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Paxisorganiation

Nicht von der Krise treiben lassen

Mit weniger Sorgen zu mehr Gelassenheit

Theresia Wölker

23.6.2026

Sich manchmal zu viele Gedanken zu machen, kennt jede und jeder. Denn wenn sich Probleme aus dem privaten Umfeld mit der aktuellen Nachrichtenlage, der wirtschaftlichen Situation und der Gesundheitsreform treffen, sind die Sorgen in der und um die Praxis schnell groß. Dieser Beitrag zeigt, wie man trotzdem gelassen bleibt.

Eine gesunde Sorge ist berechtigt. Denn „sich sorgen für“ ist ein sich Kümmern im Sinne von „sorgen für sich selbst oder jemanden“ und damit hilfreich. Sich Sorgen machen über oder um etwas, kann aber auch Überhand nehmen. Man kommt nicht vorwärts, stattdessen dreht man sich in nachdenklichen kummervollen Gedankenschleifen. Es wird belastend. Dann wird die Sorge zum Risikofaktor.

Damit kann das Sorgenvolle leidvoll und schließlich auch krankhaft werden. Man kann nicht mehr ruhig schlafen und findet keine Ruhe nicht mehr. Auf die Frage: „Wie fühlen Sie sich?“, antwortet man schnell: Ich mache mir zu viele Gedanken über das und das (Zukunft, Gesundheit, Kinder, Geld, Ängste). Das kann Ihnen als Praxischef oder -chefin so gehen, aber auch allen Mitarbeitenden im Team.

Und hier fängt der krankhafte Bereich an, und der kann sehr sehr stark werden. Hier gilt es, genauer hinzuhören, auch um berechtigtes Sorgen von Angstzuständen abzugrenzen. Ab wann wird der Kummer, das „Overthinking“, zu einer Art Seelenkrankheit?

Overthinking –
der Weg zum Abgrund

Overthinking umschreibt die Neigung, zu viel nachzudenken. Umgangssprachlich spricht man auch vom gedanklichen Wiederkäuen. Das Gedankenkarussell dreht sich, und der Kopf will einfach keine Ruhe geben. Die Gefahr dabei ist, dass sich aus einem Übermaß an Gedankenkreisel eine psychische Störung entwickeln kann. Andererseits kann das Erkennen dieses Phänomens Overthinking bei sich selbst, bei einer Mitarbeiterin oder einer Patientin der erste Schritt zu einer Reflexion und damit zu einer Veränderung sein.

Sorgen im Sinne von Vorsorgen sind positiv gesehen eine Art „Gefahrensensor“. Was ist gut oder tut mir gut, was nicht? Wie merke ich das?

Werden Sorgen als belastend oder gar als leidvoll empfunden, wird eine Schwelle überschritten, wo es nicht mehr gut ist, und die Gelassenheit schwindet. Leichtigkeit und Lebensfreude gehen merkbar verloren: mehr Ungeduld, weniger Zugewandtheit, ­Aufmerksamkeitsdefizite bis hin zu Fehlern bei der Arbeit sind die Folgen.

Weitere typische Anzeichen, wenn das Sorgenvolle und das Unglücklichsein überwiegen sind: fehlende Motivation, emotionale Erschöpfung, Gleichgültigkeit gegenüber der Familie, dem Partner bzw. der Partnerin, den Patientinnen oder gar der Wunsch, den Beruf, eine Bindung oder eine Therapie aufzugeben.

Es kann Phasen geben, in denen man eigentlich nur noch grübelt und keine Entscheidung mehr trifft. Die Ursachen liegen oft in hoher Arbeitsbelastung. Der Lebensalltag wird als immer belastender wahrgenommen und das eigene Leben als terminlich (zu) vollgepackt. Dann kommt es zur fehlenden Balance zwischen eigenem Anspruch und der Wirklichkeit. Ein innerer Konflikt, der sich verschärfen kann.

„Aber ich muss doch …“

Wir wollen Sicherheit, keine Abweichung vom Lebensplan und von den ökonomischen Zielen, keine Akzeptanz der Tatsache, dass man bestimmten Dingen ausgesetzt ist, die man nicht ändern kann. Das können die äußeren Umstände sein (wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, der Gesundheitszustand, das Leistungsvermögen), aber auch eine ehrliche Bestandsaufnahme der „inneren Antreiber“.

