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Allgemeinmedizin

Angeborene primäre Immundefekte

Warnzeichen richtig deuten

Angelika Bauer-Delto

31.7.2026

Etwa die Hälfte aller primären Immundefekte wird erst bei Erwachsenen über 25 Jahre diagnostiziert – oft nach jahrelanger Odyssee. Dabei können die Akronyme ELVIS und GARFIELD bereits in der Praxis helfen, Betroffene frühzeitig zu identifizieren und gezielt weiterzuverweisen.

Wie Prof. Dr. med. Norbert Wagner, ehemals Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Aachen, während des 19. Pädiatrie-Updates in Mainz berichtete, sind heute mehr als 500 monogen bedingte primäre Immundefekte beschrieben. Dazu zählen humorale Immundefekte, kombinierte Immundefekte, Immundefekte mit syndromalen Symp­tomen, Phagozytendefekte und Komplementdefekte.

Die meisten primären Immundefekte manifestieren sich als angeborene Erkrankungen bereits im Kindes- und Jugendalter. Schätzungen zufolge wird jedoch etwa die Hälfte der Neudiagnosen eines primären Immundefekts erst bei Erwachsenen über 25 Jahre gestellt. Einerseits kommt es bei manchen Formen erst zu Spätmanifestationen, andererseits werden primäre Immundefekte oft jahrelang nicht erkannt. Dies hat erhebliche Konsequenzen für die Morbidität und Mortalität der Betroffenen.

In der Praxis sei es wichtig, Warnsymptome primärer Immundefekte zu beachten und frühzeitig gezielte Diagnostik in die Wege zu leiten, so Wagner. Als Gedächtnisstütze, um an primäre Immundefekte zu denken, dienen die Akronyme ELVIS und GARFIELD. ELVIS umfasst Hinweise auf erhöhte Infektanfälligkeit, GARFIELD listet Symptome einer gestörten Immunregulation auf (Tab.). Laut der ­aktuellen Leitlinie „Diagnostik auf Vorliegen eines primären Immundefekts“ soll bei Zeichen für eine patho­logische Infektionsanfälligkeit oder Immundysregulation die Abklärung eines primären Immundefekts initiiert werden [1].

ELVIS: Anzeichen für Infektanfälligkeit

Eine erhöhte Infektanfälligkeit ist meist das führende Symptom eines primären Immundefekts [1]. Unter ELVIS werden folgende Warnzeichen einer pathologischen Infektionsanfälligkeit zusammengefasst:

  • Ungewöhnliche Erreger, z. B. opportunistische Erreger, die bei immunkompetenten Personen nur selten schwere Erkrankungen hervorrufen, oder rezidivierende schwere Infektionen durch Erreger, die üblicherweise nicht zu solchen Krankheitsbildern führen;
  • atypische Lokalisation einer Infektion;
  • protrahierter oder chronischer Verlauf einer ­Infektion, möglicherweise trotz antibiotischer Therapie;
  • Intensität von Infektionserkrankungen, d. h. das Auftreten von schweren Major-Infektionen wie Pneumonie, Meningitis, Sepsis, Osteomyelitis und invasiven Abszessen oder persistierenden bzw. ­rezidivierenden Minor-Infektionen wie Otitis media, Sinusitis, Bronchitis oder Haut- und Weichteilinfektionen;
  • Summe der Infektionen, d. h. eine auffällige Infektionshäufigkeit, wobei ein Schwellenwert zur Abgrenzung zwischen physiologischer und pathologischer Infektionshäufigkeit nicht verlässlich angegeben werden kann.

GARFIELD: Hinweise auf Immundysregulation

Ein primärer Immundefekt kann sich auch vorrangig, manchmal sogar ausschließlich, durch Symptome einer gestörten Immunregulation bemerkbar machen [1]. Typische Manifestationen einer Immundysregulation werden unter dem Akronym GARFIELD zusammengefasst (Tab.). Die Lymphoproliferation zeichnet sich durch eine pathologische Vergrößerung von Milz, Leber und Lymphknoten bzw. Neubildung von tertiärem lymphatischem Gewebe aus, besonders in der Lunge sowie im Gastrointestinaltrakt.

Atopie: Wann an Immundefekt denken?

In den vergangenen Jahren wurde eine Reihe primärer Immundefekte identifiziert, die mit atopischen Erkrankungen wie atopischer Dermatitis, Nahrungsmittelallergie oder Asthma bronchiale assoziiert sein können [2]. Bei diesen Immundefekten führt die Fehlfunktion regulatorischer T- Zellen zu einer Abschwächung der Immuntoleranz und einer IgE-vermittelten allergischen Sensi­bilisierung, was wiederum zu Autoimmunität und Atopie beiträgt. Atopische Erkrankungen sind jedoch generell in der Bevölkerung weitverbreitet. Wagner empfiehlt, in der Praxis an einen Immundefekt zu denken,

  1. wenn atopische Symptome einen schweren Verlauf nehmen und schlecht auf Therapien ansprechen und
  2. wenn Infektionen, Autoimmunität oder Lymphoproliferation assoziiert sind.

Primäre Immundefekte sind häufig unterdia­gnostiziert – mit erheblichen Folgen für Morbidität und Mortalität der Betroffenen. ELVIS und GARFIELD bieten eine praktische Orientierung, um sowohl pathologische Infektanfälligkeit als auch Zeichen einer Immundysregulation rechtzeitig zu erkennen und eine gezielte Diagnostik einzuleiten. Bei atopischen Erkrankungen mit schwerem Verlauf, ungenügendem Therapieansprechen oder zusätzlichen Hinweisen auf Autoimmunität oder Infektanfälligkeit sollte ein primärer Immundefekt differenzialdiagnostisch in Betracht gezogen werden. Künftig könnten auch KI-gestützte Analysen von Routinedaten dabei helfen, Betroffene noch frühzeitiger zu identifizieren [3].

  1. AWMF-Leitlinie „Diagnostik auf Vorliegen eines primären Immundefekts“, AWMF-Reg.-Nr. 189-003
  2. Bellanti JA, Ann Allergy Asthma Immunol 2025; 135(2): 162–8
  3. Rider NL et al., J Allergy Clin Immunol 2023; 151(1): 272–9

19. Pädiatrie-Update, Mainz, März 2026

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