Nicht nur die Dauer der Bildschirmzeit, sondern auch das Design von Kurzvideo-Plattformen wie TikTok, Instagram Reels oder YouTube Shorts könnte Aufmerksamkeit, Selbstregulation und psychisches Wohlbefinden beeinflussen. Eine systematische Übersichtsarbeit der Universität Bayreuth hat die bisherige Evidenz zu den neurokognitiven Auswirkungen solcher Plattformen bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammengefasst.
In die Analyse gingen 42 Studien mit insgesamt knapp 47.000 Teilnehmenden (mittleres Alter 16,8 Jahre) ein, von denen rund drei Viertel in China durchgeführt wurden. Die meisten Untersuchungen waren Querschnittsstudien; ergänzt wurden sie durch zwei Längsschnittstudien sowie einzelne EEG- und MRT-Untersuchungen. Anders als frühere Arbeiten konzentrierte sich das Review nicht auf die Inhalte der Videos, sondern auf typische Merkmale der Plattformen wie algorithmische Personalisierung, Infinite Scroll und den schnellen Wechsel kurzer Videosequenzen.
Über die Studien hinweg war eine intensive, meist unstrukturierte Nutzung – häufig ab etwa vier Stunden täglich – mit leichten bis moderaten Einbußen der Aufmerksamkeit und Selbstregulation sowie einer geringeren Arbeitsgedächtnisleistung assoziiert. Außerdem fanden sich Zusammenhänge mit höheren Werten für Angst, Depression und Stress sowie mit suchtähnlichem Nutzungsverhalten. Einzelne MRT- und EEG-Studien berichteten zudem über Assoziationen mit Veränderungen der grauen Substanz im orbitofrontalen Cortex und Kleinhirn, einer veränderten funktionellen Hirnkonnektivität sowie einer reduzierten P300-Amplitude als Hinweis auf eine veränderte Aufmerksamkeitsverarbeitung. Aufgrund des überwiegend beobachtenden Studiendesigns lassen diese Befunde jedoch keine Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zu.
Frage nach Präventionsmaßnahmen
Als mögliche Schutzfaktoren nennen die Autoren strukturierte digitale Routinen, Medien- und Algorithmuskompetenz, regelmäßige körperliche Aktivität sowie ein unterstützendes familiäres, schulisches und – im Jugendalter – auch peerbezogenes Umfeld. Weitere Studien sollen nun klären, welche Bedeutung das Plattformdesign unabhängig von den eigentlichen Inhalten für die Entwicklung kognitiver und psychischer Auffälligkeiten besitzt, wie gut sich die Befunde auf andere Länder übertragen lassen und welche Präventionsmaßnahmen wirksam sind. Allerdings weisen die Autoren und Autorinnen auch darauf hin, dass die Aussagekraft der Daten überwiegend niedrig bis sehr niedrig ist und sich daraus keine Kausalzusammenhänge ableiten lassen.
Pressemitteilung: „Auswirkungen von Kurzvideos auf Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Wohlbefinden“. Universität Bayreuth, 16.6.2026 (https://www.uni-bayreuth.de/pressemitteilung/auswirkung-von-kurzvideos).
* Ebster M et al.: Taming the endless scroll? Short-form videos, digital routines and neurocognitive outcomes in youth : a systematic literature review. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2026 Jun 13 (DOI 10.1007/s00787-026-03083-7).