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Flucht ins Digitale

ADHS und exzessives Gaming

28.5.2026

Die Bildschirme flimmern, der Controller vibriert: Für viele Jugendliche ist Gaming fester Bestandteil des Alltags. Doch während die meisten unproblematisch spielen, entwickeln andere ein Muster aus Kontrollverlust, sozialem Rückzug und schulischen Schwierigkeiten. Besonders betroffen sind Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Resultate aus der jetzt publizierten Längsschnittstudie „Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD) Study“ zeigten, welche Faktoren diesen Zusammenhang erklären – und wo die hausärztliche und kinderärztliche Beratung ansetzen kann.

Die Untersuchung umfasste knapp 12.000 Jugendliche im Alter von 12-14 Jahren, die über mehrere Zeitpunkte hinweg begleitet wurden. Erhoben wurden unter anderem eine ADHS-Diagnose mittels strukturierter Elterninterviews (KSADS-COMP) sowie Symptome problematischen Gaming-Verhaltens anhand des Video Game Addiction Questionnaire (VGAQ). Jugendliche mit ADHS wiesen über den Beobachtungszeitraum hinweg signifikant höhere Werte auf – im Durchschnitt etwa 1,3 Punkte mehr als Gleichaltrige ohne ADHS. Auch wenn dieser Unterschied auf individueller Ebene moderat erscheint, ist er angesichts der hohen Verbreitung von Gaming auf Bevölkerungsebene klinisch relevant.

Der eigentliche Mehrwert der Studie liegt in der Analyse der zugrunde liegenden Mechanismen. Die Autoren und Autorinnen untersuchten, welche psychosozialen Faktoren den Zusammenhang zwischen ADHS und problematischem Gaming-Verhalten vermitteln. Drei Bereiche erwiesen sich dabei als besonders relevant.

Familiäre Konflikte: Wenn das Umfeld destabilisiert

Jugendliche mit ADHS berichteten häufiger über konflikthafte Familienverhältnisse. Diese erhöhte Konfliktbelastung war ihrerseits mit stärkeren Gaming-Symptomen assoziiert. Ein angespanntes, wenig strukturiertes Umfeld kann dazu beitragen, dass digitale Spiele als leicht verfügbare Möglichkeit zur Emotionsregulation genutzt werden.

Schulische Einbindung: Fehlende Zugehörigkeit verstärkt Rückzug

Auch die Schule spielt eine zentrale Rolle. Jugendliche mit ADHS zeigten eine geringere schulische Einbindung und fühlten sich weniger zugehörig. Eine schwache Bindung an das schulische Umfeld war mit einem Anstieg problematischen Gaming-Verhaltens verbunden. Fehlende Erfolgserlebnisse und soziale Integration können den Rückzug in digitale Räume begünstigen.

Peers als Schutzfaktor: Soziale Orientierung macht den Unterschied

Ein dritter zentraler Faktor ist das soziale Umfeld. Jugendliche mit ADHS hatten seltener Kontakt zu prosozial orientierten Gleichaltrigen, etwa mit Engagement in Schule, Sport oder anderen strukturierten Aktivitäten. Diese fehlende Einbindung war mit höheren Gaming-Symptomen assoziiert. Umgekehrt wirkte ein stabiles, prosoziales Peer-Umfeld protektiv.

Nur ein Teil der Erklärung: Weitere Mechanismen bleiben relevant

Die drei genannten Bereiche erklärten zusammen etwa ein Viertel des Zusammenhangs zwischen ADHS und problematischem Gaming-Verhalten. Weitere Faktoren – etwa neurobiologische Besonderheiten des Belohnungssystems oder spielimmanente Verstärkungsmechanismen – dürften ebenfalls eine Rolle spielen. Entscheidend für die Praxis ist jedoch: Die identifizierten Faktoren sind prinzipiell modifizierbar.

Für die hausärztliche und kinderärztliche Praxis bedeutet das: Exzessives Gaming sollte nicht isoliert betrachtet werden. Vielmehr lohnt sich ein strukturierter Blick auf familiäre Dynamiken, schulische Integration und soziale Einbindung. Die Neigung zu problematischem Gaming bei ADHS ist weniger Ausdruck mangelnder Disziplin als vielmehr Ergebnis eines Zusammenspiels aus neurobiologischer Disposition und psychosozialem Umfeld.

Beratung mit Systemblick statt reiner Medienkontrolle

Im Gespräch mit Eltern lassen sich daraus mehrere Ansatzpunkte ableiten: die Reduktion familiärer Konflikte durch klare Strukturen und konsistente Regeln, die Stärkung der schulischen Anbindung durch Kooperation mit Schule und Umfeld sowie die gezielte Förderung prosozialer Peer-Kontakte. Gerade bei Jugendlichen mit ADHS erfordert dies häufig eine aktive Begleitung und Unterstützung.

Eine zentrale Voraussetzung bleibt die adäquate Behandlung der ADHS selbst. Eine optimierte Therapie – einschließlich verhaltenstherapeutischer Maßnahmen und gegebenenfalls medikamentöser Behandlung mit Stimulantien – kann die Selbstregulation verbessern und damit auch die Anfälligkeit für exzessives Gaming reduzieren.

Studienlimitationen relativieren - aber entkräften nicht

Die Studie weist Einschränkungen auf. Die ADHS-Diagnose basierte auf Elternangaben, und ein Teil der Daten wurde während der COVID-19-Pandemie erhoben. Zudem wurden nur Jugendliche mit Gaming-Erfahrung eingeschlossen. Dennoch liefern die Ergebnisse wertvolle Hinweise auf reale Risikokonstellationen im Versorgungsalltag.

Exzessives Gaming bei ADHS ist weniger ein isoliertes Störungsbild als vielmehr ein Hinweis auf zugrunde liegende Belastungen im sozialen Umfeld. Genau hier liegen jedoch auch die therapeutischen Chancen – vorausgesetzt, diese Zusammenhänge werden erkannt und in der Beratung aktiv aufgegriffen.

Lopez DA et al.: ADHD and gaming addiction in adolescents: psychosocial mediators in the adolescent brain cognitive development study. Front Psychiatry. 2026 Mar 6;17:1756782 (DOI 10.3389/fpsyt.2026.1756782).

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