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Gynäkologie

Geburtshilfe

Schwanger in Corona-Zeiten

Prof. Dr. med. Ekkehard Schleußner

24.11.2021

Die Corona-Pandemie hat massiven Einfluss auf die Geburtshilfe: Schwangere sind verunsichert und brauchen Beratung und Zuspruch. Kliniken müssen zwischen dem Hygienerisiko und der emotionalen Unterstützung durch Begleitpersonen entscheiden. Eine Übersicht zur Best Practice in Corona-Zeiten.

Erfreulicherweise gibt es zum jetzigen Zeitpunkt – Anfang Mai 2020 – in Deutschland nur wenige Schwangere, die an Covid-19 erkrankt sind. Und eine Schwangerschaft per se scheint für Covid-19-Patientinnen kein zusätzliches Risiko zu bedeuten. Trotzdem sind viele Patientinnen verunsichert, viele haben Angst sich in der Klinik zu infizieren und vor möglichen Auswirkungen auf ihr Kind. Entscheidend ist also, dass Frauenärzte und Hebammen selbst gut informiert sind und ihre Patientinnen gut informieren. Dieser Beitrag basiert auf den Erfahrungen in unserer Geburtsklinik, ohne evidenzbasiert zu sein. Für allgemeine Fragen zu Covid-19 und Schwangerschaft gibt es auch Stellungnahmen der Fachverbände und der WHO.[1,2]

Mutterschaftsvorsorge und Ultraschall

Alle Schwangerenvorsorge soll in notwendigem Umfang gewährleistet bleiben, jedoch die Untersuchungen dabei auf das Mindestmaß beschränkt werden. MNS-Masken sind für Frauenärzte und Praxisteam obligatorisch und sollten bei längerer Exposition des Personals (z. B. bei Ultraschalluntersuchung) auch von den Schwangeren getragen werden. Einfache Fragen der Patientinnen können auch im Zuge einer Telefon- oder Videosprechstunde besprochen werden.

Im Verdachtsfall oder bei einer bestätigten SARS-CoV-2-Infektion sollte die entsprechende Schwan­gere als letzte Patientin des Tages und mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen für das Personal untersucht werden. Anschließend muss das gesamte Gerät desinfiziert werden, nicht nur der Schallkopf.

Eine vertikale Transmission von der Mutter aufs Kind gilt nach aktuellem Stand als unwahrscheinlich. Aber um die Möglichkeit einer intrauterinen Infektion sicher auszuschließen, ist die Datenlage noch zu dünn. Antikörpernachweis bei Neugeborenen ist beschrieben, vermutlich sind dort aber die mütterlichen Antikörper auf das Kind übergegangen – nicht die Viren. Berichte von infizierten Neugeborenen an den Tagen zwei bis vier sind vermutlich eher durch eine nachgeburtliche Infektion zu erklären. Bei SARS-CoV-2-positiven Schwangeren treten häufiger Frühgeburten und ein vermindertes fetales Wachstum auf, auch Spätaborte sind beschrieben. Empfehlungen sehen deshalb Wachstumskontrollen alle zwei bis vier Wochen vor.[3]

Geburt und geburtshilfliche Notfälle

Trotz der Empfehlung aller Fachgesellschaften und der WHO nach Möglichkeit vaginal zu entbinden, wurden die meisten Kinder SARS-CoV-2-infizierter Mütter per Sectio zur Welt gebracht. In China und den USA, von wo die meisten Berichte kommen, sind die Sectio-Raten aber ohnehin sehr hoch. Die Indikation für eine operative Entbindung sollte ausschließlich nach geburtshilflichen Kriterien gestellt werden, wobei natürlich schwererkrankte Frauen nicht vaginal entbunden werden können. In Jena wird jede Frau, die zur Entbindung kommt, auf SARS-CoV-2 getestet. Das wird sicher bundesweiter Standard werden. Für SARS-CoV-2-positive Fälle haben wir einen eigenen Kreißsaal mit separatem Eingang und Schleuse eingerichtet, in dem dann mit Vollschutz gearbeitet werden muss.

Das Team der Klinik für Geburtsmedizin in Jena: „Kind gebären? Bei uns wie immer.”

„Eine vertikale Transmission von der Mutter aufs Kind gilt nach aktuellem Stand als sehr unwahrscheinlich.”

Die Erfahrungen aus China und Italien zeigen, dass ein Vorgehen nach dem Motto „Protection – Attention – Discipline” auch das geburtshilfliche Personal zuverlässig schützt. Und es ist wichtig, dass wir als Geburtshelfer in einer Zeit der Unsicherheit Normalität vermitteln.

Eine sehr wichtige Frage für unsere Patientinnen lautet aber natürlich: Kann mein Mann / Partner / Partnerin bei der Entbindung dabei sein? Hier sind die Regelungen nicht einheitlich. In den meisten Kliniken – fast allen bei uns in Mitteldeutschland – dürfen die Väter mit MNS-Maske bei der Geburt dabei sein. Aber jedes Haus entscheidet für sich und es gibt auch Kliniken, die keine zusätzlichen Personen erlauben. Bei uns ist es so geregelt, dass eine Begleitperson dazukommen kann, sobald die Geburt los geht. Wenn sie dann einmal da ist, darf sie den Entbindungsraum nicht mehr verlassen.

