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Naturmedizin

Den Leidensdruck mildern

Die nichtmedikamentöse Behandlung beim Fibromyalgie-Syndrom

Gunnar Carl Römer

5.6.2026

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) erfordert aufgrund seiner komplexen Ätiologie einen patientenindividuellen, multimodalen Behandlungsansatz. Da die rein pharmakologischen Ansätze oft eine begrenzte Evidenz haben, erweitern komplementärmedizinische und nichtmedikamentöse Strategien die moderne Schmerztherapie.

Das Fibromyalgie-Syndrom (FMS) ist für Patienten bzw. Patientinnen und Behandelnde eine diagnostische und therapeutische Herausforderung. Lange Zeit als rein psychosomatische Störung missinterpretiert, zeichnet die moderne Medizin das Bild einer neurobiologischen Systemerkrankung, die weit über das subjektive Schmerzempfinden hinausgeht. Im Zentrum steht nun eine maladaptive Veränderung der Schmerzverarbeitung im Zentralnervensystem, verbunden mit einer ebenfalls zentralnervösen Sensibilisierung. Beides führt zu klinisch manifester Hyperalgesie und Allodynie [1]. Diese Veränderungen lassen sich durch bildgebende Verfahren, konkret mittels funktioneller Magnetresonanztomografie, als verstärkte neuronale Antworten auf Reize visualisieren, die bei Gesunden kaum eine Reaktion auslösen würden [2]. Parallel dazu rückt die Forschung die periphere Komponente stärker in den Fokus, namentlich die Small-Fiber-Neuropathie. Hierbei weist eine verminderte Dichte intraepidermaler Nervenfasern auf eine organische Beteiligung hin, was den oft brennenden Charakter der Schmerzen erklärt [3].

Auch das Thema Neuroinflammation findet zunehmend Beachtung. PET-Untersuchungen stützen die Hypothese, wonach eine chronische Entzündungsreaktion des Nervengewebes zum Aufrechterhalten der Schmerzbelastung beiträgt. Sichtbar wird dies durch eine Aktivierung von Gliazellen in bestimmten Hirnregionen [4]. Solche Befunde sind für die Betroffenen von enormem Wert. Denn sie objektivieren das Leiden und bilden ein rationales Fundament für Behandlungsformen, die die noziplastische Schmerzentstehung adressieren. Klassische Analgetika wie Opioide oder nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) dagegen haben aufgrund fehlender peripherer Entzündungssubstrate meist keinen Effekt [5].

Multidisziplinärer Ansatz und Versorgungsrealität

Die Prävalenz des FMS liegt in Deutschland bei etwa 2– 4 %; Frauen sind signifikant häufiger betroffen [6]. Trotz hoher Fallzahlen vergehen oft Jahre bis zur gesicherten Diagnose – bis dahin ist es längst zu einer hochbelastenden Chronifizierung der Schmerzen gekommen. Die aktuelle S3-Leitlinie betont daher die Notwendigkeit einer frühzeitigen, multidisziplinären Versorgung, die durch ein koordiniertes Netzwerk aus Schmerzmedizinern, Hausärzten, Psychologen und Physiotherapeuten erfolgen sollte – primär im ambulanten Setting [7]. Ein ehrliches Erwartungsmanagement ist hierbei entscheidend: Therapieziele sind der Erhalt der Alltagsfunktionen sowie eine Verbesserung der Lebensqualität, während eine vollumfängliche Schmerzfreiheit indes selten erreicht wird.

Eine wesentliche Säule ist die Patientenedukation, um das Verständnis für das Konzept der zentralen Sensibilisierung zu schärfen und die Akzeptanz für die verfügbaren Behandlungsmethoden zu erhöhen (Abb.). Dabei müssen auch oft unterschätzte Faktoren wie der starke Einfluss von Feuchtigkeit und Kälte auf die Krankheitslast thematisiert werden. Diese ausgeprägte Wetterfühligkeit beruht auf einer veränderten Reizschwelle der Nozizeptoren sowie auf einer autonomen Dysregulation der ­kutanen Mikrozirkulation.

Körperliche Aktivierung als neurobiologisch-analgetischer Modulator

Körperliche Aktivierung besitzt innerhalb der nichtpharmakologischen Ansätze die stärkste Evidenz, da sie direkt auf die absteigenden Schmerzhemmbahnen einwirkt. Aerobes Training wie Radfahren, Walking oder Schwimmen wirkt nachweislich analgetisch und verbessert die allgemeine Lebensqualität [8]. Entscheidend für den Therapieerfolg ist jedoch ein moderater Einstieg nach dem Pacing-Prinzip, um eine überlastungsbedingte Exazerbation zu verhindern. Zusätzlich zeigen sich meditative Verfahren wie Qigong oder Tai-Chi als äußerst effektiv. Eine Vergleichsstudie im New England Journal of Medicine belegte, dass bei der Symptomlinderung Tai-Chi dem klassischen Aerobic teilweise überlegen ist – vermutlich aufgrund der synergetischen Kombination aus mentaler Fokussierung und physischer Bewegung [9].

