaten Sonnenschutz steigt die Inzidenz der Erkrankung weltweit, insbesondere im sonnenreichen Australien. Außerdem sind physikalische oder chemische Reizung der Haut, Immunsuppression und seltener genetische Prädisposition mitursächlich. Die aktinische Keratose ist ein In-situ-Plattenepithelkarzinom der Haut mit einer auf die Epidermis beschränkten Proliferation transformierter Keratinozyten. Das kutane Plattenepithelkarzinom (Spinaliom) ist ein maligner Hauttumor, der von den epidermalen Keratinozyten ausgeht. Er hat das Potenzial des infiltrierenden Wachstums und der Metastasierung. Bevorzugt bei Männern zwischen dem 60. und 80. Lebensjahr entwickeln sich in 10 % der Fälle invasive Plattenepithelkarzinome der Haut aus aktinischen Keratosen, bei zusätzlicher Immunsuppression in 30 %.
Wissenschaftliche Studienlage
In der australischen ONTRAC-Studie (Oral Nicotinamide To Reduce Actinic Cancer) [1] wurden 386 Personen untersucht, die in den vergangenen 5 Jahren bereits mindestens 2 nicht-melanozytäre Hautkrebserkrankungen hatten. Die Teilnehmenden erhielten über 12 Monate hinweg zweimal täglich 500 mg Nicotinamid oder ein Placebo.
Das Ergebnis war bemerkenswert:
Aufgrund dieser Resultate fand die Behandlung mit Nicotinamid zunehmend Einzug in die Nachsorgebehandlung von Patienten und Patientinnen mit stattgehabtem und therapiertem NMSC.
So beeindruckend die Ergebnisse auch waren, Kritiker bemängelten die geringe Fallzahl. Die Daten an größeren Studienpopulationen zu validieren war schwierig, da Nicotinamid als OTC-Produkt rezeptfrei in der Apotheke erhältlich ist und somit bezüglich der Krankenakten undokumentiert.
Nun aber haben neuere US-amerikanische Untersuchungen diese Ergebnisse in großem Umfang untermauert. Eine retrospektive Analyse von über 33 000 US-Veteranen hat bestätigt, dass die regelmäßige Einnahme von Nicotinamid das Risiko für die Neuentwicklung von hellem Hautkrebs signifikant senken kann [2]. Der deutlichste Effekt zeigte sich bei den Personen, die die Behandlung nach einer ersten Hautkrebstherapie bekamen, während der Effekt nach weiteren Behandlungen abnahm.
Für eine Subgruppe von 1 334 immunsupprimierten Erkrankten nach Organtransplantation zeigte sich zwar kein signifikanter Gesamteffekt auf das Hautkrebsrisiko, jedoch war eine frühe Einnahme von Nicotinamid mit einer reduzierten Inzidenz kutaner Plattenepithelkarzinome assoziiert (Tab.).

Wer profitiert am meisten?
Die häufig verwendete Dosierung ist die zweimal tägliche Einnahme von 500 mg Nicotinamid. Studien haben eine signifikante Risikoreduktion vor allem für Menschen mit früheren Plattenepithelkarzinomen, früheren Basalzellkarzinomen sowie chronischen UV-Schäden und erhöhtem Hautkrebsrisiko nachgewiesen [1-3]. Die Autorengruppe der Veteranen-Studie gab folgende Einschätzung: „Derzeit gibt es keine Leitlinien, wann mit der Nicotinamid-Therapie zur Prävention von Hautkrebs in der Allgemeinbevölkerung begonnen werden sollte. Diese Ergebnisse könnten bewirken, dass wir die Behandlung nicht erst bei Patientinnen und Patienten mit multiplen Hautkrebsereignissen einleiten, sondern deutlich früher. Wir müssen allerdings besser herausfinden, wer tatsächlich von der Therapie profitieren wird, da nur etwa die Hälfte der Betroffenen wiederholt an Hautkrebs erkrankt.“
Da eine Schutzwirkung gegen Melanome nicht nachweisbar war, ist die Einnahme von Nicotinamid keine Alternative zur Verwendung von Lichtschutzfaktoren bzw. zu ausreichendem Sonnenschutz. Ebenso ist unklar, ob Nicotinamid eine durch Einwirkung von UV-Licht hervorgerufene vorzeitige Hautalterung aufhalten kann.
Der Autor
Dr. med. Viktor Alexander Czaika
Facharzt für Dermatologie,
Venerologie und Innere Medizin
12439 Berlin