Cannabinoide eröffnen Therapieoptionen für Menschen, die auf herkömmliche Behandlungen nicht ansprechen. Das betrifft nicht nur den Schmerz. Die (potenziellen) Indikationen sind aufgrund der Verteilung der Rezeptoren des endogenen Cannabinoid-Systems vielfältig. Eine Abhängigkeit ist im medizinischen Kontext selten.
Die Cannabinoid-Rezeptoren des endogenen Cannabinoid-Systems (ECS) sitzen in vielen Geweben und Organen, was den Einsatz von Medizinalcannabis in multiplen Indikationen sinnvoll macht – ohne Atemstörung, denn im Atemzentrum fehlen diese Rezeptoren. Beeinflussen lassen sich etwa Schmerzweiterleitung, Appetit, Übelkeit, Motorik (Spastik), Wahrnehmung und Gedächtnis, berichtete Prof. Dr. med. Sven Gottschling (Homburg/Saar).
In komplexen palliativen Situationen könnten Cannabinoide therapieresistente Beschwerden in Bereichen wie Schwäche, Appetitmangel, Müdigkeit, Schmerzen, Anspannung, Angst und Depression sowie Erbrechen bessern, wie die Hospiz- und Palliativ-Erfassung (HOPE) gezeigt habe. Zudem habe man in Studien bei Co-Administration von Cannabinoiden zur Schmerzlinderung einen opioidsparenden Effekt nachweisen können, so Gottschling.
In einer Erhebung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln haben 75 % der 16 809 mit Medizinalcannabis Versorgten von einer Besserung ihrer Symptome berichtet (Schmerz 75 %, Spastik 80 %, Anorexie/Wasting 64 %). Die Behandelten waren schwerwiegend krank und ohne zumutbare Therapiealternative, das Vorgehen medizinisch begründet. Wegen fehlender Wirkung haben 25 % die Therapie abgebrochen, 8,5 % aufgrund von Nebeneffekten. Prinzipiell dürfe jeder Arzt und jede Ärztin Cannabinoide verordnen, man müsse nicht Facharzt sein, betonte Gottschling, ausgenommen seien nur Zahn- und Tierärztinnen und -ärzte.
Fakten und Mythen
Cannabis werde nicht nur gegen Schmerz, sondern international auch bei psychischen Erkrankungen eingesetzt – verordnet und in Selbstmedikation. Hier sei die Datenlage aber unzureichend, sagte Prof. Dr. med. Kirsten Müller-Vahl (Hannover). In der klinischen Anwendung träten Nebeneffekte meist früh auf, seien schwach und vorübergehend. Mit geringer Dosis in die Therapie zu starten und langsam zu steigern, bessere das Sicherheitsprofil. Bei oraler Einnahme sei der Wirkbeginn verzögert und weniger stark als nach Inhalation. Eine Cannabiskonsumstörung (Abhängigkeit) sei im medizinischen Kontext selten. Die Fahrsicherheit mit Medizinalcannabis steige im Therapieverlauf wieder an, neurokognitive Beeinträchtigungen träten akut nach Konsum auf und seien bei anhaltendem Gebrauch schwächer.
Im Freizeitkonsum gelte, dass Cannabis keine Einstiegsdroge ist und das amotivationale Syndrom kein cannabisspezifisches Phänomen, so Müller-Vahl. Es bestehe offenbar keine Assoziation zwischen Cannabiskonsum und depressiven oder Angststörungen. Vermehrt auftreten könnten psychotische Störungen, wobei eine genetische Vulnerabilität bestehen müsse und früher Konsumbeginn (< 15 Jahren), häufiger Gebrauch (täglich) und hoher THC(Tetrahydrocannabinol)-Gehalt das Risiko steigerten.
Digitales Pressegespräch „Perspektive Medizinalcannabis: Evidenzlage, klinische Anwendung und Patientenerfahrung“ (Veranstalter: Four 20 Pharma GmbH), April 2026