Auch das Funktionstraining im Wasser bietet durch die Gelenkentlastung und die thermische Entspannung einen geschützten Raum für Bewegungserfahrungen. Viele Behandler beobachten hier eine schnelle Schmerzlinderung im warmen Wasser. Die Ursache ist dabei recht eindeutig: Es kommt zu einer schlagartigen Reduktion des Muskeltonus und einem Überlagern der Schmerzreize durch thermische Afferenzen. Metaanalysen heben vor allem die positiven Langzeiteffekte auf die physische Funktionskapazität hervor [10].

Physikalische Therapien und thermische Schmerzmodulation

Physikalische Anwendungen bieten Betroffenen meist eine rasche, wenn auch zeitlich limitierte Linderung. Sie fungieren als wichtige Regulatoren des vegetativen Nervensystems. Die milde Ganzkörperhyperthermie mittels Infrarot-A-Strahlung zielt auf das Anheben der Körperkerntemperatur ab, was die muskuläre Durchblutung verbessert und die sympathische Überaktivität dämpft. Nach einer physikalischen Therapiesequenz zeigt sich eine signifikante Senkung der Schmerzintensität über mehrere Wochen, wie klinische Daten belegen [11]. Dem gegenüber steht die Ganzkörperkältetherapie bei –110 °C. Hierbei tragen das Hemmen der Nozizeptoren sowie eine massive Endorphinausschüttung zur Analgesie bei. Studien dokumentieren zudem eine Verminderung proinflammatorischer Zytokine, was die systemische Wirkung der Behandlung unterstreicht [12].

Als mobiler Ansatz für den Alltag fungiert die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS). Sie hemmt die Schmerzweiterleitung im Rückenmark nach der Gate-Control-Theorie, indem sie großkalibrige Nervenfasern aktiviert. Besonders wirkungsvoll ist der Einsatz von TENS häufig während körperlicher Aktivität, um die Belastungstoleranz des Anwenders zu erhöhen [13]. Es ist bemerkenswert, dass ähnliche kurzfristige Remissionen auch durch das körpereigene Freisetzen von Oxytocin und Opioidpeptiden bei angenehmen Reizen erreicht werden können.

Mikronährstoffe zur biochemischen und ernährungsphysiologischen Optimierung

Der Ausgleich von Mikronährstoffdefiziten ist eine unverzichtbare Säule der komplementärmedi­zinischen Praxis – vor allem zur Stärkung von ­mitochondrialer Funktion und zellulärer Resilienz. Magnesium fungiert als N-Methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptor­antagonist und wirkt einer neuronalen Übererregbarkeit entgegen. Besonders vorteilhaft ist hierbei die Kombination mit Äpfelsäure als Magnesium-Malat, da Malat ein Schlüsselsubstrat für den Citratzyklus ist und somit die muskuläre ATP-Synthese fördert, was in Pilotstudien in einer signifikanten Abnahme der Druckschmerzpunkte resultierte [14]. Bei von FMS Betroffenen liegt oft ein Mangel an Coenzym Q10 vor. Eine Gabe von 300 mg täglich konnte in Studien nicht nur die intrazelluläre mitochondriale Biogenese optimieren, sondern auch die klinische Symptomatik positiv beeinflussen [15].

Obligatorisch ist zudem die Kontrolle und Substitution von Vitamin D, da niedrige Serumspiegel direkt mit depressiven Verstimmungen und einer erhöhten Schmerzsensibilität korrelieren. Der Ausgleich eines Defizits kann zu einer statistisch signifikanten Schmerzreduktion führen, wobei Zielspiegel im mittleren Normbereich angestrebt werden sollten [16]. Schlussendlich bietet auch Acetyl-L-Carnitin vielversprechende Ansätze, indem es den Fettsäuretransport in die Mitochondrien stimuliert und sowohl kognitive Beeinträchtigungen als auch Fatigue lindert [17].

Psychologische Resilienz und Mind-Body-Medizin

Die psychologische Mitbehandlung dient der Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung. Es gilt klarzustellen: Sie darf keinesfalls als Behandlung einer psychiatrischen Grunderkrankung missinterpretiert werden. Vielmehr zielt die kognitive Verhaltenstherapie darauf ab, maladaptive Denk- und Verhaltensmuster (z. B. Katastrophisieren) zu adressieren und gleichsam die Selbstwirksamkeit zu stärken [18]. Ergänzend dazu bietet die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion nach Kabat-Zinn ein effektives Instrumentarium, um die Schmerzwahrnehmung durch Meditation und Yoga zu entkoppeln und die Stressreagibilität des Organismus nachhaltig zu senken [19].

