Eine randomisierte Interventionsstudie untersucht, ob und in welchem Ausmaß die Wirksamkeit musikbasierter Interventionen bei Angstzuständen von der Hördauer abhängt. Im Fokus stand dabei eine Kombination aus speziell komponierter Musik und sogenannter auditiver Beat-Stimulation (ABS), einem Verfahren, das mit rhythmischen Klangmustern eine Modulation neuronaler Aktivität anstoßen soll.
Eingeschlossen wurden 144 Patientinnen und Patienten mit bestehender Angststörung unter medikamentöser Behandlung und erhöhter Trait-Angst (Ängstlichkeit als überdauerndes Persönlichkeitsmerkmal). Die Teilnehmenden wurden 4 Gruppen zugeteilt und hörten entweder 12, 24 oder 36 Minuten lang die Musikintervention oder als Kontrollbedingung 24 Minuten lang „rosa Rauschen“ (das ist ein breitbandiges Rauschen mit betonten tiefen Frequenzen, das als angenehm empfunden wird und in Studien als neutrale akustische Kontrollbedingung dient). Die Musikauswahl folgte einem adaptiven Ansatz: Ausgangspunkt war der aktuelle emotionale Zustand, von dem aus die Komposition schrittweise in Richtung Entspannung geführt wurde – ein Vorgehen, das dem Iso-Prinzip der Musiktherapie entspricht (hierbei wird nicht mit beruhigender Musik begonnen, sondern mit Musik, die zum aktuellen emotionalen Zustand passt.).
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Für die Reduktion von Angst – sowohl kognitiv als auch somatisch – erwies sich eine Hördauer von 24 Minuten als am wirksamsten. Eine Verlängerung auf 36 Minuten führte nicht zu einer weiteren Verbesserung. Anders bei negativen Affekten: Hier zeigte sich ein dosisabhängiger Effekt, mit einer signifikant stärkeren Reduktion unter der 36-minütigen Intervention im Vergleich zur kürzeren Exposition.
Mögliche Anwendung als Selbsthilfestrategie
Die beobachteten Effekte lagen im mittleren Bereich und bestätigen damit frühere Hinweise auf die anxiolytische Wirkung musikbasierter Ansätze. Gleichzeitig relativieren sie einfache Dosisannahmen: Offenbar existieren unterschiedliche „Zeitfenster“ für verschiedene Dimensionen emotionaler Regulation.
Für die Grundversorgung ergibt sich daraus ein pragmatischer, wenn auch vorsichtig zu interpretierender Ansatz. Musikbasierte Interventionen könnten als niedrigschwellige Ergänzung eingesetzt werden, etwa zur Überbrückung bis zum Wirkeintritt pharmakologischer oder psychotherapeutischer Maßnahmen. Die einfache Verfügbarkeit und gute Akzeptanz sprechen dafür, die Methode zumindest im Sinne einer Selbsthilfestrategie zu thematisieren.
Einschränkend ist zu berücksichtigen, dass die Intervention unter Alltagsbedingungen und ohne strenge Kontrolle von Einflussfaktoren durchgeführt wurde. Zudem bleibt unklar, welchen spezifischen Anteil die auditive Beat-Stimulation gegenüber der Musik selbst hat. Aussagen zur Langzeitwirksamkeit oder zur Anwendung als alleinige Therapie lassen sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten.
Die Studie liefert damit weniger einen Durchbruch als vielmehr einen interessanten Hinweis: Nicht nur die Art der Intervention, sondern auch ihre Dauer könnte für die akute Angstreduktion eine entscheidende Rolle spielen.
Hintergrund: Auditive Beat-Stimulation (ABS) ist ein Verfahren, bei dem über Kopfhörer zwei leicht unterschiedliche Töne präsentiert werden, wodurch im Gehirn ein dritter, pulsierender Schwebungston entsteht. Dieser kann die Gehirnaktivität beeinflussen und im Falle von Theta-Frequenzen (4-8 Hz) einen entspannenden, angstlösenden Effekt fördern. Für Patienten bietet sich so eine einfach anwendbare, nicht-medikamentöse Möglichkeit zur akuten Beruhigung.
Mullen DK et al.:Investigating the dose-response relationship between music and anxiety reduction: A randomized clinical trial. PLOS Ment Health. 2026 Jan 21;3(1):e0000355 (DOI 10.1371/journal.pmen.0000355).
* Pressemitteilung: „Feeling anxious? 24 minutes of music could help“. Toronto Metropolitan University, 20.2.2026 (https://www.torontomu.ca/news-events/news/2026/02/feeling-anxious-music-can-help/).