Künstliche Intelligenz (KI) kann die multimodale Schmerztherapie durch bessere Triage, strukturierte Verlaufsdaten, skalierbare Selbstmanagement-Module und Monitoring sinnvoll ergänzen. Hierbei gilt etwa bei Rücken- und Arthroseschmerz: Der Nutzen entsteht durch die klinische Einbettung, nicht den Algorithmus allein.
Chronische Rücken- und Arthroseschmerzen sind häufig, heterogen und biopsychosozial geprägt. Genau deshalb haben sich multimodale Konzepte etabliert: aktive Bewegungstherapie und Patientenedukation als Basis ergänzt durch validierte psychologische Ansätze (z. B. kognitiv-behavioral) sowie ggf. medikamentöse oder interventionelle Bausteine mit Funktionszielen statt reiner Schmerzfokussierung. Nationale und internationale Leitlinien betonen kombinierte, aktive Behandlungsstrategien und raten ab von rein passivitätsfördernden Verfahren [1,2]. Auch für Knie- und Hüftgelenksarthrose empfehlen hochwertige Leitlinien konsistente niederschwellige Bewegung, Aufklärung und Gewichtsmanagement als Kern langfristiger Maßnahmen [3,4].
In der Praxis scheitert Multimodalität oft an 3 (vorwiegend strukturellen) Engpässen:
Wenn wir eines aus der aktuell rasanten Entwicklung der KI in der Medizin mitnehmen können, dann: Die Möglichkeiten von KI zur Strukturunterstützung und Prozessoptimierung sind beispiellos, trotz aller Fehleranfälligkeit derzeit. KI kann wirklich helfen (siehe Abb. KI-Anwendungsfelder).
Evidenzbasiert bei KI in der Schmerzmedizin
Übersichtsarbeiten aus den Jahren 2024 und 2025 zeigen, dass KI meist in den Bereichen Prädiktion, Entscheidungsunterstützung, digitales Selbstmanagement und (semi-)objektives Monitoring eingesetzt wird. Eine breite Routine-Integration lässt noch auf sich warten [5,6]. Die Gründe dafür sind neben den Datenschutzbedenken die begrenzte externe Validierung, fehlende Einbettung in Workflows (Grund: fehlende Expertise) und Governance-Fragen sowie potenzielle Bias- und Fairness-Probleme [5,6].
Die klinische Outcome-Evidenz für KI-unterstützte digitale verhaltensbezogene Versorgung belegt aber, dass KI entscheidend unterstützen kann. In einer randomisierten vergleichenden Studie war eine Schmerzintervention mit mobil vermittelter kognitiver Verhaltenstherapie (CBT) plus KI-Unterstützung einer CBT, die nur telefonisch durch einen Therapeuten geleitet wurde, nicht(!) unterlegen [7]. Das ist klinisch relevant, weil so Kapazität in multimodalen Programmen freigesetzt wird. Voraussetzung ist, dass die KI sauber in die Betreuung und Eskalationswege eingebunden wird.
Für die automatisierte Schmerzerfassung über Bildanalyse (Deep-Learning-Modell, z. B. aus Mimik, Stimme oder auch der Gesamt-Erscheinung/Physiologie) existiert eine schnell wachsende technische Evidenz. Systematische Reviews belegen eine hohe Leistungsfähigkeit in Forschungs-Settings. Allerdings ist die Übertragung in robuste, faire und klinisch sichere Routineanwendungen oft noch eine Hürde [8].
In Forschungs-Settings überzeugt KI – die Übertragung in die klinische Routine ist oft noch schwierig.
Szenario 1: chronischer unspezifischer Rückenschmerz
Bei chronischen unspezifischen Rückenschmerzen von mindestens 6–12 Wochen Dauer besteht die Basis aus leitlinienkonformen aktiven Therapiepaketen. Bei Bedarf werden diese kombiniert mit psychosozialen Konzepten zur Berücksichtigung des Versorgungskontextes [1,2,10].
Aufgaben für die KI: Sie erfasst strukturiert und regelmäßig die Funktion einer erkrankten Person sowie Interferenzen zwischen Schlaf, Angstvermeidung und Aktivitätsniveau. Hieraus lassen sich automatisch Zusammenfassungen für die therapeutische Fallkonferenz erstellen und im Dashboard anzeigen.Entscheidungspunkte hierbei sind etwa:
Der Mehrwert durch die KI liegt in konsistenten Re-Assessments (damit Erhöhung der Compliance). Es werden weniger Entscheidungen aus dem „Bauchgefühl“ getroffen und knappe Ressourcen zielführend eingesetzt [1,2,5,6].
Szenario 2: Knie- oder Hüftgelenksarthrose
Bei Schmerz und Aktivitätsminderung infolge einer Arthrose besteht die Basistherapie aus mehr Bewegung, Schulung und ggf. Gewichtsmanagement sowie medikamentösen Optionen als Ergänzung [3,4].
Aufgaben für die KI: Sie macht adaptive Trainingsvorschläge auf Basis von Symptom- und Aktivitätstrends (Anwendung von Wearables wie Smartwatches oder Fitnessarmbänder).
Kontraindizierte Überlastungsmuster werden frühzeitig erkannt und es wird mit zielgerichteten Edukationsmodulen fortwährend gegengesteuert.
Der Mehrwert durch die KI liegt in einer besseren Adhärenz durch kleinschrittige Progression und integrierte Feedback-Schleifen. In multimodalen Programmen werden die Therapieteams durch die strukturierte Zwischenbetreuung entlastet [3,4,5-7]. Alles erfolgt aber unter ärztlicher Aufsicht.
So stärkt KI die Multimodalität
Die zentrale Botschaft aus wissenschaftlichen Reviews ist bisher: Der Engpass liegt in der Validierung und der klinischen Integrationsfähigkeit [5,6]. Hier gibt es Lücken bei der Kommunikation zwischen Entwicklern und dem klinischen Umfeld. Für die Privatpraxis oder ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) sind 3 Regeln hilfreich:
Vier KI-Anwendungsfelder für multimodale Versorgung




Risiken und Grenzen des KI-Einsatzes

KI kann multimodale Schmerztherapie etwa bei Rücken- und Arthroseschmerz heute vor allem dort unterstützen, wo es Versorgungsengpässe gibt. Beispiele sind eine gezieltere Triage, eine bessere Verlaufsübersicht, skalierbare Selbstmanagement- oder Verhaltens-Bausteine und eine frühere, automatisierte Anpassung bei Nichtansprechen. Die therapeutische Basis bleibt erwartungsgemäß unverändert: aktiv, funktionell, biopsychosozial. Der entscheidende Schritt ist eine sichere Einbettung in Prozesse, Rollen und Eskalationswege unter Aufsicht einer medizinischen Autorität und nicht die Suche nach dem besten Algorithmus.

Der Autor
Dr. phil. Thore-B. Haag
Orthopädiezentrum
Theresie Dres. Schneider,
Obersteiner & Kollegen
80339 München
dr.haag@oz-theresie.de
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Bildnachweis: privat