Dass Männer an Krebs häufiger sterben als Frauen, ist seit Langem bekannt. Ein wesentlicher Prädiktor für die Mortalität ist das Stadium bei Erstdiagnose – je fortgeschrittener, desto schlechter die Prognose. Eine Analyse der Geschlechtsunterschiede bei soliden Tumoren zeigt spannende Ergebnisse auch für die Dermatoonkologie.
Für die Jahre 2019 bis 2023 verzeichneten US-Daten 171,5 krebsbedingte Todesfälle pro 100 000 Männer gegenüber 126,3 pro 100 000 Frauen. Bislang fehlte jedoch eine umfassende, alle nicht-reproduktiven soliden Tumorentitäten abdeckende Analyse der Geschlechtsunterschiede im Diagnosestadium. Die hier zusammengefasste Studie schließt diese Lücke. Sie wertete Daten des SEER-21-Registers (Surveillance, Epidemiology, and End Results) der Jahre 2015 bis 2022 unter Ausschluss des Pandemiejahres 2020 aus. Insgesamt wurden 2 401 772 Krebsfälle über 30 Tumorlokalisationen einbezogen, davon 56,9 % männlich und 43,1 % weiblich. Mittels polytomologischer logistischer Regression wurde adjustiert für Alter und Diagnosejahr das Odds Ratio (aOR) für männliche versus weibliche Erkrankte berechnet, jeweils für regionales vs. lokalisiertes sowie für fernmetastasiertes vs. lokalisiertes Stadium.
Es wurden mehrere Mechanismen diskutiert, z. B.:
Verhaltensbedingte Faktoren: Frauen nehmen Gesundheitsleistungen generell häufiger in Anspruch. Dies betrifft sowohl die reguläre ambulante Versorgung als auch die Inanspruchnahme von Krebsfrüherkennung.
Biologische Faktoren: Estrogenrezeptor-vermittelte Signalwege könnten tumorprotektiv wirken und bei Frauen zu langsamerem Tumorwachstum beitragen. Zudem entgehen zahlreiche Tumorsuppressorgene und immunrelevante Gene der X-Inaktivierung, was zu biallelischer Expression und verstärkter Tumorimmun-Surveillance bei Frauen führen könnte.
Gender Gap beim Melanom
Das kutane Melanom stellt die wahrscheinlich relevanteste Einzelentität für die Dermatologie dar. Mit 223 054 Fällen (9,3 % der Gesamtkohorte) gehört es zu den großen Tumorlokalisationen der Studie. Männer wiesen im Melanom eine signifikant erhöhte Odds-Ratio sowohl für das regionale (aOR 1,21; 95%-KI 1,18–1,25) als auch insbesondere für das fernmetastasierte Stadium auf (aOR 1,50; 95%-KI 1,43–1,56). Mit anderen Worten: Männliche Patienten haben eine um 50 % höhere Chance, erst im Stadium der Fernmetastasierung statt im lokalisierten Stadium diagnostiziert zu werden als weibliche Patienten. Diese Diskrepanz gehört zu den ausgeprägteren Geschlechtsunterschieden in der gesamten Studie.
Dieser Befund ist klinisch hochrelevant. Während das Melanom bei Frauen häufiger an den Extremitäten auftritt und dadurch leichter visuell erkannt wird, manifestiert es sich bei Männern vermehrt am Rumpf – einer Lokalisation, die der Selbstinspektion erschwert zugänglich ist. Diese anatomische Verteilung könnte ein Faktor sein.
Die Konsistenz der Befunde über verschiedene stratifizierte Analysen (Rasse/Ethnizität und Einkommen) hinweg deutet darauf hin, dass es sich um genuine Geschlechtsunterschiede handelt und nicht um soziodemografische Faktoren. Die Daten legen dennoch nahe, dass der mangelnden Inanspruchnahme dermatologischer Vorsorge bei Männern eine Schlüsselrolle zukommt.
Mackin BJ et al., Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2026; 35: 1166–73