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Lückenhafte Früherkennung

Sepsisversorgung in Europa: Große Defizite trotz klarer Leitlinien

27.5.2026

Die Sepsis zählt zu den häufigsten und tödlichsten Notfällen weltweit. Zwei aktuelle Publikationen Greifswalder Forscher zeigen nun eindrücklich, wie groß der Verbesserungsbedarf in der Sepsisversorgung europäischer Krankenhäuser ist. Mit den beiden Publikationen schaffte das Greifswalder Forschungsteam eine Grundlage für neue nationale und europäische Strategien zur Verbesserung der Sepsisversorgung.

Eine lebensrettende Sepsisbehandlung hängt stark davon ab, wie schnell Patientinnen und Patienten mit Sepsis erkannt werden, um eine zielgerichtete Therapie einzuleiten. Eine der beiden Publikationen hierzu beschreibt erstmals umfassend den Stand der Sepsisversorgung in über 1.000 Krankenhäusern aus 69 Ländern. Die Ergebnisse zeigen deutliche Defizite bei der Früherkennung und standardisierten Behandlung. Nur in etwa der Hälfte der Einrichtungen zur Notaufnahme sowie auf den Normalstationen waren standardisierte Vorgehensweisen zur Erkennung vorhanden. Krankenhäuser mit strukturierten Qualitätsprogrammen erreichten hier deutlich bessere Werte. Allerdings waren solche Programme nur in 9,8% der untersuchten Krankenhäuser etabliert, heißt es in der im „American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine“ veröffentlichten Studie.

Strukturproblem Sepsis: Leitlinien umgesetzt - oder eben nicht

„Unsere Ergebnisse zeigen klar: Sepsisversorgung ist ein Strukturproblem“, sagt Dr. med. Christian Scheer aus der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin. Er benennt klar die Defizite: „Die seit vielen Jahren in Leitlinien geforderten Maßnahmen zur Erkennung und Therapie und auch notwendige, regelmäßige Schulungen des Personals sind ungenügend etabliert. Hier besteht ein enormes Verbesserungspotential.“ Scheer war auch federführend für die Konzeption, Durchführung und Auswertung der vorangegangenen europaweiten Umfrage, der European Sepsis Care Survey. Die Studie wurde in enger Zusammenarbeit mit acht europäischen Fachgesellschaften und nationalen Koordinatoren zahlreicher Länder durchgeführt.

Diagnostik als Engpass: Blutkulturen und Prozesse nicht leitliniengerecht

Für eine zielgerichtete Sepsistherapie ist die Erregerbestimmung mittels Blutproben sowie nachfolgende Tests auf die Resistenz von Antibiotika im mikrobiologischen Labor entscheidend. In der zweiten Publikation, die in „The Lancet Regional Health – Europe“ veröffentlicht wurde, beschrieb das Greifswalder Forschungsteam um Scheer, dass auch in der Organisation und Durchführung der mikrobiologischen Diagnostik Verbesserungsbedarf besteht. Hierzu konnten 907 europäische Krankenhäuser in die Studie eingeschlossen und ausgewertet werden. In vielen Einrichtungen wurden zum Beispiel im Widerspruch zu den Empfehlungen zu wenige Blutkulturproben abgenommen. Prof. Dr. med. Evgeny A. Idelevich vom Friedrich Loeffler-Institut für Medizinische Mikrobiologie, der die Studie von mikrobiologischer Seite beriet und Seniorautor der Publikation ist, betont: „Ein ausreichendes Blutvolumen ist entscheidend, um einerseits die Erreger zu identifizieren und andererseits Kontaminationen zu bewerten. Dies ist wichtig um zielgerichtet zu behandeln und unnötige Therapien zu vermeiden.“

24/7-Versorgung selten: Infrastrukturdefizite in der Mikrobiologie

Obwohl ein wesentlicher Anteil an mikrobiologischen Laboren bereits Schnelldiagnostikverfahren zur Erregeridentifikation einsetzte, waren 90 % der Labore nachts geschlossen. Die Studie zeigte auch, dass eine Kombination aus Schnelldiagnostik und mikrobiologischem 24/7 Service am effektivsten ist. Eine solche Infrastruktur war aber nur in weniger als 8 % der Labore vorhanden. Prof. Dr. med. Karsten Becker, Direktor des Friedrich Loeffler-Institut für Medizinische Mikrobiologie ergänzt: „Kurze Transportzeiten der Proben und ihre schnelle Prozessierung im Labor durch leistungsfähige personelle und technische Strukturen entscheiden darüber, ob Patienten rechtzeitig die richtige Therapie erhalten.“

Pressemitteilung: „Universitätsmedizin Greifswald prägt europäische Forschung zur Sepsisversorgung“. Universitätsmedizin Greifswald, 24.3.2026 (https://www.unimedizin-greifswald.de/fileadmin/user_upload/Marketing/Pressemitteilungen/PM_Sepsisversorgung_Europa.pdf).

* Scheer CS et al.: Status of Sepsis Care in European Hospitals: Results from an International Cross-Sectional Survey. Am J Respir Crit Care Med. 2025 Apr;211(4):587-599 (DOI 10.1164/rccm.202406-1167OC).

* Scheer CS et al.: Blood culture practices and microbiological capacity for sepsis diagnostics in Europe (2021-2022): a cross-sectional analysis of the European Sepsis Care Survey. Lancet Reg Health Eur. 2025 Dec 18;62:101570 (DOI 10.1016/j.lanepe.2025.101570).

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