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ADHS bei Frauen

Ein oft spät diagnostizierter, lebenslanger Begleiter mit vielen Gesichtern

25.2.2026

Eine aktuelle integrative Literaturübersicht analysiert die Auswirkungen von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bei Mädchen und Frauen über die gesamte Lebensspanne hinweg und beleuchtet insbesondere die Folgen verzögerter oder fehlerhafter Diagnosen. Die Autorinnen werteten zehn zwischen 2023 und 2025 publizierte Primärstudien unterschiedlicher Methodik sowie eine evidenzbasierte Leitlinie aus. Insgesamt zeigt sich ein konsistentes Bild, das jedoch auf einer noch begrenzten und heterogenen Datenlage beruht.

Ein zentrales Ergebnis ist die weiterhin häufig verspätete Diagnose von ADHS bei Frauen. Register- und Kohortenstudien zeigen, dass Frauen ihre Diagnose im Durchschnitt mehrere Jahre später erhalten als Männer. Dies wird auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptompräsentation, diagnostische Bias sowie historisch männlich geprägte ADHS-Konzepte zurückgeführt. Während Jungen häufiger durch hyperaktives oder impulsives Verhalten auffallen, dominieren bei Mädchen und Frauen oft Unaufmerksamkeit, innere Unruhe, Überforderung und kompensatorische Anpassungsstrategien, die weniger auffällig sind und daher seltener zu einer frühen Abklärung führen.

Das Review zeigt übereinstimmend, dass eine verzögerte Diagnosestellung mit einer erhöhten Belastung durch psychische Komorbiditäten einhergeht, insbesondere Angststörungen, Depressionen, Substanzgebrauch und Essstörungen. Diese Zusammenhänge sind überwiegend assoziativ beschrieben und lassen keine einfachen Kausalannahmen zu, deuten jedoch auf eine kumulative psychosoziale Belastung hin, wenn ADHS über Jahre unerkannt bleibt. In qualitativen Studien berichten betroffene Frauen häufig von chronischem Versagensgefühl, geringem Selbstwert und maladaptiven Bewältigungsstrategien, wobei diese Befunde nicht ohne Weiteres auf alle Frauen mit ADHS verallgemeinert werden können.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit liegt auf hormonellen Übergangsphasen. Mehrere Studien – überwiegend qualitativ oder mit kleinen Fallzahlen –  beschreiben, dass hormonelle Schwankungen während Pubertät, Menstruationszyklus, Schwangerschaft und (Peri-)Menopause mit Veränderungen der ADHS-Symptomatik einhergehen können. Insbesondere prämenstruelle Phasen und die Menopause werden als Zeitpunkte beschrieben, in denen Symptome subjektiv stärker wahrgenommen werden oder erstmals klinisch relevant erscheinen. Diese Beobachtungen liefern wichtige Hinweise für die klinische Aufmerksamkeit, sind jedoch bislang nicht durch randomisierte oder prospektive Interventionsstudien abgesichert.

Assoziationen zwischen mütterlicher ADHS und bestimmten Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen?

Für die Perinatalphase berichten große populationsbasierte Kohortenstudien über Assoziationen zwischen mütterlicher ADHS und bestimmten Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, darunter hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, Kaiserschnitte und einzelne neonatale Auffälligkeiten. Die Autorinnen betonen ausdrücklich, dass diese Zusammenhänge durch zahlreiche Störfaktoren beeinflusst sein können, etwa durch Rauchen, Substanzgebrauch, sozioökonomische Faktoren oder psychiatrische Komorbiditäten. Die Daten unterstreichen daher weniger ein kausales Risiko als vielmehr die Notwendigkeit einer erhöhten Aufmerksamkeit und koordinierten Betreuung in dieser Lebensphase.

Hinsichtlich der Versorgung zeigt das Review ein wiederkehrendes Muster: Nach einer oft spät gestellten Diagnose stehen Frauen nicht selten vor begrenzten therapeutischen Angeboten. Pharmakotherapie, insbesondere mit Stimulantien, ist häufig der zentrale oder einzige Behandlungsbaustein, während psychoedukative, psychotherapeutische oder alltagsorientierte Unterstützungsangebote nur eingeschränkt verfügbar sind. Erste kleinere Studien zu frauenspezifischen Ansätzen, etwa zyklusbezogener Psychoedukation oder individueller Anpassung der Medikation, werden als explorativ beschrieben und liefern bislang keine belastbare Grundlage für allgemeine Empfehlungen.

Ausweitung der Diagnostik auf unspezifische Erschöpfungs- oder Affektzustände

Für die ärztliche Grundversorgung ergeben sich daraus mehrere praxisrelevante Implikationen. Das Review spricht sich nicht für eine Ausweitung der Diagnostik auf unspezifische Erschöpfungs- oder Affektzustände aus, betont aber die Bedeutung eines differenzierten Mitdenkens von ADHS bei Frauen mit chronischen, therapieresistenten psychischen Beschwerden, insbesondere bei Frauen mit chronischen Schwierigkeiten in der Alltagsorganisation, Planung und Selbststeuerung, innerer Unruhe oder familiärer ADHS-Belastung. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die Evidenzlage zu frauenspezifischen Verlaufs- und Behandlungsaspekten noch begrenzt ist und weiterer Forschung bedarf.

Insgesamt zeichnet die Arbeit das Bild einer häufig übersehenen Störung der neuronalen Entwicklung bei Frauen, deren späte Erkennung mit relevanten psychosozialen Folgen assoziiert ist. Sie fordert keine schnellen therapeutischen Schlussfolgerungen, sondern ein höheres Maß an Sensibilisierung, strukturierter Diagnostik und interdisziplinärer Versorgung, insbesondere in Übergangsphasen des Lebens.

Krebs K et al.: Integrative literature review - the impact of ADHD across women‘s lifespan. BMC Womens Health. 2025 Dec 8;25(1):593 (DOI 10.1186/s12905-025-04123-1).

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