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Marburger Projekt „Betti“

Wenn das MRT mehr schadet als hilft

16.7.2026

Bildgebung gilt vielen Patientinnen und Patienten als Inbegriff moderner Medizin. Gerade bei Rückenschmerzen entsteht schnell der Eindruck: Erst ein MRT zeigt, „was wirklich los ist“. Doch genau das kann zum Problem werden. Denn viele Befunde haben mit den Schmerzen wenig zu tun – lösen aber Verunsicherung, Angst und unnötige Folgebehandlungen aus.

Forschende der Universität Marburg um Dr. med. Nicole Lindner und Prof. med. Dr. Annika Viniol sprechen deshalb von einer strukturellen Überversorgung durch unnötige Bildgebung bei Schmerzen des Bewegungsapparats.

Tatsächlich zeigen Studien seit Jahren, dass ein erheblicher Teil von MRT-Untersuchungen bei Rücken-, Schulter- oder Knieschmerzen medizinisch fragwürdig ist. Die Autorinnen und Autoren der jetzt in „Implementation Science Communications“ veröffentlichten Arbeit verweisen unter anderem darauf, dass selbst bei beschwerdefreien älteren Menschen häufig Bandscheibenveränderungen oder andere „degenerative“ Auffälligkeiten im MRT sichtbar werden – Befunde also, die oft eher normales Altern als eine behandlungsbedürftige Erkrankung widerspiegeln.

Besser entscheiden statt reflexhaft scannen

Vor diesem Hintergrund entwickelten die Marburger Forschenden das Programm „Betti“ („Better Imaging“). Die Intervention wurde nach den Leitlinien des britischen Medical Research Council für komplexe Interventionen aufgebaut und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Grundlage waren Literaturanalysen, Interviews mit Patientinnen und Patienten sowie die Einbindung von Hausärzten, Radiologen und Patientenvertretungen.

Entstanden ist ein mehrstufiges Konzept: ein multimediales Training für Hausärzte und Hausärztinnen ein leitlinienbasiertes Entscheidungssystem für die Bildgebung sowie verständlich aufbereitete Informationsmaterialien für Patienten und Patientinnen, unter anderem über die Webseite entscheidung-bildgebung.de.

Im Zentrum steht dabei weniger Technik als Kommunikation. Die Studie zeigt deutlich, dass Bildgebung häufig nicht aus medizinischer Notwendigkeit erfolgt, sondern weil Patienten sichtbare „Beweise“ für ihre Schmerzen erwarten, Ärzte diagnostische Unsicherheit absichern möchten oder beide Seiten Sorge haben, etwas zu übersehen.

Nicht jedes Bild verbessert die Versorgung

Die jetzt publizierte Arbeit untersucht allerdings noch nicht die tatsächliche Wirksamkeit des Programms im Versorgungsalltag, sondern zunächst dessen Entwicklung und einen kleinen Praxistest. Dabei zeigte sich zwar eine hohe grundsätzliche Akzeptanz, zugleich aber auch ein zentrales Problem: Die ergänzenden Patienteninformationen wurden nur dann genutzt, wenn sie aktiv in das Arzt-Patienten-Gespräch eingebunden wurden.

Gerade darin sehen die Forschenden jedoch einen entscheidenden Ansatzpunkt. „Betti“ versteht sich ausdrücklich nicht als Instrument zum bloßen Einsparen von Diagnostik, sondern als Modell für eine bessere gemeinsame Entscheidungsfindung. Ziel ist eine Medizin, in der Bildgebung gezielter eingesetzt wird – dort, wo sie therapeutische Konsequenzen hat, und nicht primär zur Beruhigung, Absicherung oder Erwartungserfüllung.

Die Studie liefert damit auch über die konkrete Intervention hinaus einen interessanten Hinweis auf ein grundlegendes Problem moderner Medizin: Mehr Diagnostik bedeutet nicht automatisch mehr Nutzen – manchmal erzeugt sie erst die Unsicherheit, die sie eigentlich beseitigen soll.

Pressemitteilung: „Zu viele Bilder, zu wenig Nutzen: Marburger Projekt „Betti“ setzt auf bessere Entscheidungen in der allgemeinärztlichen Versorgung“. Universität Marburg, 7.5.2026 (https://www.uni-marburg.de/de/aktuelles/news/2026/betti2026.

* Lindner N et al.: Development and proof-of-concept of a complex intervention to support appropriate imaging for musculoskeletal pain: the Betti programme. Implement Sci Commun. 2026 May 5;7(1):88 (DOI 10.1186/s43058-026-00949-4).

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