Die Lebenserwartung steigt weltweit, doch die Zahl der in schlechter Gesundheit verbrachten Lebensjahre wächst noch schneller. Eine systematische Auswertung der Global Burden of Disease Study 2023 für 204 Länder und Territorien zeigt: Die Differenz zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung, der sogenannte Morbiditätsabstand, nahm global von 8,8 Jahren im Jahr 1990 auf 10,7 Jahre im Jahr 2023 zu. Das entspricht einem Anstieg um 1,9 Jahre beziehungsweise 21,9 %.
Die Autoren und Autorinnen sehen darin eine Verlängerung der in eingeschränkter Gesundheit verbrachten Lebensphase: Längeres Leben geht bislang nicht mit einem entsprechenden Gewinn an gesunden Lebensjahren einher.
Deutschland lag 2023 mit 11,9 Jahren im internationalen Vergleich auf Rang 34. Im Jahr 1990 betrug der Morbiditätsabstand 10,1 Jahre; damit erhöhte er sich um 1,8 Jahre oder 18,1 %. Die Daten sprechen somit nicht für eine Kompression von Morbidität, bei der Erkrankungen und funktionelle Einschränkungen in eine kürzere Lebensphase am Ende des Lebens verschoben würden. Allerdings handelt es sich um modellierte bevölkerungsbezogene Schätzungen; die Unsicherheitsintervalle einzelner Länderwerte überlappen teilweise.
Mehr als die Hälfte der weltweit in eingeschränkter Gesundheit verbrachten Jahre entfiel 2023 auf fünf überwiegend nicht tödliche Krankheitsgruppen: muskuloskelettale Erkrankungen, insbesondere Kreuzschmerz, psychische Erkrankungen, Erkrankungen der Sinnesorgane wie altersbedingter Hörverlust, unbeabsichtigte Verletzungen, vor allem Stürze, sowie weitere nicht übertragbare Erkrankungen. Frauen lebten in allen Entwicklungsstufen länger, verbrachten jedoch zugleich mehr Jahre bei eingeschränkter Gesundheit als Männer: global 12,1 gegenüber 9,3 Jahren.
Bedeutung einer frühzeitigen und langfristigen Prävention
Für die hausärztliche Prävention unterstreicht die Studie die Bedeutung einer frühzeitigen und langfristigen Prävention chronischer Erkrankungen. Als wesentliche, prinzipiell beeinflussbare Risikofaktoren identifiziert die Analyse erhöhte Nüchternglukose, hohen Body-Mass-Index und Tabakkonsum. In Ländern mit hohem soziodemografischem Entwicklungsindex spielen insbesondere metabolische und verhaltensbezogene Risiken eine große Rolle. Aus den führenden Ursachen der Morbiditätslast lassen sich zudem Konsequenzen für die Praxis ableiten: psychische Erkrankungen früh erkennen und behandeln, Stürze vermeiden sowie Mobilität und Sinnesfunktionen möglichst lange erhalten.
Die Autoreninnen und Autoren plädieren deshalb dafür, den Erfolg von Gesundheitssystemen nicht nur an sinkender Sterblichkeit und steigender Lebenserwartung zu messen. Entscheidend sei ebenso, ob es gelingt, die Zahl der in schlechter Gesundheit verbrachten Jahre zu verringern. Fortschritte beim gesunden Altern erfordern danach mehr Prävention, Rehabilitation, Versorgung psychischer und chronischer Erkrankungen sowie eine konsequente Reduktion modifizierbarer Risiken.
Die Aussagekraft der Studienergebnisse bleibt jedoch durch GBD-typische Modellannahmen begrenzt: Die Schätzungen beruhen unter anderem auf Daten zur Krankheitslast, Behinderungsgewichten und statistischer Modellierung. Verbesserte Diagnostik, erweitertes Screening und veränderte Krankheitsklassifikationen können zeitliche Trends zusätzlich beeinflussen. Zudem bilden nationale Mittelwerte weder individuelle Verläufe noch regionale und soziale Unterschiede vollständig ab. rb
Hay SI et al.: Global, regional, and national trends in the morbidity gap and contributing diseases, injuries, and risk factors, 1990-2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023. Lancet Public Health. 2026 Aug;11(8):e487-e505 (DOI 10.1016/S2468-2667(26)00098-8).