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ADHS

Wenn die Stimme nicht herunterregelt

25.8.2026

Kinder mit ausgeprägter Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit fallen häufig nicht nur durch ihr Verhalten, sondern auch durch ihre Art zu sprechen auf. Sie reden oft viel, laut und impulsiv. Eine Leipziger Arbeitsgruppe hat nun untersucht, ob sich solche Beobachtungen in objektiv messbaren Stimmparametern nachweisen lassen und ob diese Informationen zur Einschätzung von ADHS-typischen Symptomen beitragen können.

Grundlage der Analyse waren Daten aus der LIFE Child Studie mit 1.460 Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 18 Jahren. Neben umfangreichen demografischen und gesundheitlichen Angaben wurden standardisierte Stimmaufnahmen erhoben. Die Ausprägung von Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit wurde mithilfe der Elternversion der Strengths and Difficulties Questionnaire (SDQ)-Skala erfasst. Die Kinder absolvierten verschiedene Sprechaufgaben mit vorgegebenen Lautstärken sowie eine anhaltende Vokalisation. Analysiert wurden unter anderem Lautstärke, Grundfrequenz, maximale Phonationsdauer, Jitter und ein Dysphonie-Index.

In den statistischen Analysen zeigten sich konsistente Zusammenhänge zwischen höheren Hyperaktivitäts-/Unaufmerksamkeitswerten und einer lauteren sowie höherfrequenten Sprechstimme. Besonders auffällig war ein sogenannter Voice-Reset-Test: Nachdem die Kinder zunächst normal oder laut gesprochen hatten, sollten sie anschließend wieder möglichst leise sprechen. Gerade in dieser Situation blieben Kinder mit höheren Symptomwerten tendenziell lauter und sprachen mit höherer Grundfrequenz als Gleichaltrige mit niedrigeren Werten. Andere Stimmparameter wie Jitter, maximale Phonationsdauer oder Dysphonie-Index waren dagegen nicht mit den Symptomwerten assoziiert. Die beobachteten Zusammenhänge beschränkten sich damit vor allem auf Lautstärke und Grundfrequenz.

Ergänzend prüften die Forschenden mithilfe eines Machine-Learning-Ansatzes, ob sich die Symptomstärke aus Stimmmerkmalen und Basisdaten vorhersagen lässt. Die Modelle erreichten eine statistisch signifikante, aber nur begrenzte Vorhersagegenauigkeit. Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status erwiesen sich dabei als die wichtigsten Einflussgrößen. Das Einbeziehen von Stimmparametern verbesserte die Vorhersageleistung jedoch zusätzlich, die insgesamt erklärte Varianz blieb aber begrenzt.

Messbarer Ausdruck von Verhaltens- und Regulationsprozessen

Für die Praxis ergibt sich daraus noch keine neue diagnostische Methode. Interessant ist die Arbeit vor allem deshalb, weil sie eine klinisch vertraute Beobachtung objektivierbar macht: Kinder mit ausgeprägteren ADHS-typischen Symptomen scheinen Schwierigkeiten zu haben, ihr Sprechverhalten an situative Anforderungen anzupassen und nach erhöhter Aktivierung wieder „herunterzuregeln“. Die Stimme erscheint damit weniger als Biomarker einer Erkrankung als vielmehr als messbarer Ausdruck von Verhaltens- und Regulationsprozessen.

Die Aussagekraft der Ergebnisse bleibt allerdings begrenzt. Die Studie basiert auf einem Screening-Instrument und nicht auf klinisch gesicherten ADHS-Diagnosen. Zudem wurden ausschließlich standardisierte Sprachaufgaben untersucht, die den spontanen Dialog im Alltag nur bedingt abbilden. Ob Stimmparameter in der ADHS-Diagnostik tatsächlich einen relevanten Zusatznutzen bieten, müssen Studien in klinischen ADHS-Kollektiven erst noch zeigen.

Bamberger R et al.: Voices of change: associations between vocal markers and symptoms of ADHD - Findings from the LIFE child study. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2026 Feb 26 (DOI 10.1007/s00787-025-02954-9).

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