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ADHS

Warum soziale „Maskierung“ die Diagnose erschweren kann

13.8.2026

Erwachsene mit ADHS versuchen in sozialen Situationen offenbar häufig, ihre Symptome aktiv zu verbergen. In einer aktuellen qualitativen Studie berichteten 91,6 % von 202 diagnostizierten Erwachsenen, ihre ADHS zumindest zeitweise zu „camouflieren“ oder zu maskieren. Gemeint sind Strategien, mit denen Betroffene unaufmerksam wirkendes Verhalten, Hyperaktivität, Impulsivität oder andere sozial auffällige ADHS-Merkmale überspielen, um möglichst unauffällig und „normal“ zu erscheinen.

Die Motive wirken nachvollziehbar: Viele Teilnehmende wollten dazugehören, gemocht werden oder negative Reaktionen vermeiden. Andere beschrieben das Maskieren ausdrücklich als Schutzstrategie gegen Kritik, Ausgrenzung oder Stigmatisierung. Camouflaging erscheint damit weniger als bewusste Selbstdarstellung denn als Anpassungsleistung in einer Umwelt, die ADHS-bedingte Verhaltensweisen oft negativ bewertet.

Wenn Anpassung zur Daueranstrengung wird

Zu den beschriebenen Strategien gehörten das Vortäuschen von Aufmerksamkeit durch Blickkontakt, Nicken oder kurze Bestätigungen, das Unterdrücken von Bewegungsdrang und Impulsivität sowie kompensatorische Maßnahmen wie detaillierte Planung, Reminder, Kalender-Apps oder übermäßige Vorbereitung auf Gespräche, Besprechungen und soziale Situationen.

Die Kehrseite dieser Anpassung ist beträchtlich. Viele Betroffene berichteten über Erschöpfung, Stress, Angst, depressive Symptome und das Gefühl, ihr eigentliches Selbst verbergen zu müssen. Auffällig war zudem ein Befund, der für die klinische Praxis besonders interessant sein dürfte: Das Maskieren verschlechterte nach Angaben vieler Teilnehmender teilweise genau jene Funktionen, die eigentlich verborgen werden sollten. Wer sich beispielsweise darauf konzentriert, ausreichend Blickkontakt zu halten, nicht zu unterbrechen oder möglichst still zu sitzen, verfolgt den Gesprächsinhalt oft schlechter. Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Konzentration können dadurch zusätzlich beeinträchtigt werden.

Warum gute Kompensation die Diagnose erschweren kann

Die Autoren und Autorinnen diskutieren deshalb, dass Camouflaging zu Unter-, Fehl- oder Spätdiagnosen beitragen könnte. Gerade gut kompensierende Erwachsene wirken im ärztlichen Gespräch häufig organisiert, angepasst und sozial kompetent. Der hohe Aufwand, der hinter diesem Funktionieren steckt, bleibt dagegen leicht verborgen.

Für die hausärztliche Versorgung ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Ein unauffälliger Eindruck schließt eine klinisch relevante ADHS nicht aus. Mitunter ist die entscheidende Frage nicht, ob jemand funktioniert, sondern wie viel Energie täglich aufgebracht werden muss, um diesen Eindruck aufrechtzuerhalten.

Wichtig bleibt die Einordnung der Ergebnisse. Die Studie basiert auf qualitativen Selbstberichten und erlaubt keine Aussagen zur Häufigkeit von Camouflaging in der Allgemeinbevölkerung. Sie beschreibt jedoch eindrücklich ein Phänomen, das bei Erwachsenen mit ADHS offenbar weit verbreitet ist und sowohl Diagnostik als auch Langzeitbegleitung beeinflussen kann.

Hinweis: Das Konzept des Camouflaging ist bislang vor allem aus der Autismusforschung bekannt. Die vorliegende Studie spricht dafür, dass vergleichbare Anpassungsstrategien auch bei Erwachsenen mit ADHS eine deutlich größere Rolle spielen könnten als bisher angenommen.

Miller M et al.: Exploring ADHD camouflaging in adults: A qualitative study of motivations, strategies and consequences. PLoS One. 2026;21:e0321300 (DOI 10.1016/j.rin.2026.100018).

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