Gesundheit wird zunehmend nicht mehr nur als individuelle Ressource verstanden, sondern als zentraler Resilienzfaktor für Gesellschaften insgesamt. Diese Perspektive prägte auch den Festvortrag von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anlässlich des Gedenksymposiums für Professor Friedrich Wilhelm Schwartz an der Medizinischen Hochschule Hannover. Gesundheit, so die zentrale Botschaft, ist längst nicht mehr allein eine Frage der Versorgung, sondern berührt Sicherheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Stabilität.
Von der Leyen knüpfte an ein Public-Health-Verständnis an, das Prävention, Evidenz und Gerechtigkeit ins Zentrum stellt. Gesundheitspolitik müsse allen Menschen faire Chancen auf ein gesundes Leben eröffnen – unabhängig von sozialem Status oder Herkunft. Das sei kein moralischer Zusatz, sondern Voraussetzung funktionierender Gesellschaften. Gesundheit werde so zur politischen Kategorie.
Aus europäischer Perspektive leitete sie daraus den Anspruch ab, Gesundheitspolitik global verantwortlich, vorausschauend und innovationsorientiert zu gestalten. Pandemien, Klimawandel, fragile Lieferketten und Desinformation machten deutlich, dass Gesundheitsschutz nicht an nationalen Grenzen ende. Vertrauen, sowohl in wissenschaftliche Evidenz als auch in staatliches Handeln, bezeichnete sie als eine der zentralen Voraussetzungen erfolgreicher Public-Health-Politik.
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die aktuelle nationale Debatte einordnen. In Deutschland wird zunehmend diskutiert, wie Gesundheit als Resilienzfaktor strukturell gestärkt werden kann. Initiativen aus Wissenschaft, Versorgung und Gesundheitswirtschaft knüpfen dabei an europäische Leitlinien an und betonen die Bedeutung von Prävention, früher Intervention und einer starken, koordinierenden Primärversorgung. Gesundheitskompetenz gilt dabei als ein zentraler Hebel: Wer Gesundheitsinformationen verstehen und einordnen kann, trifft informiertere Entscheidungen und nutzt Versorgungsangebote zielgerichteter. Entsprechende Ansätze müssen früh ansetzen und vulnerable Gruppen gezielt einbeziehen.
Stärkung von Prävention und Früherkennung
Eng damit verbunden ist die Stärkung von Prävention und Früherkennung, insbesondere bei chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden. Die Evidenz zeigt, dass Investitionen in diesen Bereichen nicht nur Lebensqualität und Autonomie erhöhen, sondern auch langfristig zu den effizientesten Maßnahmen im Gesundheitswesen zählen. Neue Versorgungsansätze, die Orientierung bieten und Schnittstellen besser koordinieren, können diesen präventiven Ansatz unterstützen.
Gesundheit wird dabei zunehmend auch als Voraussetzung gesellschaftlicher Stabilität verstanden. Ungleicher Zugang zu Versorgung oder Prävention kann Vertrauen untergraben und soziale Spannungen verstärken. Eine verlässliche, gut erreichbare Primärversorgung – auch in strukturschwächeren Regionen – wird damit zu einer politischen Aufgabe im Sinne demokratischer Resilienz. Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel verschärfen diese Herausforderung zusätzlich.
Von der Leyens Festvortrag unterstrich zudem, dass Gesundheit nicht isoliert betrachtet werden darf. Klimapolitik, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, Stadtentwicklung oder Bildung haben unmittelbare gesundheitliche Auswirkungen. Der vielfach diskutierte Ansatz „Health in all Policies“ erhält damit neue Aktualität. Für die medizinische Praxis bedeutet dies eine stärkere Einbindung in übergeordnete Public-Health-Ziele, bei gleichzeitig wachsender Bedeutung von Prävention, Koordination und Vertrauensbildung.
Insgesamt macht der europäische Blick deutlich: Gesundheit ist kein nachgeordnetes Politikfeld, sondern ein zentraler Faktor für Resilienz, Stabilität und Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften. Die nationale Debatte knüpft zunehmend an diese Perspektive an - mit weitreichenden Konsequenzen für Versorgung, Prävention und die Rolle der Gesundheitsberufe im System.
Der Festvortrag von Kommissionspräsidentin von der Leyen wurde im Rahmen des Symposiums „Public Health - Forschen, Lehren, Zukunft gestalten - von der Idee zur Gestaltungskraft im Gesundheitswesen“ zu Ehren von Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz (1943-2024) an der Medizinischen Hochschule Hannover am 27.11.2025 gehalten. Neben dem Festvortrag umfasste das Programm weitere Fachvorträge und eine Podiumsdiskussion. Die Veranstaltung stand allen an Public Health Interessierten offen und bot Raum für fachlichen Austausch und Begegnung.