Das Rezept für Gelassenheit ist ganz einfach. Man darf sich nicht über Dinge aufregen, die nicht zu ändern sind.
Helen Vita

Das sind Glaubenssätze, die teilweise so stark verinnerlicht sind, dass sie uns nicht bewusst sind, wie stark sie auf uns einwirken können. Sie treiben uns und unser Selbstbild von inneren heraus an und bestimmen unsere Verhaltensweisen.

Entscheidend zur Gewinnung von Geduld und mehr Gelassenheit ist die Frage, ob wir akzeptieren können, dass nicht alles planbar, verfügbar und beherrschbar ist. Dass nur ein kleiner Teil in unserer Hand liegt, was veränderbar ist?

Das zu akzeptieren, ist wohl wirkliche Lebenskunst. Und jeder Mensch, der mit einer lebensbedrohlichen Diagnose oder einem plötzlichen Trauerfall konfrontiert wurde, kennt dieses sich innerlich Aufbäumen gegen das Unveränderliche: Warum gerade ich? Ich will das nicht! Ich kann das nicht akzeptieren. Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben.

Das Schlimme an Schicksalsschlägen ist, dass sie uns meistens unvorbereitet treffen. Wir glaubten, wir hätten alles unter Kontrolle. Für gynäkologische Praxisteams gehören deshalb Simulationsübungen, Perspektivenwechsel, das sich Hineinversetzen in schwierigen Lebenssituationen, auch das Nachdenken über sich selbst und das eigene Verhalten in solche Umstände, zu den notwendigen Selbsterfahrungen im Zuge der Team-Meetings. Wie sonst sollten professionelle Krisengespräche und empathisches Verhalten gelingen? Und die tägliche Lebensschulung ist, das Beste aus einer gegenwärtigen Situation zu machen und hinzunehmen, was wir nicht ändern können.

Sich sorgen oder gelassen bleiben?

Die gute Nachricht: Wenn man erkannt hat, was veränderbar ist und was nicht, lässt das Grübeln nach. Körperliche Gesundheit, Job, Besitz, gesellschaftliche Stellung, die Partnerschaft – all das ist nicht ­sicher. Was aber in meiner Macht liegt, was gestaltbar ist und hilfreich, um innere Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln, geht man konsequent an. Beispiele:

  • Herausfinden, welcher (Lebens-)Weg passt wirklich zu mir?
  • Kann ich meine derzeitigen Bedürfnisse und Belastungsgrenzen analysieren? Vielleicht auch einmal aus der Fremd-Perspektive?
  • Was müsste sich verändern, damit ich (wieder) gerne so arbeite/so lebe?
  • Wie kann ich meine Kommunikation verbessern? Wie mehr Resonanz erzeugen?
  • Wie kann ich Konflikte am Arbeitsplatz und privat konsequent ansprechen und möglichst bearbeiten?
  • Sollte ich meine innere Einstellung zu Wünschen und Erwartungen, zu gesteckten Zielen einmal kritischer hinterfragen? Auch meine Verpflichtungen, Termine, meinen Kalender?

Die innere Einstellung spielt eine große motivierende Rolle, auch wenn die äußeren Faktoren nicht immer veränderbar sind. Denn die eigene Perspektive beeinflusst maßgeblich, wie wir unser Leben und unsere Arbeit erleben.

Wenn Bewusstsein und Selbstvertrauen sagen: „Egal was kommt, ich habe Gestaltungsfreiräume“, kann man sich auf das Machbare konzentrieren.

Sorgen und Ängste sind immer auf die Zukunft ­gerichtet. Planen ist für das eigene Leben und auch in der Gestaltung der Praxisabläufe unerlässlich. Trotzdem lässt sich Vieles nicht steuern, und darum ist die volle Konzentration auf das lebendige Tagesgeschehen und die Gegenwart notwendig. Das bündelt Kräfte und hilft, die innere Ruhe zu bewahren, die so notwendig ist für eine gelingende und gesunde Praxis- und Lebensführung.

Anstelle eines Reiz-Reaktions-Schemas auf beunruhigende berufs- und geopolitische Nachrichten ­sollte eher eine kluge Folgebetrachtung das eigene ­Handeln bestimmen: Welche Reize oder Zukunftsängste ­stürmen auf uns als Praxisteam ein? Können wir akzeptieren, was nicht veränderbar ist? Sind wir gewappnet für die Unvorhersehbarkeit?

