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Gynäkologie

Studien-Update

Kontrazeption

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

19.6.2026

Gestagen-only-Kontrazeption und venöse Thromboembolien +++ Hormonelle Kontrazeption und Schlaganfall / Myokardinfarkt +++ Hormonelle Formulierungen und Brustkrebsrisiko +++ Kontrazeptions-beratung bei SLE +++ IUD-Typ und Extra-uteringravidität

Gestagen-only-Kontrazeption und venöse Thromboembolien

Diese schwedische Registerstudie ist klinisch relevant, weil Gestagen-only-Methoden häufig pauschal als thrombotisch „sicher“ gegenüber kombinierten hormonellen Kontrazeptiva kommuniziert werden. In einem populationsbasierten, prospektiv-registerbasierten, verschachtelten Fall-Kontroll-Design wurden mehr als 7 500 Erstereignisse venöser Thromboembolien und 38 000 altersgematchte Kontrollen analysiert. Die zentrale Aussage ist nicht, dass Gestagen-only-Kontrazeption als Klasse problematisch wäre, sondern dass Applikationsform und systemische Gestagendosis entscheidend sind. Während das Risiko bei Depot-MPA mit einer adjustierten Odds Ratio (OR) = 3,05 deutlich erhöht war, zeigt sich für orales Desogestrel und Etonogestrel-Implantate ein moderat erhöhtes Risiko von OR = 1,24. Niedrig dosierte orale Gestagenpräparate lagen nahe bei neutral, während das Levonorgestrel-IUS die günstigste Risikosignatur zeigte.

Fazit: Bei Patientinnen mit VTE-Anamnese, Thrombophilie, ausgeprägter Adipositas, Immobilisation oder starker familiärer Belastung sollte die Beratung nicht bei „estrogenfrei = thromboseneutral“ stehen bleiben. 

Eriksson AL et al., Lancet Obstet Gynaecol Womens Health 2026; 2: e218-26

Hormonelle Kontrazeption und Schlaganfall / Myokardinfarkt

Die Registerstudie untersuchte den Zusammenhang zwischen hormoneller Kontrazeption und ischämischem Schlaganfall bzw. Myokardinfarkt an mehr als 2 Mio. Frauen und 22 Mio. Patientinnenjahren. Kombinierte orale Kontrazeptiva (KOK) waren gegenüber Nichtanwendung mit einer Odds Ratio (OR) von 2,0 sowohl für ischämischen Schlaganfall als auch für Myokardinfarkt assoziiert. Absolut entsprach dies ungefähr 21 zusätzlichen ischämischen Schlag­anfällen und 10 zusätzlichen Myokardinfarkten pro 100 000 Personenjahre. Für Gestagen-only-Pillen wurden ebenfalls erhöhte relative Risiken beobachtet, jedoch niedriger als bei kombinierten Methoden.

Fazit: Für eine gesunde junge Frau bleibt das ­absolute Risiko niedrig. Bei Patientinnen mit Hypertonie, Migräne mit Aura, Nikotinabusus, Diabetes mellitus, Dyslipidämie oder höherem Alter kann ­dieselbe relative Risikoerhöhung aber entscheidungsrelevant werden. 

Yonis H et al., BMJ 2025; 388: e082801

Hormonelle Formulierungen und Brustkrebsrisiko

In der schwedischen populationsbasierten Kohorte wurden mehr als 2 Mio. Mädchen und prämenopausale Frauen über mehr als 21 Millionen Personenjahre beobachtet. Ever-use einer hormonellen Kontrazeption war mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko assoziiert, Hazard Ratio (HR) 1,24. Sowohl kombinierte Präparate als auch Gestagen-only-­Formulierungen zeigten Assoziationen, wobei Gestagen-only in dieser Analyse numerisch stärker ausfiel. Besonders relevant ist die Differenzierung nach Gestagentyp: Desogestrel-haltige orale Präparate und Etonogestrel-Implantate waren stärker mit Brustkrebsrisiko assoziiert als Levonorgestrel-haltige kombinierte Pillen oder das Levonorgestrel-52-mg-IUS. Für kombinierte Drospirenon-Präparate, DMPA-Injektionen und den Etonogestrel-Vaginalring wurde trotz hoher Expositionszahlen kein statistisch signifikanter Risikoanstieg berichtet. Zudem zeigte sich ein Expositionsdauer-Effekt: Die HR stieg von 1,11 bei weniger als einem Jahr Anwendung auf 1,34 bei 5–10 Jahren Anwendung.

