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Methylphenidat

Evidenzlage der MPH-Wirkung bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS

10.2.2026

In einer Anfang Dezember 2025 publizierten Metaanalyse zur Wirksamkeit und Sicherheit von Methylphenidat (MPH) bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kommt die Cochrane Collaboration zu einem insgesamt vorsichtigen Fazit: MPH kann Hyperaktivität und Impulsivität verringern und Kindern möglicherweise helfen, sich besser zu konzentrieren. Auch Verhaltensaspekte können sich verbessern. Ob dies jedoch zuverlässig zutrifft, bleibt aufgrund der sehr geringen Vertrauenswürdigkeit der Evidenz offen. Für die Lebensqualität der Kinder lassen sich aus den vorliegenden Daten keine verlässlichen Aussagen ableiten.

Beim Risiko schwerwiegender (potentiell lebensbedrohlicher) unerwünschter Ereignisse zeigt die Analyse keinen klaren Hinweis auf eine Erhöhung unter MPH. Angesichts der sehr breiten Konfidenzintervalle und der insgesamt unsicheren Datenlage kann jedoch nicht sicher beurteilt werden, ob MPH schwere Nebenwirkungen tatsächlich nicht beeinflusst. Dagegen besteht ein konsistentes Signal für ein erhöhtes Auftreten nicht schwerwiegender unerwünschter Wirkungen wie Schlafstörungen oder Appetitverlust.

Die Autorinnen und Autoren weisen explizit darauf hin, dass künftige Studien unerwünschte Wirkungen systematischer erfassen und über längere Zeiträume laufen sollten.

ADHS gehört zu den häufigsten psychiatrischen Diagnosen im Kindesalter. Betroffene Kinder haben ausgeprägte Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren; sie sind häufig hyperaktiv oder impulsiv, was das schulische Lernen und soziale Beziehungen erheblich beeinträchtigen kann. Methylphenidat ist das weltweit am häufigsten verordnete Stimulans bei ADHS im Kindes- und Jugendalter. Es erhöht die Aktivität bestimmter Hirnregionen, die u. a. an Aufmerksamkeit und Verhaltenssteuerung beteiligt sind. MPH ist in sofort wirksamen und retardierten Darreichungsformen verfügbar. Neben Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Schlafstörungen können selten auch schwerwiegende unerwünschte Wirkungen auftreten, darunter kardiovaskuläre Ereignisse oder psychotische Symptome.

Die nun aktualisierte Metaanalyse (Fortschreibung eines Reviews von 2015) sollte klären, ob MPH die ADHS-Kernsymptome verbessert und ob es schwerwiegende oder weniger schwerwiegende unerwünschte Wirkungen erhöht. Zusätzlich wurden Effekte auf allgemeines Verhalten und Lebensqualität betrachtet. Primäre Bewertungsinstanz für den Symptomverlauf waren in den meisten Studien die Lehrkräfte.

Ausgewertet wurden 212 Studien

Eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit Minderjährigen (≤ 18 Jahre) mit ADHS-Diagnose. Komorbiditäten, parallele Medikation oder begleitende Verhaltenstherapie führten nicht zum Ausschluss. Voraussetzung war ein überwiegend normaler Intelligenzquotient. MPH wurde mit Placebo oder keiner Intervention verglichen. Die Ergebnisse wurden zusammengefasst und nach Cochrane-Standards hinsichtlich Verzerrungsrisiken und Vertrauenswürdigkeit bewertet.

Insgesamt fanden sich 212 Studien mit 16.302 randomisierten Teilnehmenden. Die meisten Untersuchungen waren sehr kurz (durchschnittlich rund ein Monat; Spannweite: 1-425 Tage) und meist klein (im Mittel ca. 70 Kinder). Ein Großteil der Studien nutzte Cross-over-Designs, was in Kombination mit typischen Nebenwirkungen von MPH die Verblindung erschwert und das Verzerrungsrisiko erhöht. Nur ein Teil der Studien lieferte vollständig auswertbare Daten. 41 % der Arbeiten waren (teil-)finanziert durch pharmazeutische Unternehmen.

Die wichtigsten Ergebnisse im Vergleich zu Placebo oder keiner Behandlung, jeweils nach Bewertung der Lehrkräfte:

  • ADHS-Symptome: MPH kann die Symptome verbessern (21 Studien, 1.728 Kinder), Evidenzqualität jedoch sehr gering.
  • Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen: möglicherweise kein klarer Unterschied (26 Studien, 3.673 Teilnehmende), aber große Unsicherheit.
  • Nicht schwerwiegende unerwünschte Wirkungen: MPH führt wahrscheinlich häufiger zu Schlafstörungen, Appetitverlust und ähnlichen Effekten (35 Studien, 5.342 Teilnehmende).
  • Allgemeines Verhalten: mögliche Verbesserung (7 Studien, 792 Teilnehmende), Evidenz sehr gering.
  • Lebensqualität: Die Daten erlauben keine verlässliche Aussage (4 Studien, 608 Teilnehmende).

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass die Evidenzqualität für alle Endpunkte sehr niedrig ist. Gründe sind u. a. methodische Schwächen, stark variierende Messinstrumente, kurze Studiendauer, mangelnde Verblindung (häufige Entblindung aufgrund typischer MPH-Nebenwirkungen), unvollständige Berichterstattung sowie das Überwiegen kleiner Studien.

Storebø OJ et al.: Methylphenidate for children and adolescents with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD). Cochrane Database Syst Rev. 2025 Dec 4;12(12):CD009885 (DOI  10.1002/14651858.CD009885.pub4).

Cochrane Compact: Ist Methylphenidat eine wirksame Behandlung für Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und verursacht es unerwünschte Wirkungen? Cochrane Deutschland, Freiburg, Dezember 2025 (https://www.cochrane.org/de/evidence/CD009885_methylphenidate-effective-treatment-children-and-adolescents-attention-deficit-hyperactivity).

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