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Eher Couch als Laufschuhe

Neue Ansätze für bewegungsferne Menschen mit Diabetes

20.7.2026

Beim Diabeteskongress in Berlin wurde bei einer DDG-Sitzung diskutiert, wie Menschen mit Typ-2-Diabetes erreicht werden können, die mit klassischen Bewegungsempfehlungen wenig anfangen können und eher die Couch als die Laufschuhe wählen. Im Mittelpunkt standen Trainingsformen, die niedrigschwelliger, zeiteffizienter und alltagsnäher sein sollen als klassische Sportprogramme.

Dr. med. Meinolf Behrens (Minden) stellte dazu das Ganzkörper-EMS (Elektromyostimulation) vor, bei dem motorische Nerven mehrerer Muskelgruppen simultan elektrisch stimuliert und mit einfachen Bewegungen kombiniert werden, um Muskelkraft und Stoffwechsel zu verbessern. Er erinnerte daran, dass unter starken Gewichtsreduktionen mit GLP-1-basierten Therapien wie Semaglutid ein erheblicher Anteil der verlorenen Kilos aus Muskelmasse stammt. Gerade bei ohnehin sarkopeniegefährdeten Menschen müsse daher eine Gewichtsabnahme angestrebt werden, bei der möglichst viel Muskulatur erhalten bleibt – unterstützt durch Kraftreize und eiweißbetonte Ernährung. Vor diesem Hintergrund könnten auch alternative Trainingsformen interessant werden, die Muskelreize bei Menschen setzen, die klassische Fitnessprogramme kaum akzeptieren oder aufgrund orthopädischer Probleme schlecht tolerieren.

Die bisherige Evidenz zum EMS deutet auf günstige Effekte für Glukosekontrolle, Insulinsensitivität und kardiometabolische Risikofaktoren hin, beruht jedoch überwiegend auf kleinen und heterogenen Studien. Behrens betonte zudem, dass Diabetes erst seit 2024 nicht mehr als absolute, -sondern nur noch als relative Kontraindikation geführt wird. Sinnvoll sei deshalb ein ärztliches Pre-Exercise-Screening mit Blick auf Nierenfunktion, Neuropathie, autonome Dysfunktion und Hypoglykämierisiko. Gerade Menschen mit chronischer Nierenerkrankung, schwerer Neuropathie oder multiplen Komorbiditäten müssten sorgfältig ausgewählt werden.

Weitgehend unkontrollierter Vertrieb von mobilen Heimgeräten

Zugleich verwies er auf ein regulatorisches Spannungsfeld: Während EMS-Studios in Deutschland strengen Ausbildungs- und Sicherheitsvorgaben unterliegen, werden mobile Heimgeräte online weitgehend unkontrolliert vertrieben. Eigenverantwortliche Home-Anwendungen sieht Behrens daher derzeit eher als Forschungsfeld denn als Routineempfehlung für den Praxisalltag.

Prof. Dr. rer. nat Klaus Baum (Köln) rückte das Vibrationstraining (Whole Body Vibration - WBV, Beschleunigungstraining, Schwingungstraining) als weitere Möglichkeit in den Fokus, um die Muskulatur zu aktivieren, ohne dass das Setting unmittelbar als klassisches Training erlebt wird. Vibrationsplatten arbeiten mit Frequenzen um 25 bis 40 Hertz; die Betroffenen stehen dabei mit leicht gebeugten Knien, wodurch insbesondere Quadrizeps- und Glutealmuskulatur dauerhaft aktiviert werden. Baum erinnerte daran, dass viele Menschen mit Typ-2-Diabetes klassische Sportprogramme dauerhaft schlicht nicht akzeptieren – unabhängig davon, wie häufig deren Nutzen erklärt werde.

In einer eigenen Studie verglich seine Arbeitsgruppe klassisches Krafttraining, Vibrationstraining mit isometrischen Halteübungen und ein Flexibilitätsprogramm als aktive Kontrolle. Während Stretching praktisch wirkungslos blieb, führten Kraft- und Vibrationstraining zu signifikanten Verbesserungen der OGTT-Glukosewerte. Beim HbA1c zeigte sich nur in der Vibrationsgruppe eine Abnahme, wobei Baum zugleich auf bekannte saisonale Schwankungen des HbA1c in Herbst- und Wintermonaten verwies.

Sein Fazit blieb bewusst zurückhaltend: Vibrationstraining sei „kein Wundermittel“, könne aber ähnliche Effekte auf die glykämische Kontrolle erzielen wie Krafttraining – bei geringerem Zeitaufwand und hoher Akzeptanz. Viele übergewichtige oder bewegungsferne Menschen empfänden das Training zudem nicht als klassisches „Sportprogramm“. Die durch die Vibration ausgelöste Hyperämie werde von Patientinnen und Patienten mit milder Neuropathie häufig sogar als angenehm beschrieben. Schwerwiegende Komplikationen wurden in den bislang wenigen Interventionsstudien nicht beobachtet.

Exercise Snacks: kurze Bewegungseinheiten

Den niedrigschwelligsten Ansatz stellte Prof. PD Dr. Christian Brinkmann (Köln) vor: sogenannte Exercise Snacks – kurze Bewegungseinheiten von 30 Sekunden bis etwa 5 Minuten, die sich ohne Geräte in den Alltag integrieren lassen. Kohortendaten zeigen, dass bereits wenige kurze intensive Belastungen pro Tag – etwa „dem Bus hinterherlaufen“ – mit einer deutlichen Reduktion der Gesamt- und kardiovaskulären Mortalität assoziiert sind. Neuere Analysen legen zudem nahe, dass bereits fünf bis zehn zusätzliche Minuten moderater bis intensiver Bewegung pro Tag bei bislang inaktiven Menschen mit erheblichen gesundheitlichen Vorteilen verbunden sein können.

Meta-Analysen und Interventionsstudien zeigen darüber hinaus Verbesserungen der kardiorespiratorischen Fitness, des Blutdrucks und des Lipidprofils. Besonders interessant für Menschen mit Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes sind Studien, in denen über den Tag verteilte Exercise Snacks mit einer gleich langen, aber am Stück absolvierten Belastung verglichen wurden. Dabei erwiesen sich die kurzen „Bewegungshäppchen“ hinsichtlich Glukosedynamik und Hyperglykämiezeiten als überlegen.

Zusätzliche Motivation könnten CGM-Systeme liefern: Patientinnen und Patienten sehen dabei unmittelbar, wie einige schnelle Kniebeugen oder kurze Armbewegungen hohe Glukosewerte absenken. Hochintensive Varianten wie Sprint-Intervall-Training können zwar HbA1c-Reduktionen im Bereich von etwa 1 % erreichen, setzen jedoch eine sportmedizinische Abklärung voraus und eignen sich eher für ausgewählte Personen.

Die Sitzung machte deutlich, dass moderne Bewegungsstrategien nicht primär Konkurrenz zu klassischen Leitlinienempfehlungen sein sollen. Vielmehr könnten sie gerade jenen Menschen einen praktikablen Einstieg eröffnen, die von traditionellen Trainingsprogrammen bislang kaum erreicht werden.

DDG Sitzung „Wenn Standardempfehlungen nicht reichen: Moderne Bewegungs- und Ernährungskonzepte bei Diabetes“ beim Diabetes Kongress 2026, 13.–16.5.2026, Berlin.

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