Trotz eines international ungewöhnlich hohen Angebots an Psychotherapie und psychosomatischen Behandlungsplätzen steigt die Krankheitslast weiter an – ein „Behandlungsprävalenz-Paradoxon“. Gleichzeitig werden 70–80 % der Patientinnen und Patienten mit Depression in Hausarztpraxen versorgt. „Die Versorgung psychisch Kranker in Deutschland ist ein kleiner Skandal“, sagte Prof. Dr. med. Mathias Berger (Freiburg) während des DGIM-Symposiums „Psychologische Kurzbehandlung in der internistisch-hausärztlichen Praxis“ und ergänzte: „Eine Verbesserung ist nur möglich, wenn die Rolle der Hausärztinnen und Hausärzte deutlich gestärkt wird – diagnostisch wie therapeutisch.“
Wie das im Alltag aussehen kann, zeigte Prof. Dr. med. Jochen Gensichen (München). Für den Einstieg reichen oft einfache Instrumente wie das Zwei-Fragen-Screening und der PHQ-9 zur Verlaufsbeurteilung. Entscheidend sei jedoch ein Paradigmenwechsel: Depression müsse kontinuierlich begleitet werden. „Allein dieses regelmäßige Nachfragen macht einen eigenen kleinen Therapieeffekt“, so Gensichen .
Zentral ist dabei das Einbinden des Praxisteams. Medizinische Fachangestellte (MFA) übernehmen standardisierte telefonische Kontakte und nutzen ein Ampelschema, das kritische Entwicklungen früh sichtbar macht. Dieses strukturierte Monitoring ergänzt jede Form der Therapie – und wirkt bereits für sich genommen stabilisierend.
Angst behandeln heißt üben: Exposition beginnt in der Sprechstunde
Auch für Angststörungen lassen sich alltagstaugliche Interventionen umsetzen. Neben kurzen Screeninginstrumenten wie OASIS steht vor allem die praktische Erfahrung im Vordergrund: Typische Symptome wie Schwindel, Herzrasen oder Atemnot werden gezielt ausgelöst – etwa durch Hyperventilation oder körperliche Belastung – und gemeinsam durchgestanden.
Der Effekt: Patientinnen und Patienten erleben unmittelbar, dass die Symptome zwar belastend, aber selbstlimitierend und ungefährlich sind. Auf dieser Basis kann die schrittweise Rückkehr in vermiedene Alltagssituationen aufgebaut werden – ein Vorgehen, das sich mit Unterstützung der MFA auch zwischen den Arztkontakten fortführen lässt.
Suizidalität offen ansprechen: Direktheit schützt
Ein zentrales Thema war der Umgang mit Suizidalität. Hier gelte es, eigene Hemmungen zu überwinden: „Sie können niemanden in den Tod reden“. Direktes, unverblümtes Ansprechen sei nicht gefährlich, sondern entlastend und oft Voraussetzung für eine realistische Einschätzung der Situation.
Strukturierte Instrumente wie der P4-Fragebogen helfen, Risiko- und Schutzfaktoren systematisch zu erfassen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Einschätzung der Gefährdung, sondern auch das aktive Vereinbaren von Kontakt und Unterstützung, um kritische Phasen zu überbrücken.
Struktur statt Ratschlag: Problemlösungstherapie stärkt Selbstwirksamkeit
Wie eine evidenzbasierte Kurzintervention konkret aussehen kann, demonstrierte PD Dr. phil. Lars P. Hölzel (Prien) mit der Problemlösungstherapie (PLT). Dieses seit Jahrzehnten untersuchte Verfahren führt Patientinnen und Patienten durch einen klar strukturierten Prozess: Problem definieren, Ziel festlegen, Lösungsoptionen sammeln, Entscheidung treffen, Umsetzung planen und im Verlauf reflektieren.
In der primärärztlichen Adaptation lässt sich PLT in 4–8 Sitzungen mit insgesamt rund drei bis vier Stunden Behandlungszeit vermitteln. Der eigentliche Wirkfaktor liegt dabei nicht in ärztlichen Ratschlägen, sondern in der Haltung: Die Ärztin gibt Struktur, der Patient bzw. die Patientin entwickelt die Lösung. Ziel ist es, Selbstwirksamkeit wieder erfahrbar zu machen und Patientinnen und Patienten zurück ins Handeln zu bringen.
Mehr als Überbrückung: Hausärztliche Kurzinterventionen wirken
Die Vorträge machen deutlich: Hausärztinnen und Hausärzte sind nicht nur erste Ansprechpartner, sondern zentrale Behandler für Depression, Angst und Suizidalität. Mit wenigen, gut erlernbaren Instrumenten – kurzen Screenings, strukturiertem Monitoring und fokussierten Kurzverfahren – lässt sich die lange Wartezeit auf spezialisierte Psychotherapie nicht nur überbrücken.
Vielmehr entsteht ein eigenständiger therapeutischer Raum in der hausärztlichen Praxis, der bei vielen Patientinnen und Patienten bereits zu substantiellen Verbesserungen führen kann – vorausgesetzt, die vorhandenen Möglichkeiten werden konsequent genutzt.
Psychologische Kurzintervention – 3 Schritte für den Alltag
1. Niedrigschwellig einsteigen – Screening routinemäßig nutzen
Zwei-Fragen-Screening bei Verdacht auf Depression, anschließend PHQ-9 zur Einordnung und Verlaufsbeurteilung. Für Angststörungen kann der OASIS-Fragebogen schnell Orientierung geben.
2. Verlauf aktiv steuern – Monitoring etablieren
Depression und Angst nicht punktuell, sondern kontinuierlich begleiten. Regelmäßige Kurz-Kontakte durch die MFA (z. B. telefonisch) mit einfachem Ampelschema sichern den Verlauf – mit eigenem therapeutischem Effekt.
3. Kurzintervention beginnen statt abwarten
Einfache, strukturierte Verfahren direkt einsetzen:
–> Ziel: Die Wartezeit auf spezialisierte Therapie aktiv nutzen – und Patientinnen und Patienten früh wieder ins Handeln bringen.
Symposium „Psychologische Kurzbehandlung in der internistisch-hausärztlichen Praxis“, Wiesbaden, 18.4.2026, beim 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin: „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin“. 18.-21.4.2026, Wiesbaden (https://dgim.meta-dcr.com/kongress2026).