Eine wirksame Therapie, etwa mit Stimulanzien wie Methylphenidat, kann nicht nur die ADHS-Symptomatik lindern, sondern auch die Lebensqualität erheblich verbessern. Angesichts der kardiometabolischen und psychiatrischen Komorbiditäten ist eine adäquate Behandlung über die gesamte Lebensspanne hinweg wichtig.
Die Relevanz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nimmt mit zunehmendem Alter nicht ab, wenngleich dieser Eindruck aufgrund der sich verändernden Symptomatik entstehen könnte. Vergesslichkeit, anhaltende Unruhe, Ungeduld und eine emotionale Dysregulation bestimmten den Alltag von ADHS-Betroffenen im Erwachsenenalter. Zusätzlich nehmen Komorbiditäten wie Angst- und Zwangsstörungen, Depression und Schlafstörungen zu, so Dr. med. Christian Konkol (Warstein). Ein besonderes Augenmerk sollte zudem auf das frühzeitige Screening und die Behandlung kardiometabolischer Komorbiditäten gelegt werden. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass Komorbiditäten eine einseitige oder wechselseitige Verstärkung der Symptome zur Folge haben können oder bei einer ausgeprägten Komorbidität die ADHS-Symptomatik maskiert werden kann.
Bei bis zu 85 % der Patientinnen und Patienten wird die ADHS von einer Komorbidität begleitet. Häufig wird dann zwar die Begleiterkrankung, nicht aber die ADHS selbst diagnostiziert. Doch warum wird ADHS im Alter so häufig nicht erkannt? Neben der bereits angesprochenen Veränderung der Symptomatik kommen u. a. klinische Unerfahrenheit und Vorurteile sowie diagnostische Hürden und Behandlungshemmnisse hinzu, erklärte Dr. med. Carola Zimmermann (München). Ein Weg aus dem Dilemma? Daran denken! Daran, dass ADHS in der gesamten Lebensspanne häufig ist, Erinnerungen an die Kindheit verblasst sein können, bereits multiple Kompensationsstrategien entwickelt worden sein können und die eigentliche Symptomatik durch Komorbiditäten überlagert sein kann. Viele ältere Patientinnen und Patienten weisen Defizite in der Aufmerksamkeit und dem Arbeitsgedächtnis auf, leiden häufig unter chronischen körperlichen Erkrankungen sowie Einsamkeit und sind in ihrem sozialen Funktionsniveau und der Lebensqualität beeinträchtigt, erläuterte Zimmermann. Gute Gründe, auch in der zweiten Lebenshälfte die ADHS noch zu diagnostizieren und zu behandeln.
Screening auf kardiovaskuläre Risikofaktoren
Allerdings erhalten lediglich 28,4 % der älteren Betroffenen eine pharmakologische Behandlung, sagte PD Dr. med. Daniel Alvarez-Fischer (Lübeck). Obwohl ein Großteil der behandelten Personen über positive Auswirkungen (u. a. verbesserter Konzentration, einer stabileren Gefühlslage sowie verbessertem Schlaf) berichteten. Zudem legt die bisherige Evidenz den Schluss nahe, dass eine pharmakologische Behandlung mit Stimulanzien im höheren Lebensalter ähnlich wirksam und sicher ist wie bei jüngeren Betroffenen. Allerdings nimmt die Bedeutung der Komorbiditäten zu, sodass aufgrund des erhöhten kardiovaskulären Risikos empfohlen wird, bei allen Erwachsenen ab 50 Jahren ein Screening auf kardiovaskuläre Risikofaktoren durchzuführen sowie Blutdruck, Puls und Körpergewicht regelmäßig zu überwachen.
Symposium „Späte Diagnose, neue Chancen: ADHS im Fokus der zweiten Lebenshälfte“ (Veranstalter: MEDICE – The Health Family), DGPPN-Kongress, November 2025