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Höheres Lebensalter

Zusammenhang zwischen Essgewohnheiten, Ernährungsqualität und Hirnstruktur

17.2.2026

Eine aktuelle populationsbasierte Querschnittsanalyse aus Japan liefert neue Hinweise auf den Zusammenhang zwischen Essgewohnheiten, Ernährungsqualität und Hirnstruktur im höheren Lebensalter. Untersucht wurden 727 kognitiv unbeeinträchtigte ältere Erwachsene, bei denen sowohl strukturelle MRT-Daten als auch detaillierte Ernährungsinformationen vorlagen. Im Zentrum der Analyse stand die Frage, ob Personen ihre Mahlzeiten überwiegend allein oder gemeinsam mit anderen einnehmen – und wie dieser soziale Kontext des Essens mit Hirnvolumina und Ernährungsverhalten assoziiert ist.

Die Ergebnisse zeigen, dass häufiges Alleinessen mit geringeren Volumina in mehreren Hirnregionen einhergeht, die für kognitive Funktionen relevant sind. Betroffen waren das Gesamthirnvolumen sowie unter anderem der mediale Temporallappen, der Parietal- und Okzipitallappen, die Inselrinde und der Hippocampus. Der statistisch stärkste Unterschied zeigte sich im Okzipitallappen, was jedoch primär als Ausdruck einer breiteren kortikalen Volumenminderung zu verstehen ist und nicht als Hinweis auf eine spezifische funktionelle Beeinträchtigung der visuellen Verarbeitung. Wichtig ist, dass es sich hierbei um volumetrische Assoziationen handelt, nicht um klinische Funktionsmessungen.

Parallel dazu zeigten sich deutliche Unterschiede im Ernährungsverhalten. Personen, die überwiegend allein aßen, wiesen im Vergleich zu sozial essenden Teilnehmenden ungünstigere, energieadjustierte Ernährungsmuster auf. Sie nahmen relativ mehr Zucker, Alkohol und Kohlenhydrate auf, während die Zufuhr von Proteinen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen sowie zahlreicher Vitamine und Mineralstoffe geringer war. Auch auf Ebemne der Lebensmittel zeigte sich ein konsistentes Bild: Der Verzehr von Gemüse, Pilzen, Hülsenfrüchten sowie bestimmten tierischen Produkten wie Fleisch und Schalentieren war reduziert, während stärker verarbeitete Produkte wie Instantnudeln, Zucker und alkoholische Getränke häufiger konsumiert wurden. Diese Angaben beruhen auf einer validierten Ernährungsfrequenz-Erhebung und wurden statistisch für die Gesamtenergiezufuhr adjustiert.

Analytisch besonders relevant ist die Frage, inwieweit diese Ernährungsunterschiede die beobachteten Hirnvolumenveränderungen erklären könnten. Nach Adjustierung für ausgewählte, statistisch unabhängige Nährstoffvariablen verlor der zuvor signifikante Unterschied im Hippocampusvolumen zwischen Allein- und Gemeinschaftsessenden seine Signifikanz. Dies spricht dafür, dass der Zusammenhang zwischen Alleinessen und Hippocampusvolumen zumindest teilweise über ernährungsbezogene Faktoren vermittelt sein könnte. Eine vollständige kausale Erklärung lässt sich daraus jedoch nicht ableiten, da nur bestimmte Nährstoffe in die Modelle aufgenommen wurden und die Analyse querschnittlich angelegt ist.

Soziale Kontext des Essens ist eng mit der Qualität der Ernährung verknüpft

Anders verhielt es sich beim medialen Temporallappen: Der Volumenunterschied blieb auch nach Adjustierung für Nährstoff- sowie für Lebensmittelaufnahmen bestehen. Dies deutet darauf hin, dass hier neben Ernährung weitere Faktoren eine Rolle spielen könnten, die mit dem Alleinessen assoziiert sind. Die Autoren diskutieren in diesem Zusammenhang insbesondere Aspekte sozialer Interaktion und kognitiver Stimulation. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass die Studie keine unabhängigen Maße sozialer Isolation, sozialer Netzwerke oder psychischer Belastungen erhoben hat. Alleinessen ist daher nicht gleichzusetzen mit sozialer Isolation, sondern stellt einen möglichen Marker innerhalb eines komplexeren sozialen Gefüges dar.

Für die ärztliche Praxis liefern diese Befunde dennoch relevante Anknüpfungspunkte. Die Studie zeigt, dass der soziale Kontext des Essens eng mit der Qualität der Ernährung verknüpft ist und beide gemeinsam mit strukturellen Merkmalen der Hirngesundheit assoziiert sind. Sie belegt nicht, dass gemeinsames Essen Hirnvolumen schützt oder vergrößert, legt aber nahe, dass Alleinessen im höheren Lebensalter mit Risikokonstellationen einhergehen kann, die sowohl die Ernährung als auch potentiell die Hirnstruktur betreffen.

Für die Beratung älterer, alleinlebender oder allein essender Patientinnen und Patienten bedeutet dies, dass Ernährungsgespräche sinnvoll über die reine Auswahl von Lebensmitteln hinausgehen können. Neben dem „Was“ rücken auch das „Wie“ und der soziale Rahmen des Essens in den Fokus. Hinweise auf gemeinschaftliche Mahlzeiten, Mittagstische, Nachbarschaftsangebote oder strukturierte Essenssituationen können dazu beitragen, sowohl die Ernährungsqualität als auch soziale Teilhabe zu fördern. Dies sollte jedoch ohne Moralisierung oder Pathologisierung erfolgen, da Alleinessen aus unterschiedlichen, teils selbstbestimmten Gründen Teil des Alltags sein kann.

Vor dem Hintergrund demographischer Alterung und zunehmender sozialer Vereinzelung unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung integrierter Ansätze, die soziale und ernährungsbezogene Aspekte gemeinsam adressieren. Weitere, insbesondere longitudinale Studien sind erforderlich, um zeitliche Abfolgen, kausale Pfade und mögliche Interventionseffekte besser zu verstehen. Bis dahin liefert die Arbeit eine empirisch fundierte, aber bewusst zurückhaltend zu interpretierende Grundlage für eine sensiblere, alltagsnahe Beratung im klinischen Kontext.

Isa M et al.: Solitary eating is linked to reduced brain volume in cognitively unimpaired individuals and possible future cognitive decline. NPJ Aging. 2025 Nov 19;11(1):90 (DOI 10.1038/s41514-025-00284-3).

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