Mit Semaglutid in Tablettenform ist nun auch hierzulande der weltweit erste orale GLP-1-Rezeptoragonist bei Adipositas verfügbar. Der bewährte Wirkstoff ist per os ähnlich wirksam und verträglich wie subkutan. Somit entfällt der Faktor Injektion als Hemmschwelle für den Start einer effektiven medikamentösen Adipositastherapie.
„Adipositas ist eine chronische progressive Krankheit und erhöht das Risiko für viele Folgeerkrankungen. Über 18 % der Männer und 20 % der Frauen in Deutschland leben aktuell damit”, fasste Prof. Dr. med. Wiebke Fenske (Bochum) zusammen. Die Behandlung bei Adipositas zahle sich für Betroffene mit Blick auf Komorbiditäten und Lebenserwartung aus, betonte sie. Reiche die multimodale Basistherapie nicht aus, um die Gewichtsziele zu erreichen, könne medikamentös unterstützt werden. Dafür gibt es nun eine neue Darreichungsform des Inkretinmimetikums Semaglutid, das bisher nur subkutan (s. c., einmal wöchentlich) injiziert werden konnte.
Zugelassen ist die Semaglutid-Tablette für Erwachsene mit Adipositas (Body-Mass-Index [BMI] ≥ 30 kg/m²) oder mit Übergewicht (BMI ≥ 27 kg/m²) plus einer gewichtsbedingten Komorbidität. Dazu gehören Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes, Hypertonie, Dyslipidämie, obstruktive Schlafapnoe oder kardiovaskuläre (CV) Erkrankungen. Die Inkretintherapie ergänzt eine kalorienreduzierte Ernährung und verstärkte körperliche Aktivität zur Gewichtsabnahme und -erhaltung. Zur Aufdosierung steht das Präparat in den Wirkstärken 1,5 mg, 4 mg, 9 mg und 25 mg (maximale Erhaltungsdosis/d) zur Verfügung. Es müssen Regeln für die tägliche Einnahme eingehalten werden (nüchtern mit max. 120 ml Wasser, danach mindestens 30 Minuten Nahrungskarenz), um eine ausreichende Resorption des Wirkstoffs zu ermöglichen.
Zulassungsstudie OASIS 4
In der Zulassungsstudie OASIS 4 wurde orales Semaglutid 25 mg im Vergleich zu Placebo geprüft, jeweils in Kombination mit Lebensstilintervention [1]. Die Studie bezog 307 Erwachsene (überwiegend Frauen) mit Adipositas/Übergewicht plus mindestens eine gewichtsbedingte Komorbidität, ohne Typ-2-Diabetes, ein: 205 der Teilnehmenden erhielten orales Semaglutid. Der primäre Endpunkt umfasste die Gewichtsabnahme ab Ausgangswert und den Wirksamkeitsnachweis in Form eines Gewichtsverlusts von ≥ 5 %. Nach 64 Wochen war das Körpergewicht im Schnitt um 16,6%-Punkte reduziert (per protocol), signifikant mehr als mit Placebo (2,7 %). „Mehr als 87 % hatten eine Gewichtsreduktion von mindestens 5 %, 34,4 % von 20 %”, so Fenske, „signifikant mehr als mit Placebo.” Die Ergebnisse ähnelten beim Abnehmen wie bei der Funktionalität denen der Zulassungsstudie STEP 1 für s. c. Semaglutid 2,4 mg, ebenso das Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil [2].
Dies habe die Europäische Arzneimittel-Agentur auch dazu veranlasst, orales Semaglutid hinsichtlich der Reduktion des CV-Risikos wie die s. c. Darreichung einzuschätzen, so Prof. Dr. med. Matthias Blüher (Leipzig) [3]. Er gehe davon aus, dass die Hemmschwelle gegenüber einer medikamentösen Adipositastherapie bei Menschen mit Adipositas und in der Ärzteschaft durch die Tablette sinken wird.
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