Risikofaktor Perfektionismus

Sorgen und Unruhe entstehen sehr schnell durch Perfektionismus – „Mental Load“ (zu viel im Kopf) und übermäßiges Streben, was in der Antike auch als Phänomen der „Pleonexie“ beschrieben wurde. Oft jagt ein Ziel das nächste. Kaum hat man einen Erfolg erzielt, einen wunderbaren Urlaub erlebt, ein gutes Geschäftsjahr abgeschlossen, kommt das nächste Wünschen und Wollen. Sich Zeit zu nehmen, am Erreichten zu freuen, vielleicht auch ­einmal kleine Schritte auf dem Weg zum Ziel zu genießen. Ist das nicht auch ein Weg, der in der Medizin heilsam ist?

Akzeptieren, Annehmen und Verarbeiten, Geduld und auch Dankbarkeit zu entwickeln, ist Lebenskunst – auch in der Heilung von Krankheiten und Leiden. Gerade in der Gynäkologie, wo wir viele Patientinnen über Jahrzehnte begleiten. Denn die Wahrscheinlichkeit für Schmerzen, Krankheiten, Verlust und Trauer wird mit zunehmendem Alter nicht kleiner.

So wird aus dem eigenen Üben, die guten Dinge des Alltagslebens anzuerkennen und zu würdigen, eine gute Gewohnheit in der sprachlichen und non-­verbalen Begleitung von Patientinnen. Es ist die Kraft des Rituals, sich auf das Positive zu konzentrieren und dankbar zu sein für das, was man hat.

Diese Kultur kann sich auch vorbildhaft in der ­Gestaltung der Praxisräume zeigen:

  • kleine Dekorationen mit heimischen Blumen
  • Hinweise auf soziale/ehrenamtliche Engagements
  • Vorstellung von Charity-Projekten

Gegen den Zeitgeist von Empörungsspiralen und Wutbefeuerung, die das Miteinander zunehmend erschweren sowie unser Mitgefühl minimiert, gilt es – im privaten und medizinischen Umfeld –, große Gelassenheit und Duldsamkeit zu entwickeln. Dazu gehört es, täglich Quellen der Freude zu erkennen und Momente der Dankbarkeit zu kultivieren. Sich im Team nicht von den kleinen Sorgen des Alltags aus der Bahn werfen zu lassen und das Selbstvertrauen zu unterstützen, dass viele Probleme schon gemeinsam gelöst wurden und dies auch in Zukunft gelingen wird. Es gilt, das sich sorgen auf ein vernünftiges Maß zu beschneiden, Zuversicht zu fördern und Erreichtes zu schätzen. Das fördert die Selbstwirksamkeit und das Gefühl, etwas gut bewältigen und wieder hinzubekommen.

Ein neuer Ansatz in der Psychologie ist der Exzellenzismus. Darunter versteht man die Tendenz, sehr hohe, aber realistische Ziele zu verfolgen – und zwar auf engagierte, entschlossene und flexible Weise. Der Unterschied zum Perfektionismus besteht darin, dass die Ziele machbar sind und man ihre Umsetzung an die Umstände anpasst. War der Arbeitstag lang, sieht das Zuhause eben nicht perfekt aus, wenn die Gäste eintreffen. Ist das Kind krank und braucht Zuwendung, fällt die Präsentation bei der Arbeit eben etwas weniger gestylt aus. Bisherige Forschung hat gezeigt, dass Exzellenzismus im Vergleich zu Perfektionismus mit höherer Lebenszufriedenheit und weniger Depression zusammenhängt [1].

Gegen den Zeitgeist von Empörungsspiralen und Wutbefeuerung, die das Miteinander zunehmend erschweren und unser Mitgefühl minimiert, gilt es, große Gelassenheit und Duldsamkeit zu entwickeln. Es gibt etliche Stellschrauben, an denen man ­drehen kann, um sich weniger Sorgen zu machen und gelassener zu leben. Letztlich gewinnt man mehr Einfachheit, freie Zeit, Nähe zu den eigenen Gefühlen, Resonanz zu Menschen und zur Natur – und innere Ruhe.

Die Autorin

Theresia Wölker
Beraterin und Fachreferentin im Gesundheitswesen
(Schwerpunkte QM, ­Kommunikation, Stressbewältigung und Resilienz)

www.theresia-woelker.de

  1. Cludius B. Wann Perfektionismus krank macht. Gehirn & Geist 5/26; 12–18
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