Seit 1999 kürt der interdisziplinäre Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg die „Arzneipflanze des Jahres“. Ziel ist es, nicht nur eine einzelne Heilpflanze in den Fokus zu rücken, sondern auch ihre historische Bedeutung, pharmakologische Erforschung und regulatorische Bewertung zu beleuchten. Für das Jahr 2026 fiel die Wahl auf den Ingwer (Zingiber officinale).
Botanik und Droge: Ingwer (Zingiber officinale Roscoe, Zingiberaceae) ist eine tropische Staude; arzneilich verwendet wird das getrocknete Rhizom (Zingiberis rhizoma). Die Qualität ist im Europäischen Arzneibuch festgelegt (u. a. Mindestgehalt an ätherischem Öl 1,5 %). Pharmakologisch relevant sind nichtflüchtige Scharfstoffe (v. a. [6]-Gingerol, Shogaole) sowie Sesquiterpene des ätherischen Öls. Die Gehalte schwanken je nach Chemotyp und Verarbeitung erheblich - ein praktisches Qualitätsproblem.
Pharmakodynamik und -kinetik: Experimentell werden eine 5-HT3-Antagonisierung (antiemetisch), prokinetische Effekte (u. a. beschleunigte Magenentleerung) sowie COX-/NO-Hemmung (antiphlogistisch) beschrieben. Gingerole/Shogaole werden rasch resorbiert (Tmax ca. 30-75 min), unterliegen einer ausgeprägten Phase-II-Metabolisierung; multiple Konzentrationsmaxima sprechen für enterohepatische Rezirkulation. Klinisch belastbare PK-Daten sind insgesamt begrenzt.
Indikationen nach HMPC (EMA, Committee on Herbal Medicinal Products, Revision 2025): Die EMA-Monographie unterscheidet zwischen „well-established use“ und „traditional use“.
Die beste Evidenz besteht für gastrointestinale Effekte und Übelkeit; Ergebnisse zur Reisekrankheit sind nicht in allen Modellen konsistent. Für Chemotherapie-assoziierte Übelkeit wird Ingwer als mögliches Adjuvans diskutiert, jedoch nicht als Ersatz etablierter Antiemetika.
Sicherheit und Interaktionen: Häufige UAW sind dyspeptische Beschwerden (Sodbrennen, Aufstoßen, Übelkeit); Überempfindlichkeitsreaktionen sind möglich. Für Schwangerschaft liegen moderate Human-Daten (300-1000 Verläufe) ohne Hinweis auf Fehlbildungen vor; aus Vorsicht wird die Anwendung dennoch nicht empfohlen, da tierexperimentelle Reproduktionstoxizitätsdaten unzureichend sind. Stillzeit: keine ausreichenden Daten. Interaktionen: keine gesicherten; in vitro Hinweise auf CYP2C19- und P-gp-Effekte, klinische Relevanz unklar; keine Interaktion mit Warfarin in einer Studie.
Einordnung für die Praxis: Für „Schulmediziner“ ist Ingwer kein Allheilmittel, aber eine standardisierte, regulatorisch bewertete Option bei funktionellen GI-Beschwerden und zur Prophylaxe der Reisekrankheit. Entscheidend sind qualitätsgesicherte Zubereitungen und realistische Erwartungen an die Effektstärke. Bei persistierenden oder atypischen Beschwerden gilt – wie bei jeder Selbstmedikation – ärztliche Abklärung.
Forschergruppe Klostermedizin: Arzneipflanze des Jahres 2026: Ingwer - Zingiber officinale. Würzburg, 2026 (http://www.welterbe-klostermedizin.de/index.php/arzneipflanzen/arzneipflanze-des-jahres/370-arzneipflanze-des-jahres-2026-ingwer-zingiber-officinale).
* European Medicines Agency (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). European Union herbal monograph on Zingiber officinale Roscoe, rhizoma. Final - Revision 1. EMA/HMPC/885789/2022. Amsterdam: EMA; 2025 May 7 [Nachweis am 26.2.2026]. Online verfügbar unter: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/zingiberis-rhizoma