Diese Methoden sind der Schlüssel, um die Angst vor Bewegung zu reduzieren und den Parasympathikus zu aktivieren – ein essenzieller Hebel zum Normisieren der gestörten Schlafarchitektur und der Regeneration der Schmerzrezeptoren während der Nacht.

Akupunktur und naturheilkundliche Ansätze

Die Akupunktur ist eines der am besten untersuchten komplementären Verfahren und wird von vielen Patienten und Patientinnen aktiv nachgefragt. Dass Akupunktur die morgendliche Steifigkeit und die Schmerzintensität kurzfristig verbessern kann – ins­besondere bei Einbinden in ein multimodales ­Gesamtkonzept –, wird von einem umfassenden Cochrane-Review bestätigt [20]. Die Wirkung wird unter anderem auf die Modulation endogener ­Opioidsysteme sowie auf Veränderungen neuro­chemischer Mediatoren wie Substanz P im Liquor cerebrospinalis zurückgeführt [21]. Zudem bietet die Naturheilkunde im Bereich ernährungsmedizinischer Modifikationen mannigfaltige Ansatzpunkte. Konkret wäre dies die Umstellung auf eine primär pflanzenbasierte, antiinflammatorische Kost, um den oxidativen Stresspegel zu senken und das allgemeine Wohlbefinden zu erhöhen.

Außerdem ist auf eine ausreichende Zufuhr von Antioxidantien und Omega-3-Fettsäuren zu achten, um die neuroinflammatorischen Prozesse auf metabolischer Ebene zu adressieren.

Die Therapie des FMS ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Sie erfordert eine gefestigte Arzt-Patienten-Beziehung und eine hohe Compliance. Nicht-medikamentöse Verfahren bieten ein Fundament der Behandlung (Tab.), da pharmakologische Interventionen nur begrenzt Erfolg versprechend sind. Nur durch eine ausgewogene Kombination von thermischen Reizen, moderatem Training, psychotherapeutischer Begleitung und gezielter Supplementierung lässt sich der Kreislauf aus Schmerz und Erschöpfung durchbrechen.

Für den Behandelnden bedeutet dies, die Rolle eines Begleiters und Motivators einzunehmen, um den Patienten bzw. die Patientin dazu zu befähigen, durch Lebensstiländerungen die Lebensqualität nachhaltig zurückzugewinnen. Ein tiefgreifendes Verständnis der komplexen Zusammenhänge hilft bei der fachlichen Einordnung und therapeutischen Nutzung FMS-typischer Phänomene.

  1. Yunus MB, Curr Rheumatol Rev 2015; 11(2): 70–85
  2. Gracely RH et al., Arthritis Rheum 2002; 46(5): 1333–43
  3. Üçeyler N et al., Brain 2013; 136(Pt 6): 1857–67
  4. Albrecht DS et al., Brain Behav Immun 2019; 75: 72–83
  5. Fitzcharles MA et al., Lancet 2021; 397(10289): 2098–110
  6. Wolfe F et al., Arthritis Rheum 1995; 38(1): 19–28
  7. Deutsche Schmerzgesellschaft. S3-Leitlinie Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. 2017. AWMF-Reg.-Nr. 145/004
  8. Bidonde J et al., Cochrane Database Syst Rev 2017; 6(6): CD012700
  9. Wang C et al., BMJ 2018; 360: k851
  10. Naumann J et al., Rheumatol Int 2011; 31(8): 1089–95
  11. Brockow T et al., Phys Med Rehab Kuror 2015; 25: 123–30
  12. Bettoni L et al., Clin Exp Rheumatol 2013; 31(3 Suppl 73): S80–S85
  13. Noehren B et al., Arthritis Rheumatol 2015; 67(10): 2765–74
  14. Abraham GE, Flechas JD, J Nutr Med 1992; 3(1): 49–59
  15. Cordero MD et al., Antioxid Redox Signal 2013; 18(11): 1356–61
  16. Wepner F et al., Pain 2014; 155(2): 261–8
  17. Rossini M et al., Clin Exp Rheumatol 2007; 25(2): 182–8
  18. Bernardy K et al., Cochrane Database Syst Rev 2013; 9: CD009796
  19. Lauche R et al., J Psychosom Res 2013; 75(6): 500–10
  20. Deare JC et al., Cochrane Database Syst Rev 2013; 5: CD007070
  21. Harris RE et al., Neuroimage 2009; 47(3): 1077–85
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