Besuch auf der Wochenstation gibt es nicht, solange das generelle Besuchsverbot in Kliniken besteht. Eine Ausnahme ist die Neonatologie: dort betreute Kinder dürfen bei uns von der Mutter oder dem ­Vater einzeln besucht werden. Nach unkomplizierter Entbindung und bei gesundem Säugling ist eine vorzeitige Entlassung möglich, um der jungen Familie die Gemeinschaft zu Hause zu ermöglichen. Wir empfehlen jedoch zwei bis drei Tage in der Klinik, um alle notwendigen Screeninguntersuchungen inklusive U2 anzubieten. Dazu gehört bei uns auch die Ausstellung der Geburtsurkunde durch das Standesamt, sodass für die Familien keine zusätzlichen Wege anfallen. Das wird gerne angenommen.

„Es ist wichtig, dass wir als Geburtshelfer in einer Zeit der Unsicherheit Normalität vermitteln.”

Wochenbett und Stillen

Positiv getestete Mütter werden isoliert, aber nicht vom Kind getrennt – solange der Gesundheitszustand von Mutter und Kind das zulässt. Stillen wird empfohlen und es gibt keinen Nachweis für SARS-CoV-2-Übertritt in die Muttermilch. Hier besteht also keine Gefahr – auch bei positiv getesteten Wöchnerinnen nicht. Allerdings sollte man die allgemeinen Hygieneregeln beachten.

SARS-CoV-2-positive Mütter müssen auf jeden Fall mit MNS-Maske stillen und vor jedem Kontakt zum Kind oder ggf. zur Milchpumpe die Hände waschen und desinfizieren.4 Wenn eine Milchpumpe zum Einsatz kommt, ist unbedingt auf die erforderliche Hygienemaßnahme zu achten. Das Füttern sollte dann idealerweise eine zweite Person übernehmen.

Auch auf ausreichenden Abstand zwischen Kinderbett und Bett der Mutter sollte geachtet werden. Nach zwei negativen Tests (üblicherweise nach ca. zwei Wochen) ist ein Maskenverzicht möglich. Außerhalb des eigenen Zimmers sind alle Wöchnerinnen angehalten, MNS-Masken zu tragen.

Corona-Tagebuch Einer Schwangeren

Mitte März 2020

Das Virus dringt jetzt auch in mein Bewusstsein vor: Mein Kind wird in einer Zeit entbunden, in der nichts sein wird wie sonst. Väter sind auf den Entbindungsstationen noch vor und während der Geburt erlaubt, auch Besuche auf der Wochenstation sind möglich – aber nur noch eine Person pro Tag.

Ende März 2020

Erstmals beschleicht mich ein sehr seltsames Gefühl beim Routinetermin in der Frauenarztpraxis. Alle tragen Masken, es gibt Abstandsregelungen, Patientinnen werden auf Stühle in verschiedenen Räumen oder vor der Eingangstür zum Warten gebeten. Partner sind nicht mehr erlaubt; das bedeutet für mich also auch, dass er keinen Ultraschall mehr miterleben wird. Unser Geburtsvorbereitungskurs fällt aus. Die Wochenend-Intensivkurse wurden abgesagt, normale Kurse werden jetzt online angeboten. Aber man kommt leider oft nicht mehr rein.

Anfang April 2020

Es gibt keine einheitlichen Regelungen für die Entbindung, nicht einmal innerhalb Frankfurts! Jedes Krankenhaus handhabt es anders. Nach welchen Kriterien sollen wir uns entscheiden?

Mitte April 2020

Die Geburtsanmeldung im Krankenhaus ist mehr als ernüchternd: Väter sind nicht von Anfang an bei der Geburt dabei. Und nach der Entbindung müssen sie die Station verlassen und dürfen nicht wiederkommen, auch Besuche auf der Wochenstation sind nicht mehr erlaubt. Ich frage mich: Sollte ich als Erstgebärende das Risiko einer ambulanten Geburt eingehen, um möglichst wenig Zeit im Krankenhaus verbringen zu müssen?

Mitte Mai 2020

Nach den Lockerungen schwanke ich zwischen Erleichterung und der Anspannung, ob nun eine zweite Ansteckungswelle mit mehr Einschränkungen kommt. … Nach einem Anruf im Kreißsaal überwiegt zumindest kurzzeitig die Freude: Väter dürfen aktuell auch nach der Entbindung wieder zu Besuch kommen, wenn auch nur eine Stunde täglich.

Anfang Juni 2020

Nur noch eine Woche bis zum Termin und der letzte Tagebucheintrag. Morgen geht das Heft in Druck, sagt die Redaktion. Heute sieht alles entspannter aus, aber zurzeit kann ja jeder Tag wieder neue Überraschungen bringen.

Katharina Merz, 33, erwartet ihr erstes Kind Mitte Juni 2020. Für DER PRIVATARZT GYNÄKOLOGIE hat sie seit Beginn der Pandemie ihre Eindrücke festgehalten.

Der Autor

Prof. Dr. med. Ekkehard Schleußner
Direktor der Klinik für
Geburtsmedizin am
Universitätsklinikum Jena

ekkehard.schleussner@med.uni-jena.de

[1] www.who.int/news-room/q-a-­detail/q-a-on-covid-19-­pregnancy-­childbirth-and-breastfeeding
[2] DGGG https://www.dggg.de/fileadmin/documents/Weitere_Nachrichten/2020/COVID-19_DGGG-Empfehlungen_fuer_Kreissaele_20200319_f.pdf
[3] Kagan KO, Chaoui R, Ultraschall Med 2020; doi 10.1055/a-1152-4550
[4] DGPI Stellungnahme: Umgang mit Neugeborenen SARS-CoV-2-positiver Mütter mit oder ohne klinische Erkrankung (COVID-19) https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dggg-dgpm-umgang-mit-neugeborenen-sars-cov-2-positiver-muetter/

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