Fazit: Das individuelle absolute Risiko bleibt meist klein, wird aber bei familiärer Belastung, BRCA-assoziiertem Risiko, vorbestehenden Brustläsionen oder langer geplanter Exposition relevanter. Die Daten sprechen nicht gegen hormonelle Kontrazeption, sondern für individualisierte Risikokommunikation und ggf. Präferenz für Formulierungen mit niedrigerer beobachteter Risikosignatur. 

Hadizadeh F et al., JAMA Oncol 2025; 11: 1497–506

Kontrazeptionsberatung bei SLE

Frauen mit systemischem Lupus erythematodes (SLE) benötigen wegen Krankheitsaktivität, teratogener Medikation und thrombovaskulärer Risiken häufig besonders präzise kontrazeptive Beratung. In die Studie einbezogen wurden 114 Frauen mit SLE und Schwangerschaftsrisiko in einer universitären Rheumatologieambulanz. Teilnehmerinnen erhielten Standardberatung; die Interventionsgruppe sah zusätzlich ein edukatives Video zu SLE, Schwangerschaftsrisiken, kontrazeptiver Wirksamkeit und Methodenwahl. Ein signifikant höherer Anteil der Interventionsgruppe erreichte ein profizientes

Wissen über den Einfluss von SLE auf Schwangerschafts-Outcomes. Zudem priorisierten Frauen in der Interventionsgruppe häufiger die kontrazeptive Effektivität als Auswahlgrund; in der Kontrollgruppe stand eher der Einfluss der Methode auf SLE im Vordergrund.

Fazit: Für die Praxis spricht die Studie für standardisierte visuelle Entscheidungshilfen und eine rheumatologisch-gynäkologische Koordination. 

Kittichaovanun P et al., Contraception 2026; 111430

IUD-Typ und Extra-uteringravidität

Die französische Studie untersuchte, ob das Risiko einer Extrauteringravidität innerhalb des ersten ­Jahres nach IUD-Abgabe je nach IUD-Typ variiert. Datenquelle war das französische nationale Gesundheitssystem. Die Inzidenzraten pro 100 Personenjahre lagen bei 0,18 für LNG 13,5 mg, 0,10 für LNG 19,5 mg, 0,04 für LNG 52 mg und 0,07 für Kupfer-IUDs. Gegenüber Kupfer-IUDs war das Risiko für Extrauteringravidität bei niedriger dosierten LNG-IUDs erhöht: HR 2,57 für LNG 13,5 mg und HR 1,37 für LNG 19,5 mg. Das LNG-52-mg-IUD war dagegen mit einem niedrigeren Risiko assoziiert, HR 0,62. Insgesamt variiert das Schwangerschaftsrisiko sehr stark; dadurch auch das Risiko einer Extrauteringravidität. Tritt jedoch unter IUD eine Schwangerschaft ein, unterscheiden sich die Wahrscheinlichkeiten einer extrauterinen Lokalisation methoden- und dosisabhängig.

Fazit: Niedrig dosierte LNG-IUDs sind weiterhin wirksame Kontrazeptiva, aber Patientinnen sollten bei positiver Schwangerschaftstestung, Unterbauchschmerz, Blutung oder Synkope rasch sonografisch abgeklärt werden. 

Roland N et al., NEJM Evid 2025; 4: EVIDoa2500117

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